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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-16 · Heft 3 (16.1.1877) · p. Seite 43

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 3 (16.1.1877)
Date
1877-01-16
Page
Seite 43 (sequence 11)
Language
German
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43 vorragende Kreise beider Parlamente warnend und ab mahnend die Stimme erheben. Was damals als Besorgnis ausgesprochen wurde, steht nun als verabscheuenswerthe Thatsache vor uns und das Auswärtige Amt hat einmal die Aufgabe, der Verfolgung österreichisch-ungarischer Bürger entgegenzutreten und zweitens den Beweis zu führen, daß es mit dem Abschluffe ver Handelsconvention weit entfernt war, die mörderische Praxis der rumänischen Regierung den Juden gegenüber zu fanctioniren. Ein energisches und rasches Handeln ist hier unbedingt geboten und sollte unser Auswärtiges Amt sich allein die Kraft nicht Zutrauen, gegen Rumänien etwas ausrichten zu können — wohlan, es sitzt ja der europäische Areopag beisammen, der die humanen Schmerzen des Welttheils im Orient kuriren soll und die Juden im Orient sind doch sozusagen auch Menschen. Ja, es wäre hoch an der Zeit, daß die europäische Diplomatie sich der periodisch wiederkehrenden Frage bemächtige, die doch nicht weniger eine Frage der Gesittung und Menschlichkeit ist, weil es sich um die Bekenner einer nichtchristlichen Confession handelt. Hoffentlich wird Graf Andrüffy — und zwar ohne Verzug — einen Nachtrag zu seiner berühmten Reformnote schreiben, und wenn er für all' das bosnische und herzezowinifche Gesindel, Las uns im Grunde nichts angehl, Millionen aus unserer Tasche ausgiebt, damit es nicht verhungere, wird er wohl auch ein rasches energisches Wort finden, um jene armen, von Haus und Hof verjagten und ausgeplünderten Juden vom Hungertode zu erretten, die als österreichisch-ungarische Unterthanen seinen wirksamen Schutz nicht von seiner Gnade zu erflehen, sondern von seinem Pflichtgefühle zu fordern berechtigt sind." Pest, 4. Januar. Aus Wien erhielt der „Pester Lloyd" folgende, anscheinend i n s p i r i r t e Miltheilung: Graf A n d r a s s y hat sofort die telegraphisch erforderlichen Schritte wegen der I u -- denhe tze in Rumänien eingeleitet. Tisza hat gestern an das Consulat in Bukarest namens der ungarischen Regierung telegraphirt, falls unter den verjagten und mißhandelten Juden sich ungarische Staatsangehörige befinden, für die einstweilige Unterbringung und momentane Linderung der Roth sofort die erforderlichen Verfügungen zu treffen. Pest, 4. Januar. Ein von competenter Stelle ausgehendes Communiquö in den Abendblättern bezeichnet die Nachrichten über die Judenverfolgungen aus Rumänien als übertrieben. Es wurde im Districte Va slui mehreren Juden die Ausübung der Schankgerechtigkeit verboten. Außerdem sei in Bukarest von der Ausweisung einer gewiffen Janel Finkelstein die Rede gewesen. Bon Seite Oesterreichs sind beim Consulat bezüglich beider vertragswidrigen Verfügungen bei der rumänischen Negierung Schritte eingeleilet worden. Wien, 5. Januar. Das Fremdenblatt schreibt: Sofort nach Eingang der Meldung von der in Rumänien statkgehabten Judenverfolgung, sei der österreichische Vertreter in Bukarest beauftragt worden, im Jntereffe der Humanität und auf Grund der die österreichischen Juden in den Donau-Fürstenlhümern schützenden Verträge nörhigenfalls energische Vorstellungen zu machen. Die eingeleitete Untersuchung habe inveß ergeben, daß die bezüglichen Meldungen theils übertrieben, theils ganz aus der Luft gegriffen seien. (Neuere Berichte bezeugen, daß die Abschwächung der Klagen eine tendenziöse ist, welche zu Gunsten der rumänischen Regierung versucht wird. In nächster Nummer die Belege hierfür. Redaction.) Amerika. New-Iork, im December. Die „New-'Norker Hdls.-Ztg." berichtet: „Mit dem am 5. d. hier angekommenen britischen Dampfer „The Queen" von Antwerpen via Liverpool trafen 3S israelitische Emigranten (darunter 20 Kinder) aus Galizien ein, welche gänzlich von Mitteln entblößt sind. Sie erzählen, daß sie durch die Schilderungen eines ihrer Landsleute, der sich zur Zeit in Brasilien aufhält, sich verleiten ließen, ihr ganzes Besitzlhum zu Geld zu machen und die Reise nach Brasilien, welche, wie ihnen ihr Landsmann geschrieben hat, von Antwerpen aus frei sein sollte, gleichfalls anzutreten. Als sie im letzgenannten Hafen ankamen, wendeten sie sich an den Auswanderungsagenten Lobevanz, von dem sie erfuhren, daß das Fahrzeug nach Brasilien bereits abgesegelr und vor Monatsfrist keine Beförderung dahin möglich sei. Als ihnen mitgetheilt ward, daß das Kostgeld in Antwerpen fünf Francs täglich betragen werde, beschloffen sie, in die Heimath zurückzukehren. Ein anderer Auswanderungsagent in Antwerpen, Namens Adam Wolberg, redete ihnen jedoch zu, sich auf dem Dampfer „The Queen", der in Liverpool zur Abfahrt bereit lag, nach New-^-ork einzuschiffen, woselbst sie ohne große Mühe lohnende Beschäftigung finden würden. Die Emigranten gingen aus diesen Vorschlag ein und zahlten ihre gesammte Baarschaft im Betrage von 2280 Reichsmark für die Ueberfahrt nach New-^)ork. Hier angekommen, erwartete sie jedoch bittere Enttäuschung und sie finden sich, ohne Aussicht aus Verdienst, mit ihren Familien dem größten Mangel preisgegeben. Vorläufig sind sie in Castle Garden untergebrachl worden. Der österreichische Consul hat erklärt, daß er nichts für die Leute thun könnte." 3*

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