Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1877)
- Date
- 1877-01-09
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
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21 besagten Amtmann bittend, ihre Hand darüber zu halten, versprochen hatten den Lauf der Gerechtigkeit abzuwarten. Als wir in genanntem Saint-Jean-de-Luz ungefähr um die Mittagsstunde angelangt waren, nahmen wir Herberge bei der Frau d'Arguibel, wo genannter Rector, Amtmann und Geschworene uns sagten, daß sie sehr erleichtert seien durch unsere Ankunft und versichert, daß unsere Gegenwart und Ansehen in dieser Angelegenheit die gute Ordnung aufrecht erhalten würden. Eine Stunde nachher, da wir vor allem anderen Dinge das Taschentuch sehen wollten, in dem die heilige Hostie bewahrt war, begaben wir uns, begleitet von genannten Beamten des Königs, dem Amtmann, den Geschworenen, Rector und mehreren anderen in die Kirche des genannten Ortes, wo wir das genannte Taschentuch aus dem Tabernakel entnehmen ließen und nach Anzündung der Kerzen und wahrend wir alle auf den Knieen lagen, zeigte der genannte Rector uns und allen Anwesenden dasselbe vor und Jeder konnte darin die heiligen Brote erkennen eingesaltet und etwas gelockert ohne Beimischung von Speichel, mit den Enden ein wenig an der Leinewand haftend, so daß man beim Anblick urtheilen konnte, daß dies eine kleine Hostie sei, die, nachdem sie ein wenig befeuchtet, in Leinwand geschlagen fei. Dies geschehen wurde besagtes Taschentuch in demselben Zustande wieder in das Tabernakel gethan und als wir aus genannter Kirche herausgingen mit der Absicht über besagten Exceß uns des Weiteren zu unterrichten, trat uns auf dem Kirchhof genannter Kirche ein Haufen sehr erregter Menschen an und stellte uns vor, daß die Kenntnißnahme dieses Verbrechens uns ganz besonders angehöre, weil dieses eine Schmähung und Beleidigung der Ehre Gottes und der christlichen Religion sei, daß sie übrigens entschlossen seien, die Gefangene nicht aus besagtem Ort herausgehen zu lassen, daß sie durch Zufall, durch Bestechung, durch Begünstigung und durch die Längen und Formalitäten der Justiz entkommen könne, daß sie selbst Mörder und andere Verbrecher den Händen der Gerechtigkeit überliefert hatten und keine Bestrafung sahen; daß sie oft ins Spanische zu gehen hätten und daß man sie dort beschimpfen würde, wenn diese Abscheuliche entkomme, ohne die Strafe zu erleiden, die sie verdient hätte; daß der Frevel so handgreiflich und notorisch für Jedermann sei, daß es nicht benöthige, irgend eine Rechtsformalität in Anwendung zu ziehen und nur erübrige, auf der Stelle die Hinrichtung vorzunehmen. Auf diese und ähnliche Aeußerungen, die sie mit größter Leidenschaft an uns richteten, erwiderten wir, daß wir Gott sehr dankbar seien wegen des Abscheus, den sie vor der dem preiswürdigen Leibe Jesu-Christi angethanen Beleidigung und Schmähung empfänden, daß ihr Eifer, lebhafter Glaube und die Bestrafung, die sie forderten, ihm nur sehr angenehm sein könnten; daß wir uns ebenfalls an den Ort der That begeben hätten mit demselben Eifer und Bestreben, Kenntniß davon zu nehmen; daß aber nichtsdestoweniger Gott, der die Gerechtigkeit eingesetzt habe, auch fordere, daß man sie in den von ihm 'zu diesem Zwecke eingesetzten Formen ertheile; daß Jeder von uns straucheln und in Verschuldung fallen könne und daß wir in diesem Falle verlangen würden, daß man ohne Vorurtheil und nach den gewohnten Förmlichkeiten gegen uns verfahre. Während dieser Reden näherte sich uns der genannte Lieutenant und ließ selbiges Volk hören, indem er mit ihnen französisch sprach, daß er von Eifer für die Sache Gottes wie sie getrieben und wegen der fluchwürdigen Schandthat ihrer Gefangenen sich an den Ort der That begeben habe, um sich zu informiren, und daß man sie nachher sofort richten könne, ohne sie anderswohin zu führen, und ermahnte sie indessen Geduld zu haben und sich zu hüten, irgend eine Gewaltthat zu begehen. Diesem liehen sie willig Ohr und erklärten, daß sie davon befriedigt seien und den genannten Lieutenant bäten, prompte und genaue Justiz zu üben. (Schluß folgt.) Die Folge« des preußischen Äustrittsgesehes. IX. Wiesbaden, im December. (Privatmittheil.^ Aus der Mitte der (separatistischen) „israel. Religionsgesellschaft" dahier sind an hiesige, dem entgegengesetzten Extreme hulvigenden, mit den jüd. Ceremonialvorschriften auf sehr gespanntem Fuße lebenden Mitglieder unserer Cultusgemeinde anonyme Briefe mit der Aufforderung zum Austritte aus der Gemeinde zugegangen. Zur brandmarkenden Charakterisirung der Mittel, die man hier im Namen der Religion in wahrhaft diabolischer Weise zur Sprengung der bestehenden Gemeinde anwendet — denn an einen Anschluß an die „Religionsgesellschaft" kann ja bei den betreffenden Persönlichkeiten gar nicht gedacht werden — übergeben wir hiermit das in Rede stehende Schriftstück der Oeffentlichkeit. Es lautet wie folgt: „Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß eine große Anzahl hiesiger Israeliten aus der jetzigen Reformgemeinde austreten wird. Diese jüdische Reformgemeinde, der schon längst der wahre Begriff des Judenthums abhanden gekommen ist, muß aufhören zu existiren. Lassen wir die sogenannten Fortschrittler noch länger ihr Wesen treiben, so läuft unsere altehrwürdige Religion Gefahr durch den nur durch die Reformen hervorgerufenen Jndifferentismus verloren zu gehen. Wollen Sie das verhindern helfen , so treten Sie aus und helfen Sie eine Gemeinde bilden, die nur das wahre Judenthum repräsentirt. Schreiber dieses wird sich Ihnen nennen, wenn Sie der jetzigen Gemeinde nicht mehr angehören. J. F."