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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-16 · Heft 3 (16.1.1877) · p. Seite 42

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 3 (16.1.1877)
Date
1877-01-16
Page
Seite 42 (sequence 10)
Language
German
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42 Bonn, i- Januar. Ueber die im vorhergehenden Artikel gemeldete Judenverfolgung haben wir zur Constatirung der Thalfachen noch folgende Nachrichten anzuführen. Unverkennbar waltet in officiöscn österreichischen Kreisen die Tendenz vor, die früheren Nachrichten als Uebertreibungen zu bezeichnen. Doch wird die Richtigstellung auch für diese Borgänge nicht ausbleiben. Der „Pester Lloyd" meldet: " Bukarest, 1. Januar. (Mit Estafette nach Kronstadt zur Aufgabe befördert). >) Hier treffen täglich Hunderte von jüdischen Familien ein, die von dem Präfeclen Neron Lupseku in Baslui eigenhändig barbarisch mißhandelt wurden und unter Zurücklassung ihrer Habseligkeiten ihre Heinistälte verlaffen mußten. Ihre slehenklichen Bitten, ihre Habe in den Wohnungen nur so lange zu dulden, bis es ihnen möglich würde, dieselbe wegführen zu lasten, wurde rundweg abgeschlagen, ja die Wohnungen wurden gewaltsam erbrochen, die Mobilien auf die Gaste geworfen. Die andersgläubige Bevölkerung betrachtet das Eigenthum der vertriebenen jüdischen Familien als herrenloses Gut und plündert dasselbe als willkommene Beute. Die heimathlosen, ihres Bermögens beraubten Greise, Weiber und Kinder bieten, namentlich in dieser rauhen Jahreszeit, einen wahrhaft herzzerreißenden Anblick. Das hiesige Ministerium will die Klagen der Armen gar nicht anhören, das österreichische Eonsulat hält dieselben, wie gewöhnlich, mit Vertröstungen hin. Sehr viele der Ausgewiesenen sind österreichisch-ungarische Umerthanen. (Und was gedenkt das österreichisch-ungarische Ministerium des Auswärtigen in dieser Sache zu thun? D. Red.) Dasselbe Blatt enthielt in seiner Nummer vom 3. Januar einen außerordentlich heftigen Artikel gegen Rumänien, aus welchem wir folgende Stellen hervorheben: „Nicht abermals wird man in Konstantinopel die Gunst des Augenblicks verscherzen, die Sympathien zurückscheuchen wollen, welche sich heute für die Türkei kundgeben, angesichts des lobenswerthen Slrebens ihrer Regierung und mehr noch angesichts der Erbärmlichkeit ihrer Gegner." „Angesichts der Erbärmlichkeit ihrer Gegner, sagen wir, und nichts kann diese Bezeichnung in höherem Grade rechtfertigen, als der neueste Skandal in Rumänien, wovon der Telegraph empörende Kunde bringt. Die rumänische Nation, welcher, wie es scheint, eine übergütige Vorsehung ersparen wollte, ihren bekannten Heldcnsinn im ehrlichen Wafsenspiel zu documentiren, übt nun ihre Tapferkeit an wehrlosen Judenfamilien, an Greifen, Weibern und Kindern, die sie plündernd aus ihren Hütten wirft, über die Grenzen jagt und dem sichern Untergänge entgegentreibt. Auf dem Umwege über Kronstadt — die walachrsche Feigheit zeigt sich auch darin, daß die Aufnahme der betreffenden Telegramme in Bukarest verweigert wird — kommen t) Weil das Tclcgraphenamt zu Bukarest die Weiterbeförderung versagte. uns über die neueste Judenverfolgung Nachrichten zu, welche das Blut erstarren machen. Die kannibalische Grausamkeit spottet aller Beschreibung und sie muß jedes Herz, das einer menschlichen Regung fähig ist, mit Entrüstung und Mbscheu erfüllen. Die Greuel in Bulgarien", welche, wenn sie überhaupt stattfanden, durch Revolution und Gegenrevolution erklärlich waren, treten hier in schauerlicher Spontaneität auf. Und dies geschieht zu einer Zeit, da Europa für die Postulate der Menschlichkeit im Orient eintritt, zu einer Zeit, da Rumänien den Anspruch erhebt, in die Reihe der unabhängigen Staaten ausgenommen zu werden! Fürwahr, wenn man einen Augenblick von dem verzweifelten Lose der in das Verderben gehetzten Jubenfamilien absehen könnte — man müßte es wie eine besondere Fügung betrachten, daß der walachische Kannibalismus jetzt und gerade jetzt seine Orgien feiert, daß die Nation, auf welche von mancher Seite so große Hoffnungen für die künftige Gestaltung der orientalischen Verhältniffe gebaut wurden, sich gerade gegenwärtig in ihrer ganzen Verkommenheit und Fäulniß vor Europa präsentirt. „Das ist auch ein Stück Culturkampf, wenn Sie wollen" — sagte Fürst Bismarck jüngst in seiner berühmten Rede über die Orientpolitik — und in der Thal, was heute in Rumänien vorgeht, ist auch ein Stück Culturkampf, wie er der Cultur und der Culturfähigkeit jener Stämme entspricht, um derentwillen Europa nahe daran war, alle Schreckniffe eines großen Krieges zu entfesseln." „Wie oft in den letzteren Monaten mußte Ungarn den Vorwurf über sich ergehen lassen, daß es für die Freiheit und Civikisalion der Orientvölker keinen Sinn habe, und wie ungerecht war dieser Borwurf? Wir sehen diese Elemente, welche die westlichen Völker kaum vom Hörensagen kennen und nur äußerst mangelhaft durch das Fernrohr zu beobachten vermögen, wir sehen sie aus unmittelbarer Nähe, wir sehen, daß ihre Freiheit Anarchie, ihr selbstständiges Staatsleben zügellose Barbarei, ihre Cultur rohe Krafläußerung ist, daß ihre Leidenschaften nichts Edles, ihre Bestrebungen nichts Civilisatorisches haben; wir sehen, daß diese Elemente, wenn sie nicht sich selbst verderben und ihre Umgebung belästigen sollen, einer starken Regierungs-Autorität bedürfen, die aber unter ihnen selbst nicht aufzutreiben ist. Und endlich wird auch Europa dies sehen und die wiederholten Scheußlichkeiten, welche die Rumänen verüben, werden denn doch nicht verfehlen, die Erkenntniß dieser Wahrheit zu befördern." „Einstweilen aber fordert die neueste Judenverfolgung in der Walachei auch unsere Monarchie heraus. Es sind zum großen Theile österreichisch-ungarische Unterthanen, welche von den barbarischen Excessen betroffen sind und es ist Pflicht der gemeinsamen Regierung, dem grauenhaften Unfug mit allem Nachdruck zu steuern. Ja, diese Pflicht ist eine zweifache nach dem Abschluffe der Handelsconvention mit Rumänien, gegen deren auf die Juden bezüglichen Bestimmungen die öffentliche Meinung in Oesterreich und in Ungarn und her-

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