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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-16 · Heft 3 (16.1.1877) · p. Seite 40

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 3 (16.1.1877)
Date
1877-01-16
Page
Seite 40 (sequence 8)
Language
German
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40 Kassel zurück. Gleichzeitig verbreitete sich hierauf in Mainz und Karlsruhe das Gerücht, in Kassel habe sich eine Separat- Gemeinde von 00 bis 7 0 Mitgliedern gebildet, und — Ehrmann als Rabbiner angenommen. Frauen sind etwas leichtgläubig, und es war nahe daran, daß Verlobung wäre gefeiert worden. Es wurde jedoch nichts daraus, denn Männer sind vorsichtig, und ein Verwandter, der in Kaffel Erkundigungen einzog, erfuhr der Wahrheit gemäß, daß an eine Separation gar nicht zu denken sei. Aber solche Leute verzweifeln nicht. „Nicht zu denken!" so hat man in mancher Gemeinde wohl auch geglaubt, aber jesuitischen Bemühungen ist ja schon so Manches gelungen, was ehrlichen Leuten unmöglich schien. Ehrmann geht als Privatlehrer nach Kaffel, beschränkt sich aber nicht auf den Unterricht der Kinder, sondern hält auch Bortrage, schmäht die Confirmation, die Orgel, gebahrt sich als ein Ueberfrommer, und nach einigen Wochen steht richtig in einer jüdischen Zeitung: Ehrmann ist als Rabbiner nach Kaffel berufen. Einer Berichtigung wurde die Aufnahme versagt, und die Partie wäre wohl zu Stande gekommen, wenn andere jüdische Blätter nicht noch rechtzeitig durch eine Berichtigung es verhindert hatten. So war denn das Vorhaben vorerst gescheitert. Aber solche Leute lassen sich bekanntlich nicht abschrecken, zumal wenn zu den eigennützigen Plänen die Rachsucht hinzukommt. Auch Lehmann verfolgt seinen Plan jetzt nun noch rückhaltloser. Eine Separation muß in Kaffel durchgesetzt werden und sei das Mittel noch so verwerflich, man darf es nicht scheuen. Zwei sonst unbescholtene, rechtliche Männer, werden veranlaßt, einen Angriff gegen den Landrabbiner, Herrn Dr. Adler, zu unterzeichnen, ohne daß dieselben von dem, was sie unterschrieben, wie sie später reumürhig erklärten, ein richtiges Verständniß hatten. Lehmann, als Redacteur, fügt noch einige nicht aus Wahrheit beruhende Bemerkungen hinzu, und fordert nochmals mit aller Leidenschaft zur Trennung auf. Doch der Schuß ging fehl. In rer Gemeinde war man fast einstimmig über ein solches Verfahren entrüstet. Man machte jenen beiden Männern Vorhalt, und sie erklärten offenherzig, sie seien von Ehrmann hierzu verleitet worden und bereuen aufrichtig, es gethan zu haben. Der Gemeindevorstand nahm die Sache in die Hand, und Lehmann's Verfahren hatte nur den Erfolg, baß in der ganzen Gemeinde der Zusammenhalt um so mehr befestigt und gegen die Aufforderung zur Trennung ein wahrer Abscheu angeregt wurde. Herr Dr. Ehrmann hat gewiß selbst die Erfahrung gemacht, daß unter den Mitgliedern, deren Privatlehrer er ist, kein einziges daran denkt, von der Gemeinde sich zu trennen, um so weniger, als alle nun sehr wohl wissen, daß auch die gegen den Rabbiner erhobenen Beschuldigungen lediglich zu dem Zwecke erfunden worden, um den oben angeführten selbstsüchtigen Zweck zu erreichen. Möchten alle jüdischen Gemeinden diesen buchstäblich wahren Vorgang wohl beachten und auf der Hut sein, daß nicht ein Fuchs in ihren Weinberg sich einschleiche. -e- Oesterreich - Ungarn. Wie», 3. Jan. (Privatmitth.) Die hiesige „Israelitische Allianz" hat ein Circulär versendet, in welchem es nach dem Eingänge heißt: „Der Vorstand der Wiener israelitischen Allianz übermittelte am 31. v. M. Sr. Excellenz, dem Minister des Aeußern, Herrn Grafen Andraffy, eine Abschrift dieses Memorandums und begleitete dasselbe mit einer speciellen Adresse, der wir folgende markantere Stellen entnehmen. „Die Gefahr liegt nahe, daß, während für einen Theil der nichtmuselmanischen Unterthanen der Pforte — die Christen — Verbesserungen der politischen und bürgerlichen Stellung erzielt würden, die nichtchristlichen oltomanischen Unterthanen außer Berücksichtigung blieben. In dieser Richtung hat Rumänien ein erschreckendes Beispiel gegeben. Seitdem dieses Land durch Erlangung einer vollständigen Autonomie von der directen Einflußnahme der Pfortenregierung losgelöst wurde, hat es Europa das Schauspiel einer fanatischen Verfolgung nichtchristlicher Staatsbürger gegeben. Die Verfassung, welche soeben von der hohen Pforte proclamirt wurde, über deren vollständige Durchführung oder Nichtdurchführung uns kein Urtheil zustehl, hat den Grundsatz der Gleichheit aller Confesfionen in der Türkei ausgesprochen. Sollte es nun möglich sein, daß die Vertreter der freien Staaten in Konstantinopel hinter jenen Grundsätzen Zurückbleiben, welche, soeben von der Türkei proclamirt, in ihren eigenen Staaten Geltung haben? Gründe der Gerechtigkeit und der gesellschaftlichen Ordnung erheischen demnach, daß in den neuen, in Konstanstinopel eventuell zu treffenden Abmachungen der Großmächte der im europäischen Rechte allgemein acceptirte Grundsatz der Gleichheit nach allen Richtungen hin vollständig gewahrt werde, weil nur hierdurch allein eine Verschlimmerung des Zustandes 'einer (der jüdischen) Classe von Staatsbürgern vermieden werden kann. Thatsache ist es, daß bisher in der Türkei alle Nichtmuselmanen in einem gleichen Verhältnisse sich befanden. Wenn nun durch die neuen Einrichtungen, welche die Mächte etwa zur Geltung brächten, nur die christliche Bevölkerung mit neuen Rechten bekleidet würde, die jüdische jedoch im alten Zustande verbliebe, so würde dadurch ein neuer Rechlsumerschied geschaffen, die jüdische Bevölkerung stigmatisirt, und würden durch diese Stigmatisirung und Jsolirung politische und gesellschaftliche Zustände geschaffen werden, welche für die Juden schlimmer wären, als die bisherigen, wobei wir wiederum auf Rumänien hinzuweisen uns erlauben. Die in Paris versammelten jüdischen Delegirten waren sich klar darüber, daß ihr an die hohe Conferenz in Konstantinopel geleitetes Memorandum nur dann von Wirkung sein könne, wenn die einzelnen hohen Regierungen, deren Botschaftern und Ge-

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