Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1877)
- Date
- 1877-01-09
- Page
- Seite 28 (sequence 12)
- Language
- German
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28 seits und die Frage der türkischen Provinzen andererseits stehen auf einer verschiedenen Grundlage mit Bezug auf irgend etwas, das für die innere Administration der Türkei gethan werden dürste. Ich dürfte sicherlich nicht vorbereitet sein, irgend welchen Maßregeln administrativer Reform zuzustimmen, die nicht dazu bestimmt sind, gleiche Anwendung auf alle nichtmuselmanischen Unterthanen zu finden. (Beifall.) Was Serbien und Rumänien betrifft, so macht ihre halb unabhängige Position directe Schritte gegen dieselben zu einer sehr schwierigen Sache. Wir wollen sehen, was in dieser Beziehung gethan werden kann. Ich kann Ihnen keinen befferen Rath ertheilen, als beständig und bei allen geeigneten Gelegenheiten an dasjenige zu appelliren, was, wie Sie finden werden, eine stärkere Unterstützung bietet, als die, welche irgend eine Regierung Ihnen gewähren kann, nämlich die Unterstützung der öffentlichen Meinung. (Beifall.) Welche Acte der Intoleranz in irgend einem abgelegenen Winkel Europas ausgeübt werden mögen, so finden sie nicht die Sympathie der öffentlichen Meinung Europas. Ich brauche mich nicht weiter über die Angelegenheit zu verbreiten. Ich kann nur wiederholen, daß es mir Vergnügen machen wird, durch alle mir zu Gebote stehenden Mittel die Zwecke zu fördern, die Sie und ich gleich im Augenmerk haben." (Beifall.) Türkei. Koustanliuopel, 30. Decbr. Die am 7. Zilhidjn 1293, d. i. am 23. December 1876, verkündigte Berfaffung des ottomanischen Reiches hat in Europa meist nur Unglauben, zum Theil Verspottung hervorgerufen; man hält sie entweder für eine großartige Spiegelfechterei oder für daß Traumbild einiger erhitzter Köpfe. Man hält den faulen Körper des türkischen Reiches, das aus so vielen verkommenen Nationalitäten und in craffem Aberglauben versunkenen Confessionen besteht, für unfähig, eine moderne europäische Verfassung anzunehmen und zu verwirklichen. Nun kann man zwar die großen Schwierigkeiten nicht verkennen, denen die Ausführung einer solchen Berfaffung unterliegen wird. Aber — die Macht der Verhältnisse ist stärker als die Menschen, und dann unterschätzt man doch auch die Befähigung der Orientalen, neue Verhältnisse zu begreifen und sich in sie zu schicken. Die neuesten telegraphischen Depeschen bezeugen, daß selbst die Conserenz der Großmächte doch bereits auf die Berfaffung rücksichtigt, und dies verleiht ihr schon einen factischen Werth. Daß wir mit dem Blick auf das Schicksal unserer Glaubensgenossen in der Türkei der Verfassung eine große Bedeutung beilegen, ist sehr natürlich. Wir geben daher Näheres über die Art. 8—27 aus dem zweiten Abschnitt, in welchem von den öffentlichen Rechten der Ottomanen gehandelt wird. Es heißt darin ungefähr: Alle Angehörigen des Reichs heißen ohne Unterschied der Religion Ottomanen, genießen gleiche Freiheit und können nur nach den gesetzlichen Bestimmungen deren verlustig erklärt oder mit Strafe belegt werden. Der Islam ist die Staatsreligion, jedoch schützt mit Austechterhaltung dieses Princips der Staat alle religiösen Gemeinschaften, sofern durch dieselben nicht gegen die öffentliche Ordnung oder die guten Sitten verstoßen wird. Der Unterricht ist frei, die Schulen stehen unter.staatlicher Aufsicht; wenn man durch die Einheit des Unterrichts zu vermitteln bestrebt sein wird, so soll dies doch geschehen, ohne den verschiedenen religiösen Genossenschaften zu. nahe zu treten. J e u i l Noch einmal Disraeli. Die Franzosen sind keine Freunde der englischen Staatsmänner. Da die französischen und englischen Interessen sich oft durchkreuzen und die englischen Minister sich deshalb nicht selten im Widerspiel mit Frankreich befinden, die französischen Kritiker aber sich von ihrem nationalen Standpunct nicht zu trennen vermögen, kommen die ersteren bei den letzteren gewöhnlich schlecht weg. Wir lasen jüngst in der Revue des deux Mondes eine Biographie Palmerston's, in welcher der Autor mit voller Naivität immer wieder hervorhob, daß P. Frankreich abgeneigt gewesen und diesem meist zuwiderhandelte, und aus diesem Gesichtspunkte den berühmten Lord überall schulmeisterte. Jetzt begegnen wir in der Revue politique et literaire einer Reihe Schilderungen zeitgenössischer Staatsmänner von L«o Quesnel, in welcher Disraeli in der Nummer vom 9. Sept. d. I. portraitirt wird. Daß auch hier eine starke Antipathie vort e t o il herrscht, ersieht man leicht daraus, daß der Vers, zu den Hauptzügen seines Bildes eine Auslese ans den meist vor 40 Jahren erschienenen Pamphleten Disraeli's gegen Lord Melbourne, Robert Peel, John Russell und Palmerston verwendet, und zwar von der gröbsten und gehässigsten Art. Diese, noch der Jugend und der anstrebenden Zeit des jetzigen Premierministers angehörenden, dem damaligen Geschmacke der Engländer entsprechenden Grobheiten sind eigentlich Alles, was der Franzose zur Eharaklerisirung des bedeutenden Schriftstellers und eminenten Staatsmannes anführt, Neben diesen figurirt nun noch die Anschuldigung großer Wandelbarkeit in den Ansichten, welche Disraeli ergriffen, vertheidigt und durchgeführt habe. Daß er anfänglich radikal gewesen, dann aber zu den Torys ubergegangen und deren Führer und eigentliche Stütze geworden, daß er ein Freund Peel's, später dessen heftiger Gegner war. daß er der Ausdehnung des Stimmrechtes starke Opposition gemacht, 1866 aber selbst eine desfallsige Reformbill eingebracht — Alles dies wird als ein