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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-09 · Heft 2 (9.1.1877) · p. Seite 27

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 2 (9.1.1877)
Date
1877-01-09
Page
Seite 27 (sequence 11)
Language
German
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27 Schweiz. St. Gallen, 2. Januar. (Privatmitth.) Daß wir die neueste Zwangsmaßregel, durch welche unser wohlerworbener Gottesacker geschlossen werden soll, nicht ruhig hinnehmen, können .Sie aus dem Bericht über die jüngsten Verhandlungen des RegierungSrathes ersehen, aus welchem ich folgende Stelle wörtlich hervorhebe: „Die Borsteherschaft der israelitischen Religionsgenvssenschaft zeigt an, daß sie gegen den großräthlichen Beschluß, wonach ihr Friedhof im Kronthal geschloffen werden soll, remonstriren und vom Gr. Rathe die Aufhebung des Beschluffes verlangen werde. Sie ersucht daher den Regierungsrath, den großräthlichen Beschluß bis zur neuen Entscheidung des Gr. Rathes nicht zu vollziehen. Der Regierungsrath entspricht dem Gesuche." Belgien. Brüssel, 20. Dec. (Privatmitth.) Die öffentlichen Blätter haben bereits ausführlich über die neue financielle Calamitär berichtet, welche über Brüssel hereingebrochen. T ie Bank L'Union du Credit hat, nachdem ihr Director Emmerique mit Unterschlagung von vier Millionen entwischt ist, für ihre Verpflichtungen ein Moratorium nachsuchen müssen. Es sind hierbei abermals zahlreiche Familien in die traurigste Mitleidenschaft gezogen. So hat sich ein neues Glied an die lange Kette der financiellen Schändlichkeiten, welche seit einer Reihe von Jahren in Belgien verübt wurden, gefügt. Die Langrange, Fröres Jaques, Phillipart, Tkind u. s. w. wollen ihr Ende noch immer nicht erreicht haben, und hätten den stnanciellen Ruin Belgiens herbeiführen muffen, wenn dieses Land und seine emsige Bevölkerung nicht so viele Quellen des Wohlstandes besäßen. Warum wir dies an dieser Stelle besprechen? Allerdings um hervorzuheben, daß an allen diesen Ueberspeculationen und Schwindeleien, an diesen zum Theil genialen Selbsttäuschungen, meistens aber gemeinen Betrügereien, Diebereien und Hehlereien in der langen Reihe von Jahren sich kein Jude betheiligt hat, sich unsre hiesigen Glaubensgenoffen, selbst in der Zeit der größten Verlockung von ihnen ferngehalten haben, sondern den Weg res richtigen und ehrlichen Geschäftes gingen! Auch ich bin ein Freund der vollen socialen Gleichstellung und würde mich glücklich schätzen, wenn eine Unterscheidung zwischen Jude und Christ einzig und allein nur noch da stattfande, wo von unmittelbaren religiösen Angelegenheiten die Rede wäre. Aber zu oft ist in den letzten Jahren von gegnerischer Seite wider dieses Princip gesündigt worden, zu oft hat man die Juden zu Sündenböcken der großen financiellen und industriellen Krise gemacht, als die alleinigen Urheber und Berschulder des Krachs gebrandmarkt, als daß wir es uns nicht selbst schuldig wären, die das Gegentheil beweisenden Thalsachen auf's Nachdrücklichste hervorzuheben. Das Factum tritt so bestimmt hervor und verursacht in gewissen Gemüthern einen nicht geringen Verdruß, daß dieser sich sogar durch den Mund einer hohen Person bei der letzten Neujahrs-Cour durch ironische Bemerkungen über das Wohlbefinden der israelitischen Gemeinde verlautbar machte. In Folge der Ereignifle des ablaufenden Jahres wäre die Veranlassung gegeben, daß sich ein solcher Vorgang am diesmaligen Neujahrstage wiederholen konnte. Freilich sollte man meinen, daß man sich an gedachter Stelle freuen müßte, daß wenigstens ein Theil der hiesigen Financiers sich von allen diesen unsauberen Geschäften fernhalte. Wenn dies nur nicht gerade der jüdische Theil wäre! Hoffen wir jedoch von ganzem Herzen, daß der Boden Belgiens endlich von diesen verderblichen, gewissenlosen Glücksjägern freigeworden sei und sich von Neuem eine solide Zukunft eröffne! Großbritannien. London, 28. December. (N. fr. Pr.) Eine Deputation des Englisch-jüdischen Vereins (Anglo-Jewish Association) machte gestern unter Führung des Barons Henry de Worms dem Earl von Derby im Auswärtigen Amte ihre Aufwartung und überreichte ihm eine von der unlängst in Paris abgehaltenen jüdischen Conferenz ausgearbeitete Denkschrift, worin die britische Regierung ersucht wird, durch die in Konstantinopel versammelte internationale Conferenz ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß keine Lösung der orientalischen Frage erfolge, die nicht die sociale Lage der Juden in Rumänien und Serbien in Betracht ziehe und die denselben gewährte bürgerliche und religiöse Freiheit vervollkommne. Nachdem Baron Worms, sowie die jüdischen Parlaments-Mitglieder Serjeant Simon und Mr. Goldsmid den Anschauungen der Deputation Ausdruck gegeben, ergriff Lord Derby das Wort zu einer längeren Erwiderung. „Sie mögen sich", begann er, „überzeugt halten, daß unter der jetzigen Regierung und ohne Zweifel auch unter irgend einer anderen Regierung, die in diesem Lande gebildet werden dürfte, die Politik Englands stets die Beseitigung aller Unterschiede zwischen den Bekennern eines religiösen Glaubens und des andern begünstigen wird. Wir wissen, daß das, was über die Verfolgung — es verdient diesen Namen — gesagt worden ist, welcher die Juden in Serbien und Rumänien ausgesetzt worden sind, nicht unwahr ist; aber Sie dürfen es für gewiß erachten, daß der Einfluß dieses Landes in einer Weise ausgeübt werden wird, die uns als die räthlichste und praktischste erscheint, um die Wiederkehr ähnlicher Handlungen in Zukunft zu verhindern. (Beifall.) Was die Denkschrift betrifft, die Sie in meine Hände gelegt, so habe ich dieselbe heute Morgen zum ersten Male gesehen. Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, dieselbe sorgfältig zu lesen, und will daher keine detaillirte Meinung darüber abgeben, aber ich werde sie der Botschaft in Kcnstantinopel übersenden, damit dieselbe dieserhalb die geeigneten Schritte thun kann. Die Frage Rumäniens und Serbiens einer-

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