Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1877)
- Date
- 1877-01-16
- Page
- Seite 46 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227127--35071-3304997- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
46 nächsten Tage, dem 18. desselben Monats, hatten" diese drei Portugiesinnen, die sich übrigens nur sehr selten zum Gottesdienste eingefunden, so oft sie ihnen dies auch vorgeworfen, sich zur Kirche begeben. Ungefähr um 11 oder 12 Uhr wären die beiden andern ohne jene Unglückliche zurückgekehrt, und auf ihre Frage, wo sie dieselbe gelassen, hatten die Portugiesinnen ihr geanlwortet, sie wüßten nicht, was feit dem Morgen aus jener geworden. Seitdem habe sie die Ursache gehört, weshalb jene in der Kirche festgenommen worden, und sei so in der schlechten Meinung bestärkt worden, die sie von ihrer Religion hatte, und habe die beiden aus ihrem Hause weggeschickt, wie auch die übrigen Einwohner des Ortes gethan wegen derselben schlechten Meinung, die sie von ihnen und ihrer Religion bekommen. Kurz darauf sagten uns mehrere Personen des Ortes, daß der größte Theil dieser Leute im Verdacht stünde, Juden zu sein und nach dem mosaischen Gesetze zu leben, da man sie in den früheren Jahren überrascht habe, wie sie au einem Palmsonntage ungesäuertes Brod ohne Hefe buken, um ihr Ostern zu feiern; wie man sie denn auch ein anderes Mal nächtlicher Weile gefunden habe mit angezündeten Lampen und Fackeln, ein Crucifix mit Ruthen streichend; wie man Bücher voll jüdischer Ceremonien bei ihnen ergriffen. Und da alle diese Schändlichkeiten nicht bestraft worden seien, so sei das über die letzte Gräuelthat erbitterte Volk in eine so außerordentliche Wuth gerathen, daß es sie in der heftigsten Weise austriebe, indem es ihnen befehle, binnen drei Tagen den Ort zu räumen, ohne daß man durch irgend welche Vorstellung es davon zurückbringeu könne. Zur Beurkundung und wahrem Zeugniß alles Obigen haben wir dieses unser gegenwärtiges Protocoll aufsetzen lassen zu gebührendem Zwecke, und haben es unterzeichnet und von unserm Amtsschreiber unterzeichnen lassen, am 30. März 1619. Unterzeichnet: Dorharald, Generalvicar und Official von Bayonne. Detöxpare, Amtsschreiber." (Diese Copie ist von der Originalurkunde genommen worden, die sich im Stadtarchive von Saint-Jean-de-Luz befindet. Diese Urkunde läßt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Sie zeigt uns das Vergehen der portugiesischen Jüdin, das, bei unparteiischer Prüfung, nur als höchst gering erachtet werden kann. Denn man kann bei dem was sie that nicht einmal die Absicht erkennen, den der christlichen Kirche geheiligten Gegenstand zu beschimpfen. Sie nahm die Hostie aus dem Munde und that sie in ihr Taschentuch, um sie zu verbergen. Mit Recht steht daher im Texte der Urkunde meist „eseliv", woraus nur mit einer gewissen Ostentation in der Ueberschrift „craclie“ gemacht worden. Sie wollte gleich ihren Genossen die Hostie nicht in sich aufnehmen und sich hiermit nicht materiell an der kirchlichen Handlung selbst betheiligen. Man könnte daraus sogar schließen, daß diesen Leuten der kirchliche Glaube an die Verwandeluung des Brodes in den Leib Christi nicht ganz fremd war. Daß sie aber eine kirchliche Ceremonie mitmachten, muß im Zwange der Verhältnisse gelegen haben, da sie nur selten in der Kirche erschienen und die Vorsicht gebrauchten, ihren eigenen Priester, einen Schicksalsgenossen, mitzubringen, um sie vor jeder Entdeckung möglichst zu schützen. Es war dies Alles eine Consequenz der unerhörten Grausamkeiten, mit welchen die geistliche und weltliche Macht in engster Verbindung diese Menschen verfolgt hatten. Wir sind fern davon, diesen stüchtigen Marannen eine größere Glorie zu erlheilen als sie verdienen. Hätte die Inquisition die Neuchristen und ihre Nachkommen nicht in solcher Weise gemartert, so hätten sie schwerlich den heimischen Boden verlassen, und die letzten Fäden, welche sie mit der Religion ihrer Ahnen verknüpfte, wären nach und nach geschwuunden. Denn es war ja bereits ein Jahrhundert darüber hingegangen, daß ihre Väter sich zur Kirche zu bekennen gezwungen waren. Aber die Kirche selbst wollte sie ausrotten, und diesem Schicksale entstehen sie, wobei naturgemäß die Neigung zur urvaterlichen Religion mit voller Kraft wieder erwachte. Diesem Vergehen gegenüber gewahren wir eine Lynchjustiz des Volkes der entsetzlichsten Art. Wir müssen sagen, des Volkes, nicht des Pöbels, denn dem ganzen Berichte nach nahmen alle Schichten der Bürgerschaft au dem Frevel Antheil. Der Widerstand, welchen die Behörden entgegenstellten, war nur gering. Daß übrigens vor dem theils geistlichen, theils weltlichen Gerichte der Portugiesin kein anderes Schicksal bereitet gewesen wäre, ist augenscheinlich. Der Grund dieser furchtbaren Aufregung bestand aber nicht allein 'in dem Abscheu vor der Entheiligung eines geheiligten Gegenstandes, sondern noch mehr in der Furcht, daß die Strafe Gottes sie treffen und die Ihrigen auf dem Meere den Untergang finden lassen werde, wenn das Verbrechen ungeahndet bliebe. Wir sehen also hier mitten in die Tiefe des Aberglaubens hinein, und dies ist eine nicht minder interessante Seite unsrer Urkunde. Als geschichtliche Thatsache ergiebt sich demnach, daß, wie Herr Caylon in seinem Begleitschreiben an uns sich ausdrückt, die Neuchristen bei ihrer Landung im Departement Baffes-Pyrerwes, wo der erste Punct Saint-Jean-de-Luz ist, sich des Stratagems bedienten, ihren eigenen sog. katholischen Priester, der unter ihnen der rabbinisch gelehrteste war, mitzubringen, um so mit der Landesbevölkerung in religiöser Beziehung so wenig wie möglich in Berührung zu kommen, und heimlich so viel wie möglich den jüdischen Satzungen nachleben zu können. Daß sie so verfuhren, muß in den damaligen Verhältnissen zwingend gelegen haben. Nun bestand aber in Saint-Jean-de-Luz eine jüdische Gemeinde. Wir wissen, daß in dieser jener Fonseca 1606 geboren wurde, welcher als Chacham 1642 von Amsterdam nach Brasilien ging, um bei der ersten brasilianischen Gemeinde zu amtiren. Wir wissen ferner, daß in der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts R. Jsaac Acosta aus Amsterdam nach Saint-Jeande-Luz gegangen und daselbst als Haupt der Jeschiba wirkte. Hat