Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1877)
- Date
- 1877-01-09
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
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22 Zur Ehre der Adressaten sei übrigens bemerkt, daß gerade in Folge dieser Zuschrift die Anhänglichkeit derselben an unsere Gemeinde gesteigert wurde. Auch von den Ausgetretenen ist bereits Einer, und zwar der Höchstbesteuerte, wieder in den Schooß der Gemeinde zurückgetreten und werden ihm hoffentlich noch Andere folgen. 2betfciutcj 6iiax(aU/cßteii. Deutschland. Berlin, 25. December. Es ist selbstverständlich, daß eine neue Einrichtung, wie die des jüdischen Religionsunterrichtes in den öffentlichen Schulen einer so großen Comune nur allmählich vor sich gehen kann, noch dazu, da sie nicht eine bestimmte gesetzliche Anordnung, sondern nur die Billigkeit und Gerechtigkeit für sich hat. Die öffentlichen Blätter enthalten folgendes: Mehrere' jüdische Einwohner der Louisenstadt haben sich an den Magistrat gewendet und gebeten, bei den höheren Schulen dieses Stadttheils wie bei den höheren Töchterschulen einen besonderen jüdischen Religionsunterricht einzurichten. Im Magistrat war man der Ansicht, daß diesem Antrag in Bezug auf alle höheren Schulen zwar stattgegeben werden kann, zumal der Etat auch die nöthigen Geldmittel aussetzt; es wurde jedoch beschlossen, zunächst noch die Directoren der höheren Schulen über die Zahl der vorhandenen jüdischen Schüler und das vorhandene Bedürfniß zu Horen, um demnächst auch darüber zu beschließen, wie der Unterricht ertheilt werden soll, entweder durch Heranziehung besonderer Lehrer für den jüdischen Religionsunterricht an den einzelnen höheren Schulen oder durch Anstellung von Lehrern, an deren Unterricht die Schüler mehrerer Anstalten theilnehmen können. —. Der Justizrath Wagener ist in zweiter Instanz verurtheilt worden, an die Concoursmaffe der pommerschen Centralbahn 600,000 Thaler zu zahlen. So ergeht es einem Manne, der in der „Kreuzzeitung" so viele Schmähungen auf die Juden gehäuft hat! — Jüngst enthielt ein jüdisches Blatt einen heftigen Angriff gegen das hiesige jüdische Lehrerseminar. Es ist nicht unsere Aufgabe, diese Anstalt zu vertheidigen; aber die Gerechtigkeit erfordert zu bemerken, daß, je bitterer der Artikel geschrieben war, desto mehr ermangelte er der Sachkenntniß. Unter Anderm wirft er dem Berliner Seminar vor, daß die Schüler nicht genug hebräisch lernen. Nun recrutiren diese sich sonst gänzlich aus jungen Männern aus Rußland, Galizien u. s. w. Diese bringen viele talmudische Kenntniffe mit, wohingegen sie im Deutschen und in allem Profanwiffen völlig roh sind. Sie haben daher eher von ihrem pilpulistischen Wiffen zu vergeffen, als daß ihnen das Hebräische nach seminaristischem Maße beizubringen wäre. Das hiesige Lehrerseminar hat das Verdienst, aus einer nicht geringen Zahl dieser Leute sehr brauchbare Schulmänner gebildet zu haben. Es wäre den Seminaren zu Hannover, Münster u. s. w. zu wünschen, daß die aus ihnen hervorgehenden Seminaristen nur einen 'genügenden Theil von dem hebräischen Wiffen mit sich nähmen, welches die Schüler der Berliner Anstalt zu besitzen pflegen. — Breslau, 21. Dec. In Angelegenheit der israelitischen Bevölkerung der Balkanhalbinsel haben Vorstand und Repräsentanten der hiesigen Synagogengemeinde unterm 12. d. M. eine Vorstellung an den Fürsten Reichskanzler gerichtet, welche bereits unterm 20. d. M. eine ebenso freundliche wie in der Sache überaus günstige Erwiderung gefunden hat. Wir sind in der Lage, die intereffanten Actenstücke ihrem Wortlaute nach wiederzugeben. 1. Petition: Durchlauchtigster Fürst, Gnädigster Herr Reichskanzler! In dem Augenblicke, wo die Conferenz von Bevollmächtigten der europäischen Großmächte in Konstantinopel Zusammentritt, um über eine durchgreifende und dauernde Verbesserung der Lage der christlichen Bevölkerung der Balkaninsel zu berathen, wendet sich die Aufmerksamkeit und Theilnahme der Israeliten im civilisirten Europa unwillkürlich dem Schicksale ihrer zahlreichen Glaubensbrüder in eben jenen türkischen Provinzen zu. Wenn diese bisher im Allgemeinen das traurige Loos ihrer christlichen Mitunterthanen theilten und gleich diesen nicht nur eines einigermaßen gesicherten Rechtszustandes in bürgerlicher, politischer und religiöser Hinsicht entbehrten, sondern auch in socialer und wirthschaftlicher Hinsicht unter dem schweren Drucke localer Mißregierung zu leiden hatten, so schweben sie jetzt in Gefahr, von den Wohlthaten des verbesserten Zustandes, den die europäische Intervention herbeizuführen bemüht ist, in der Folge sich dennoch ausgeschlossen zu sehen, sofern nicht zu ihren Gunsten ausdrückliche und unzweideutige Bestimmungen in denjenigen Abmachungen getroffen werden, welche die unter die Garantie der Mächte zu stellende, urkundliche Grundlage für vie künftige Berfaffung und Verwaltung der türkischen Provinzen mit gemischter Bevölkerung bilden sollen. Bon dieser durch frühere Erfahrungen als nicht unbegründet erwiesenen Besorgniß geleitet, haben angesehene Vertretungen israelitischen Affociationen in England und Frankreich soeben Schritte eingeleitet, um der Conferenz in Konstantinopel den Antrag zu unterbreiten, daß bei Feststellung der Verhältnisse der mehrgedachten türkischen Provinzen den dort wohnenden Israeliten der gleiche und volle Milgenuß aller bürgerlichen, politischen und