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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-16 · Heft 3 (16.1.1877) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 3 (16.1.1877)
Date
1877-01-16
Page
Seite 45 (sequence 13)
Language
German
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45 nachrichtigt, daß der Herr v. Sansac angekommen sei und ihn zu sprechen wünsche, so daß der Polizeilieutenant sofort aus der Sacristei herausging, und dies benutzten wir, um ihr gewisse Fragen, die wir für angemeffen hielten, in Betreff des christlichen Glaubens und der Religion zu thun. Nachdem sie gesagt hatte, daß sie Katharina v. Ferrandes heiße, Wittwe und etwa fünfzig Jahre alt sei, geboren in der Stadt Trancoso in Portugal, seit einem Monat aber in St. Jean-de-Luz wohnhaft, von ihrer Kindheit an die christliche, und zwar die katholische Religion bekennend, antwortete sie weiter: sie sei in Gesellschaft anderer aus ihrer Nation zum Abendmahl gegangen, habe dabei aber die heilige Hostie in ihr Taschentuch gespieen, welches ihr sofort durch einen Priester weggenommen sei; der Teufel, den sie El Pecado (die Sünde) nannte, hätte ihr einen Husten kommen lasten, der sie so stark drängte, daß sie gezwungen war, jene so auszuspeien. Und beftagt, was sie damit gemacht hätte, sagte sie zuerst, sie wüßte nicht, was sie damit gemacht hätte, und fügte dann hinzu, daß, in ihre Wohnung zurückgekehrt, sie die Hostie genommen haben würde, nachdem sie dieselbe mit Master gewaschen; indem sie übrigens erklärte, daß sie dem genannten Don Antonio gebeichtet habe, und daß sie nicht wüßte, ob ihre Gefährtinnen ebenso gehandelt wie sie, oder ob sie auf ihre Handlung geachtet hätten. Wie wir mit ihrer Vernehmung fertig waren, kam der Polizeilieutenant in die Sacristei zurück, begleitet von Meister Israel v. Romatet, einem Advocaten am Bayonner Gericht, und fuhr mit dem Verhör bei Kerzenlicht bis zu 6 oder 7 Uhr fort. Um diese Zeit, daß es schon dunkel geworden, erhob sich großer Lärm und Tumult in der Kirche, was uns bewog, aus der Sacristei herauszugehen, um die Ursache davon zu erfahren und um zu verhindern, daß eine Unzukömmlichkeit begangen werde. Da bemerkten wir das ganze Innere der Kirche mit Leuten angefüllt, die mit einander mit lauter Stimme und in Verwirrung über die von jener Unglücklichen begangene Sacramentsschänvung stritten; und als wir, erstaunt über diese unerwartete Aufregung, den anwesenden Pfarrer nach der Ursache derselben in französischer Sprache befragten, drängte eine große Anzahl dieses Volkes auf uns zu, unterbrach unsere Rede und sagte zu uns in heftiger Weise, wir sollten baökisch sprechen, indem sie dabei ausriefen: „Wir sind alle Basken, wir wüsten verstehen, was Ihr sagt'." Und dabei erkundigten sie sich bei uns verworren und untereinander, die Einen: wo wir die Gefangene gelaffen hätten, ob man sie nach Bayonne führen wollte, ob man ihr Verhör beendigt habe, ob sie die Wahrheit gestanden hätte; die Andern unter dem Rufe: sie würden niemals den Muth haben, die Hülfe Gottes anzuflehen unter den Gefahren des Meeres, denen sie täglich ausgesetzt seien, wenn diese Verworfene, die dem heiligen Sacrament eine besondere Schmach hatte anthun wollen, unbestraft bliebe. Da wir diese Leute nicht beruhigen, ja ihnen kein Wort verständlich machen konnten wegen des großen Lärms und Tumultes, zogen wir uns auf Rath des Rectors und Amtmanns aus der Menge zurück, nach dem großen Altar zu, von dem aus wir Mehrere aus der Menge sich gegen die Thür der Sacristei werfen sahen, um die Gefangene zu ergreifen. Als der königliche Procurator von Labourt sich ihrem Eindringen widersetzen wollte, riefen ihm Einige aus der Schaar folgendermaßen zu: „Ach was! hat Jesus Christus nicht ebenso gut für uns wie für Euch und für die Größten dieser Welt gelitten? Weshalb sollten wir uns also nicht die Kränkung zu Herzen nehmen, die ihm angethan ist? Dieses Verbrechen ist nicht wie ein Mord, Raub und andere ähnliche Vergehen!" Und ein wenig darauf, als jene Unglückliche aus der Sakristei gezogen war in die Mitte der Kirche, stürzte sich die ganze Menge auf sie unter dem lauten Rufe: „Da ist sie, da ist sie!" Die Sturmglocke wurde geläutet, und jene wurde auf dem Marktplatz des Ortes geführt. Da zogen wir uns nach der Wohnung Arguibel's zurück, in Gesellschaft des Rectors, Amtmanns und andern Vornehmsten des Ortes; und als wir über den Platz gingen, sahen wir daselbst ein großes Feuer, umgeben von vielen Menschen, durch welches diese Unglückliche lebendig verbrannt wurde, indem Jeder Holz herbeitrug und hinzulief, wie zu einem Freudenfeuer. Ueber diese Gewaltthat betrübt und bekümmert, zogen wir uns Jeder in sein Haus zurück, indem Einige diese Aufregung und Wuth dem Uebermaße der schändlichen Lästerung jener Unglücklichen und ihre schleunige Hinrichtung dem Eifer für Gott und für die Religion und der Befürchtung zuschrieben, welche dieses Volk hegte, daß, wenn sie sich nach Neufundland ') entfernt hätten — wie sie denn im Begriffe waren abzufahren — das Verbrechen ungestraft bliebe. Am nächsten Tage, dem 20. des erwähnten Monats, ungefähr um 10 Uhr Morgens, als wir in der erwähnten Kirche waren, während der Rector in Gegenwart des Volkes die Meffe sagte, ließen wir die geheiligten Stücke von jener Leinwand abthun in einen Kelch, und der Rector nahm sie sehr gern zur Communion mit der Leinwand der Stelle des Taschentuchs, welche die heilige Hostie berührt hatte, und wir befahlen, daß man sich genannten Taschentuches künftig als Kelchluches bedienen sollte. Hierauf begaben wir uns in die Wohnung des Rectors, wohin wir die Wirthin jener Unglücklichen kommen ließen, die uns zu verstehen gab: vor ungefähr zwanzig Tagen sei jene Unglückliche in ihr Haus gekommen zur Schwester derselben, die seit einiger Zeit mit ihrer Tochter bei ihr wohnte. Sie — die Wirthin — habe am vorigen Sonntag, den 17. des genannten Monats, die drei Frauen benachrichtigt, daß der Rector bei der Predigt alle seine Pfarrkinder ermahnt habe, zu beichten und zu communiciren während der Osterzeit, und zu dieser Pflicht alle Diejenigen, die von ihnen abhängig wären oder in ihren Häusern wohnten, anzuhalten; daß sie, um dem nachzukommen, verpflichtet wäre, es ihnen anzuzeigen, wie sie es thäte; und am 1) Man weiß, daß die Basken sich alljährlich mit dem Stockfischfang bei Neufundland beschäftigen.

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