Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1877)
- Date
- 1877-01-16
- Page
- Seite 41 (sequence 9)
- Language
- German
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41 sandten das künftige Schicksal der Unterthanen der Pforte und etwa auch der Vasallenstaaten anvertraut ist, den hier ausgesprochenen Wünschen durch ihre Zustimmung Nachdruck geben. Gestützt auf die liberalen Grundsätze, die im österreichischungarischen Staate herrschen, erlaubt sich der gehorsamst gefertigte Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien, welcher an den Pariser Berathungen durch eines seiner Mitglieder theilgenommen hat, unter Anschluß eines Exemplares des Pariser Memorandums und einer gedruckten Sammlung verschiedener auf diesen Gegenstand bezüglichen Acten und Schriftstücke die ganz ergebene Bitte zu stellen: Eure Excellenz geruhe, den bei der Conferenz in Konstantinopel beglaubigten hohen österreichisch-ungarischen Vertretern die Ermächtigung zu erlheilen, den vorstehend ausgesprochenen Wünschen, sowie den Wünschen, die in dem angeschlossenen Memorandum zur Kenntniß der hohen Conferenz in Konstantinopel gebracht werden, Namens der k. k. und k. ungarischen Regierung eine kräftige Unterstützung zuzuwenden."" — SLauiLlau, 26. December. Der seit dem Jahre 1871 bestehende hiesige israelitische Wohlthätigkeitsverein „ Dorsche Tow “ (Förderer des Guten), der zum Zwecke hat, arme Waisenknaben zu verpflegen, zu erziehen und zu nützlichen Staatsbürgern heranzubilden, feierte am 18. d. M. das Einweihungsfest des von demselben erbauten Waisenhauses, dem laut hohen Ministerial- Erlasses vom 27. April 1873 zufolge a. h. Entschließung die Erlaubniß ertheilt wurde, den Namen „Gisela-Waisenhaus" zu tragen. Die Einweihung fand Mittags im Saale des oben erwähnten Waisenhauses, allwo sämmtliche Bereinsmitglieder sich versammelt hatten, statt. Nach Absingung der Bolkshymne wurde vom Ausschuffe des Vereines dem Vereins-Präsidenten, Herrn Lipa Horowitz, in Anerkennung seines seit Bestehen des Vereines an den Tag gelegten Eifers, ein in hebräischer Sprache abgefaßtes Danksagungsschreiben eingehändigt. Der Letztere hielt hieraus die beifälligst aufgenommene Festrede. Sodann hielt der Vereinsverwalter, Herr Süßkind Horowitz, eine Rede, in welcher er am Schluffe ein Hoch aus den Kaiser und die Mitglieder des Kaiserhauses ausbrachte. Italien. Rom, im December. Herr Samuel Alatri, Mitglied des Stadtraths von Rom, hatte bei diesem beantragt, daß an dem Hause, wo der berühmte polnische Dichter Adam Mickiewicz gewohnt hatte, ebenso wie früher für Goethe geschehen, eine Gedenktafel angebracht werde. In Folge deffen hat der Sohn jenes Dichters, Ladislas Mickiewicz, folgendes Schreiben an Alatri gerichtet: „Als Pole und Sohn war ich ungemein gerührt von diesem Vorschläge und ich danke Ihnen dafür von ganzem Herzen im Namen meiner Familie und im Namen meiner Landsleute. „Es ist mir ganz besonders angenehm, daß die Initiative dieser Huldigung für den größten polnischen Dichter von Demjenigen ausgegangen ist, der seit mehr als vierzig Jahren das sehr ehrenwerthe Haupt der Jsraelitengemeinde zu Rom und zu gleicher Zeit ein guter italienischer Vaterlandsfreund gewesen. Mein Vater, der, wie Sie wissen, eine große Zuneigung für Israel hatte, und der, indem er wiederholt verkündete, wie viel die Welt ihm verdankt, die völlige Gleichstellung der Söhne dieses großen Stammes verlangte, gefiel sich darin, den Israeliten anderer Länder den Patriotismus der Israeliten Italiens zum Muster auszustellen, von dem er im Jahre 1848 Zeuge gewesen. Heute findet das Wort, daß Sie zu Ehren von Adam Mickiewicz gesprochen, ein Echo in allen polnischen Herzen . . . ." Rumänien. Bukarest, 31. December. Der „Pester Lloyd" erhält folgendes Telegramm: „Aus dem Mold au-Di stricte Vaslui werden auf Ordre der Präfectur Hunderte von israelitischen Familien, die seit 20 und 30 Jahren in dortigen Landgemeinden ansässig sind, angeblich wegen Vagabundirens mitten im Winter zwangsweise über die Grenze geschafft. Der Befehl lautet: den Ort binnen drei Tagen zu verlassen. Den Leuten geht Haus undHof verloren; Alt undJung ist dem Hungerlode preisgegeben. Alle schriftlichen und telegraphischen Reclamationen an die Kammer und das Ministerium bleiben unbeantwortet." Ist dies nicht die schreiendste Ironie auf die Conferenz der Großmächte in Konstantinopel, um eine gerechte und humane Behandlung der Christen zu bewirken, während dicht daneben, in einem christlichen Vasallenstaate der Türkei, die Christen die Juden auf das Ungerechteste und inhumanste behandeln? Die Türkei proclamirt in ihrer Verfassung die Gleichheit aller Unterlhanen vor dem Gesetze, aber der christliche Vasallenstaat erweist seine Unabhängigkeit dadurch, daß er die grausamsten Religionsverfolgungen in Scene setzt! Bei solchen Vorgängen muß man schließlich zu der Ansicht kommen, daß hier überall nur Heuchelei getrieben wird, und daß unter der Maske der Humanität nichts weiter als die ganz gemeinsten Machtfragen verhandelt werden. Glücklicherweise waltet über all diesem egoistischen Treiben die Vorsehung, welche aus dem Widerspiel der selbstischen Interessen doch zuletzt den Sieg des Rechtes hervorgehen läßt. Dies ist freilich ein schlechter Trost für die, welche in der Gegenwart leiden. — Rathsam wäre es, daß der Delegirte der jüdischen Conferenz zu Paris bei der Conferenz zu Konstantinopel, falls er diese doch zusammen findet, mit dem Memorandum eine Hinweisung auf diese neuesten Grausamkeiten der Rumänen verbände. Eine traurigere Illustration giebt es nicht. 3