Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1877)
- Date
- 1877-01-02
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Türkei. Koustautiuopel, 23. December. Heute ist die Verfassung des ottomanischen Reiches verkündigt worden. Sie ist eine Constitution, vollständig nach europäischem Muster. Wir heben die an unserer Stelle interessirendeu Sätze hervor: Die Unkerthanen des Reiches werden Ottomanen genannt. Die Freiheit derselben ist unverletzlich. Der Islam ist die Staatsreligion; derselben soll indeß kein theokratischer Charakter beiwohnen. Die religiösen Privilegien der Gemeinden, sowie die freie Ausübung aller Culte werden gewährleistet. Die Gleichheit aller Unterthanen vor dem Gesetze, die Zugänglichkeit der öffentlichen Aemter ohne Unterschied in Bezug auf die Religion werden zugesichert. Die Verfassung läßt nichts zu wünschen übrig, und die ottomanischen Juden erhalten die vollkommenste Gleichberechtigung. Es handelt sich aber dabei um das Wichtigste, um die Ausführung. Denn wenn bis jetzt die Reformen der Pforte nicht in dem Maße unausgeführt blieben, wie ihre Feinde es ausgeben, so blieb die Thal doch weit hinter dem Worte zurück, was jedoch auch seinen Grund darin hatte, daß die Reformen nur sehr theilweise waren, wodurch ihre Verwirklichung schon in sich unmöglich oder beschränkt wurde. Allerdings haben deshalb die europäischen Mächte Las Recht, Garantien zu fordern. Rußland. Brüssel, 17. Decbr. (Privatmitth.) Bekanntlich verficht der hier erscheinende „Nord" die russischen Interessen und zwar in officiöser Weise. In seiner heutigen Nummer berichtet er aus einer Correspondenz aus Kischinef: „Die Israeliten, deren Abneigung für den Militärdienst man kennt, machen sich bei der gegenwärtigen Mobilisirung durch den Eifer bemerklich, mit welchem sie dem Rufe unter die Fahnen Folge leisten, und während sonst gewöhnlich die Zahl der Israel. Refractaire beträchtlich ist, ist sie diesmal unbedeutend. Man erkennt auch hieraus, daß die Bevölkerung aller Confesfiouen einen gleichthätigen Aulheil an der Bewegung zu Gunsten der Raja's nimmt, deren wahrhaft nationaler Charakter sich also in seiner ganzen Evidenz zeigt." Es ist nicht unsre Sache, die Richtigkeit der Bemerkungen über die lebhafte Theilnahme des russischen Volkes an dem Kampfe zu Gunsten der christlichen Slaven zu bezweifeln, und daß die Russen jüdischer Religion hieran ihren Antheil haben. Indeß müssen wir, gestützt auf die ftüheren Mittheilungen gewissenhafter Militärbehörden, die Behauptung über die sonst gewöhnliche große Anzahl der Israel. Refractaire zurückweisen, da dieselbe seit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht falsch ist. In Deutschland nimmt die Zahl der aus Rußland herüberkommenden Juden, namentlich der jüngeren, sichtlich ab, und wohin sollten sonst die Refractaire sich flüchten? Die Absicht, weshalb die Correspondenz aus Kischinef jene Behauptung noch einmal anfstellt, ist zu klar, um sie weiter anSeinandersetzeu zu müssen. Odessa, 11. Dec. (Privatmitth.) Am 8. d. Abends verschied zu Paris die Gattin des hochgeachteten Barons Horace Günzburg, Anna geb. Roseuberg. Die Nachricht ihres Hinscheidens kam Lurch den Telegraphen nach hier und bewirkte die allgemeinste, schmerzlichste Theilnahme in jüdischen wie christlichen Kreisen. Im neununddreißigsten Lebensjahre. Mutter von elf Kindern, von deren das jüngste drei Wochen zählt, eine anmurhize Erscheinung, hat sie der Tod plötzlich von der Seite ihres Gatten, aus der Mitte ihrer Familie gerissen. Eine Zierde der feinsten Salons in Paris und Petersburg, war sie zugleich eine aufrichtig ftomme Jüdin, und zeichnete sich durch einen unbeschrankten Wohlthätigkeitssinn aus. Sie bewährte diesen uneruiüdlich, erwarb sich aber ganz besondere Verdienste in dem Kriegsjahre 1871, als sie unzähligen Soldaten der unglücklichen Bourbaki'schen Armee und vielen Dürftigen nach der Belagerung von Paris die reichsten Spenden zuwandte. Es war mir ein Bedürfniß, im Namen zahlloser Verehrer auch aus Rußland die aufrichtige Trauer über den Verlust dieser edlen Frau an dieser Stelle zu bezeugen. L. T. Jeuilleton. Zwei charakteristische Vorgänge. Wir haben in dieser Zeitung schon wiederholt unsre Ansicht auseiuandergesetzt, daß der Eintritt der Juden in das allgemeine Culturlebeu, in das volle Recht und die ganze Theilnahme innerhalb aller Richtungen und Bewegungen der Gesellschaft für sie ein Ereigniß von solcher Bedeutung und Tragweite, von solcher umgestaltenden Kraft in allen ihren Verhältnissen und Lebensbedingungen geworden, daß es jener Zerstreuung unter alle Völker nach dem zweiten Falle Jerusalems an die Seite zu stellen ist. Um so mehr muß die Beobachtung interessiren, welche verschiedenartige Erscheinungen unter der Einwirkung dieser Umgestaltung zum Vorschein gekommen und immer wieder und weiter austreten. Auf der Oberfläche liegt da Vieles, was schon dem ersten Blicke sich darbietet. Anderes geht in der Tiefe vor, und drängt sich nur unter besonderen Umständen als Thatsache herauf. Eine Hauptftage ist: wirkt diese Cultur auflösend oder bindend aus die Masse der Juden? stört oder fordert sie den Zusammenhang in ihr, für welche, obschon in unzählige Gruppen vertheilt, in größere und kleinere, doch das gleiche Geschick, die gleiche