Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1877)
- Date
- 1877-01-09
- Page
- Seite 25 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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25 Wir fugen hinzu, daß Herr Dr. Bär auch auf dem jüdischliiurgischen Gebiete, namentlich in seinem Ausgezeichnetes geleistet hat. — Wie wir hören, ist derselbe eben mit der Abfassung eines bedeutenden masorelischen Werkes geschäfrigt, das bereits so weit gediehen sein soll, daß es in der nächsten Zeit dem Drucke übergeben werden kann. Herr Bär soll niemals eine andere Lehranstalt als die Elementarschule seines Heimathsortes Biebrich besucht haben! Gießen, 25. December. (Privatmilch.) Gegenüber der neulichen Mittheilung in dieser Zeitung, daß in Birkenberg die Israeliten einen etwas größeren Prccentfatz zu den Strafgefangenen liefern, als die beiden christlichen Confesfionen; gegenüber dieser, allerdings ausfallenden, vermuthlich aus irriger Berechnung beruhenden Mittheilung bin ich in der Lage, aus dem Großherzogthum Hessen das große Gegentheil in eclatanter Weise berichten zu können. Seit einer langen Reihe von Jahren mit der religiösen Belehrung der jüdischen Sträflinge in dem Landes-Zuchthause Marienschloß (4 Stunden von hier) beauftragt, machte ich jedesmal bei meiner Dorthinkunft die Erfahrung, daß die Zahl der Juden da eine verhältnißmäßig viel kleinere war, als die der christlichen Insassen. Während nämlich die Juden des Großherzogthums genau 3 pCt. der Gesammteinwohnerschaft des Landes bilden, betrug die Zahl der darin inhaslirten Israeliten durchschnittlich kaum die Hälfte ihres — berechtigten Contingentes; und seit einigen Jahren befinden sich unter den 300 Sträflingen dort durchschnittlich immer nur drei, sage drei Juden; gewiß kein ungünstiges Zeichen für die sittlichen Zustände der Juden des Großherzogthums, wie der Juden überhaupt. — Und bei dieser Gelegenheit mögen noch folgende statistische Notizen hier ihren Platz finden. In rer ganzen Zeit meiner amtlichen Thäligkeit an der Strafanstalt war kein Israelit wegen Straßenraub, Mord, Todtschlag, Aufruhr, Landesverrath, Majestätsbeleidigung, Desertion u. dgl. inhaftirt; Kindesmord, Brandstiftung, fleischliche Vergehen, Einbruch, Diebstahl kamen mehrmals vor, am meisten aber Meineid, Betrug, Fälschung. — An Sabbathen und jüdischen Festen brauchen die jüdischen Sträflinge nicht zu arbeiten; koschere Kost bekommen sie nichts wäre auch nicht leicht zu beschaffen, schon der geringen Zahl wegen, und weil im nahen Dorfe keine Juden wohnen. Nur für Ostern habe ich sie ihnen zu erwirken vermocht. Sonst sind sie in ihren religiösen Uebungen ungehindert. — Und der Seltenheit wegen schließlich noch die Thatsache, daß ich einmal innerhalb der Gefängnißmauern eine Scheidung vollzogen habe, wozu mir Zeit und Localität in liberalster Weise gewährt worden waren. Dr. Levi, Großherzogl. Rabbiner der Provinz Oberhesien. Fürth, 28. December. (Privatmitth.) Welchen Erfolg die Bemühungen der hiesigen Bürgerschaft und der städtischen Behörde um die Erlaubniß, einen jüdischen Lehrer an der öffentlichen Schule anzuftellen, zu erlangen, gehabt, wird man aus dem folgenden Bericht über die heutige Sitzung res Stadlmagistrats ersehen. Auf die Eingabe der Volksversammlung wegen Anstellung eines israelitischen Lehrers an der hiesigen confessionell-gemischten Schule ist eine Entschließung des Cultusministeriums eingetroffen, in welcher ausgeführt wirr, daß der Eingabe eine Folge nicht gegeben werden kann, da der christliche Charakter der Schulen vor Allem gewahrt werden müsie. Aus dem in der Eingabe angeführten Beispiele der Städte Nürnberg und Grünstadt könne eine Consequenz für hiesige Stadl nicht gezogen werden. In Nürnberg handle es sich uor Simultanschulen, eine freiwillige Schöpfung der Gemeinde, deren Besuch Jedem freistehe. In Grünstadt sei an der dortigen Volksschule ein israelitischer Lehrer angestellt worden, nachdem die israelitische Schule eingegangen sei. Herr Löwenstein glaubt, daß der Magistrat sowohl wie der größte Theil der Bürgerschaft eine andere Entschließung seitens des Cultusministeriums nicht erwartet hätte. Es stehe aber noch ein Weg offen und das sei der einer Eingabe an die Kammer. Die Entschließung enthalte mehrere Unrichtigkeiten. Wenn z. B. in Grünstadt durch Anstellung eines israelitischen Lehrers an der dortigen Volksschule der christliche Charakter rer Schule nicht beeinträchtigt werde, so werde er es in gleichem Falle hier wohl auch nicht. Er beantragt. der Magistrat möge aussprechen, die Sache sei so gelagert, daß eine Eingabe an die Kammer erlaffen werde. Der Antrag wird angenommen. — Man sieht, es wird immer derselbe Weg eingehalten. Nachdem man sich den confessionell-gemischten Schulen, wo die Bürgerschaft es verlangt, nicht mehr widersetzen kann, will man wenigstens die Anstellung eines jüdischen Rechnen-, Schreibeu. s. w. Lehrers verhindern, unter dem Vorwände, „den christl. Charakter der Schule zu bewahren", als ob dieser nicht in der Mehrheit der Schüler und* der Lehrer läge und durch den einen jüdischen Lehrer nicht gestört werden würde. Welche äußerliche Anschauung von dem „christl. Charakter" und den Mitteln, ihn zu bewahren! Es wird ganz angemessen sein, die Sache vor die Kammer zu bringen, damit sie im Hellen Lichte des Tages behandelt werde, wenn auch von der ullramontanen Mehrheit der Kammer eine günstige Entscheidung kaum zu erwarten steht. Erwitte, 31. Dec. (Eingesandt.) Ihre geschätzte Zeitung, geehrter Herr Redacteur, enthält in Nr. 50 vom 12. d. Mts. einen Artikel über die hier am 26. October stattgefundene Kreislehrerconferenz. Die in diesem Artikel gegebene Mittheilung verpflichtet mich, um die Sache klarzustellen, zu folgender Erklärung. Der Unterzeichnete war der jüdische Lehrer, welcher das in dem angezogenen Artikel Angeführte gesprochen hat. Der Herr Kreisschulinspector hat mich im Vortrage zwar unterbrochen, mir aber das Wort nicht entzogen, sondern mich ruhig meine Meinung