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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-02 · Heft 1 (2.1.1877) · p. Seite 12

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 1 (2.1.1877)
Date
1877-01-02
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 geistige unc materielle Lage, die gleiche Gefahr und Rettung, die gleichen Richtungen und Ziele ein so starkes Bindemittel abgegeben hatten? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, denn abgesehen davon, daß die Stellung, Behandlung und Culturstufe in den verschiedenen Landern noch sehr verschieden ist, ergiebt sich selbst in den verschiedenen Ständen und Berufsarten auch eine sehr mannigfaltige Gestaltung. Es wird an einem Moment verloren, wahrend am anderen um so mehr gewonnen wird. Auch bleibt sich ja die Geistesströmung nicht zu aller Zeit gleich, und es kommen nach Jahrzehenten Anschauungen und Bestrebungen zum Vorschein, die man früher nicht vorausgesetzt hat. Doch wir wollen dies heute nicht näher erörtern, sondern zwei Vorgänge schildern, welche aus dem Volksgeiste selbst entsprangen, und doch ganz entgegengesetzter Natur sind. Man wird sich in die Zeit vor 1855 versetzen müffen, bevor Alexander II. den Thron des großen Czarenreiches bestiegen hatte und eine seiner ersten großherzigen Regierungshandlungen die Aufhebung jener grausamen Ausnahmevorschriften war, unter welchen die Rekrutirung bei den jüdischen Unterthanen des Kaisers stattfand. Auch muß man sich erinnern, daß dieser Urheber so vieler und so tiefgreifender Reformen in seinem Staate zuerst die Dauer des Militärdienstes herabsetzte und dann vor wenigen Jahren die allgemeine Wehrpflicht einführte, womit natürlich eine gesetzlich bestimmte angemessene Dienstzeit verbunden ist. Im Jahre 1850 hatte man von diesen segensreichen Umwandlungen noch keine Ahnung und Soldatwerden hieß so viel, wie aus der Heimath und von den Verwandten aus Lebenszeit scheiden. Wenige kamen zurück und fanden dann von den Ihrigen kaum etwas mehr übrig. Je eifriger man sich daher der Aushebung entzog, namentlich seitens der Juden, desto härter wurden die Maßregeln, welche man gegen diese anwandte. Man fuhr fort, auch auf die militärpflichtigen Juden Jagd zu machen, aber mit noch größerem Eifer griff man auf sieben- bis zwölfjährige Knaben und schickte sie nach der Affenttrung in die neugegründeten Svldaten-Colonien. Damit war ein Doppeltes erreicht: man wurde der Knaben leichter habhaft, weil ein Kind schwer aus dem Elternhause flüchten kann, und man konnte diese verkümmerten Sprößlinge zweckgemäß erziehen und willige, robuste Kriegsmaschinen aus ihnen machen. Drakonische Maßregeln gegen die Bestechung förderten die Ausführung. Kurz — der Czar konnte zufrieden sein, obwohl die Sterblichkeit unter den kleinen, bejammernswerthen- Recruten schrecklich groß war und jeder Zweite, höchstens jeder Dritte die Colonie erreichte und heranwuchs. Aber vem beugte man dadurch vor, daß man gleich von vornherein die doppelte Anzahl der Pflichtigen aushob. — In dieser schrecklichen Lage mußte es sich zeigen, ob die Juden in sich ein Mittel fänden, um die Wirkungen, welche für sie der allmählichen Ausrottung gleichkommen mußten, abzuwehren. Ein genauer Kenner der damaligen Vorgänge beschrieb dies jüngst in folgender Weise: „Kein Wort kann wohl die Verzweiflung schildern, welche sich damals der polnisch-russischen Judenschast bemächtigte. Aber es war keine betäubende Verzweiflung, welche die Hände im Schoße ruhen ließ. Alle Sehnen dieser energischen Volksseele spannten sich, ging es doch um das, was ihnen das Heiligste war, um Gott und ihre Kinder! So lange die Kinder in Rußland blieben, gab es kein Entrinnen. Auch nach Preußen und Oesterreich nicht, die ihre Grenzen streng bewachen ließen. So blieb denn Rumänien als die einzige Zuflucht, und bald entwickelte sich längs der Pruthgrenze ein geheimes verwegenes Treiben. Durch das ganze podolifche und beffarabifche Gouvernement wurden in Zwischenräumen von vier bis fünf Meilen Stationen eingerichtet: in einsamen Dorfwirthshäufern oder in einer Kellerei vor der Stadt oder im Vorhof einer abgelegenen Betschule. Gelang es dem jugendlichen Flüchtling, unbehelligt eine dieser Stattonen zu erreichen, so war er auch so gut wie gerettet. Denn zwischen diesen Zufluchtsstätten bestand ein regelmäßig organisirter Verkehr. Die Knaben blieben den Tag über geborgen und wurden Nachts immer um eine Station weiter geführt, gewöhnlich noch überdies mit Tuch umwickelt, als Waarenballen. Bei Lipkany war die letzte Station, von da wurden sie auf Kähnen über den Fluß geführt, nach der Moldau, wo ihre Glaubensgenossen sie empfingen und weiter für sie sorgten. Auf die Dauer konnte es natürlich den Russen nicht entgehen, daß eine geheime Macht ihre Absichten durchkreuzte und ihnen just die besten Bissen entführte. Ein hoher Preis wurde auf die Enthüllung des Geheimnisses gesetzt, aber obwohl vielleicht hunderttausend Menschen darum wußten, so muß man doch der Wahrheit die Ehre geben und constatiren, daß sich kein Berräther darunter fand. Die Entdeckung wurde zufällig herbeigeführt_ „Ein Kutscher, Roth-Moschele geheißen, fährt ganz gemächlich Nachts auf der Straße am Dniester und drinnen liegen zehn Knaben in Kotzen eingewickelt. Begegnen ihm auf einmal dreißig Kosaken. „Was führst du da?" — „Pferdedecken", sagte Moschele ganz ruhig. „Lade sie ab". — Moschele erschrickt nicht, wirft die zehn Ballen auf die Erde, und von den Kindern muckst sich keines, sie sind ohnehin halbtodt vor Schreck. Aber da sticht ein Kosak mit seiner Pike in einen Ballen, und das arme angestochene Jüngel schreit. So ist das Ganze aufgekommen. Wie der Russe erst eine Station gewußt hat, hat er auch alle anderen erfahren, und das Retten hat aufgehört. Zwanziglausend Menschen sind deshalb ins Unglück gekommen, die Jungen unter die Soldaten, die Alten nach Sibirien. Zwanziglausend l" Dieser ergreifenden Schilderung des Herrn Karl Emil Franzos fügen wir noch eine einzelne Begebenheit hinzu, welche der genannte Autor berichtet. In der bekannten russischen Stadt Belz lebte damals ein reicher, wohlthätiger und angesehener Jude, Namens Naphtali. Er hatte eine siebzehnjährige Tochter Gittel und einen zwölfjährigen Knaben. Jetzt, nachdem jene Rettungs- Veranstaltung gänzlich vereitelt war, trat die.Gefahr, seinen eigenen Sohn affentirt zu sehen, auch an ihn heran, da die Beamten

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