Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1877)
- Date
- 1877-01-09
- Page
- Seite 29 (sequence 13)
- Language
- German
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29 Grundzug Disraeli's ihm zum Vorwurf gemacht. Die Franzosen können bei den Engländern Zweifaches nicht begreifen: erstens, daß die äußere Politik aller Parteien sich wesentlich immer gleichbleibt, wenn auch die eine so lange sie in der Opposition ist, die Politik der anderen bekämpft; und zweitens, daß es zur Normalität des englischen ConstitutionalismuS gehört, wenn eine Reform zur Forderung der ganzen Nation geworden, es Sache der conservativen Partei wird, die in extremer Gestalt von ihr bekämpfte Reform in gemäßigter Weise duribzuführen. In dem Leben fast aller englischen Staatsmänner, selbst bei James Fox, lasten sich daher Wandelungen Nachweisen, die jedoch meist bei voller Consequenz des Charakters vor sich gingen. Unsre Leser setzen voraus, daß wir an dieser Stelle Disraeli weder zu zeichnen, noch zn vertheidigen beabsichtigen. Wir haben etwas Anderes im Auge. Herr Quesnel will für die von ihm an dem englischen Staatsmann beobachteten Merkmale eine Erklärung finden, und findet sie auch, nemlich darin, daß Disraeli — ein Jude ist. Wie sollte er auch dies nicht? Sobald an einer hervorragenden Persönlichkeit Eigenschaften bemerkt werden, die dem betreffenden Beobachter nicht gefallen, so weiß man gleich, daß diese, falls hier ein Jude unter das Objectivglas gebracht worden, seiner jüdischen Abstammung angehören! Grobheit und Wandelung sind zwar Eigenschaften, welche an sehr vielen außergewöhnlichen Personen herauszufinden, die aus den vielfachsten Racen entsprungen sind; aber wenn sie sich bei einem Juden finden sollten, so find fie zweifellos jüdisch, semitisch. Herrn Quesnel liegt dies so nahe, daß er gleich damit beginnt und in der ersten Zeile sich über „den jungen Juden" wundert, der aus „einer damals noch so verachteten Race" stammend, es bis „zur Apotheose der Peerie" gebracht hat. Selbst die von Disraeli bewiesene consequente Vorliebe für die Torys, welche doch das Gegentheil von der ihm vorgeworfenen Wandelbarkeit ist, wird auf eine Verehrung des Vermögens, des feudalen Besitzes und des altbegründeten Ansehens zurückgeführt, die Disraeli als Juden natürlich sei. Und so wird auch schließlich bei der ruhigen Attitüde, welche jetzt der Premierminister rm Hause der Gemeinen anzunehmen pflege, „sein unbewegliches Gesicht mit den semitischen Zügen" nicht vergessen. Bei seiner Reformbill werden „seine geheimen Sympathien für die Klasse von Arbeitern und Enterbten, aus der seine Familie hervorgegangen", gellend gemacht, die er jedoch nur in seinen Romanen ausgesprochen habe. Es wundert uns, daß der Verf. nicht auch hervorgehoben, wie Disraeli, als über die Zulassung der Juden zum Parlamente verhandelt wurde, gegen diese nicht stimmte, obschon er als Tory nicht dafür sein konnte. Vielleicht hat Quesnel dies nicht gewußt. Jndeß auch seine großen Erfolge als Redner weiß Herr Quesnel aus der orientalischen Natur Disraeli's zu erklären. Er sagt: „Die Natur des Herrn Disraeli gehört zu denen, die in England um so mehr gefallen, jemehr sie mit dem englischen Temperament contrastiren. Die Männer des Morgenlandes, ihre energischen Züge, ihre bilderreiche Sprache üben auf unsre Nachbarn eine um so größere Verführung aus, als sie sie von ihren monotonen Geistesgewohnheiten losreißen." Er glaubt daher, daß Disraeli als „großer Künstler" so glücklichen Erfolg gehabt, weil er sich an so entgegengesetzte Naturen wandte, besonders an Landbesitzer und Manufakturisten. , Unter Künstlern selbst würde er kaum geglanzt haben. Man wird uns fragen, was ist denn aber schließlich von solchen Charakterzügen zu halten, welche man aus der jüdischen Abstammung herleitet? Nun, wir weisen sie durchaus nicht gänzlich ab, fragen aber vor Allem bei deren Aufstellung nach den Motiven und der Tendenz. Daß die Nationalitäten und Racen Eigenthümlichkeiten haben, die dann mehr oder weniger einen Einfluß aus das Leben der Individuen ausüben; daß der jüdische Stamm durch seine Geschichte, durch seine nie dagewesene Ab- und Ausschließung und selbst durch die Vorurtheile, die man gegen ihn hegte, Eigenthümlichkeiten besitzt, wer könnte ries leugnen? jDas Schlimme ist nur, daß nichts schwieriger ist, als nationale und Raceneigenthümlichkeiten festzustellen und durch das Wort fixiren zu wollen. Denn da wir sie doch nur an Individuen beobachten können, fragt es sich immer, was individuell und was generell sei? Aber die Hauptschwierigkeit kommt von dem Beobachter selbst. der allzuleicht findet, was er sucht, der aus einen Schema heraus erkennen will, und der nicht selten von Boruriheilen getränkt ist. Dies nun namentlich bei der Beurtheilung der Juden. Daher sagen wir, wir sehen zunächst auf die Motive und die Tendenz, und wiffen, woran wir uns zu halten haben, wenn alle üblen Eigenschaften auf den Juden, alle guten auf das Individuum zurückgefüürt werden. Im Ganzen kennt man die Juden noch sehr wenig und es hat uns oft schon zum Lächeln gebracht, wenn wir sahen, daß ihnen Eigenschaften zugesprochen werden, die sie gar nicht besitzen, und solche, die ihnen eigen sind, nicht gekannt werden. Uebrigens haben wir schon oft genug hervorgehoben, und dies spricht sehr gegen die Allgemeinheit des jüdischen Typus, daß die Juden in den verschiedenen Ländern sehr verschieden geartet sind, so daß z. B. polnische, deutsche, englische und sog. portugiesische Juden gar nicht mit einander verwechselt werden können. Vermischtes. Juden in Mekka. Juden und Christen ist noch immer das Betreten von Mekka bei Todesstrafe verboten; dagegen wohnen im nahen Dscheddah schon zwei jüdische Familien, die auch in Mekka ihre Magazine haben und diese Stadt mit Maaren versehen.