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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-02 · Heft 1 (2.1.1877) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 1 (2.1.1877)
Date
1877-01-02
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 Lyck (Preußen), im December. (Privatmitth.) Wie leicht die Clausel des Gesetzes „Aus religiösen Bedenken", welche doch das ganze Motiv und hiermit den Kernpunkt des Gesetzes bildet, genommen wird, und zwar von Männern, von welchen man den größten Respect vor dem Gesetze erwartete, bezeugt ein Vorfall in hiesiger Gemeinde. Im October v. I. ließ sich ein Herr N. N. hier nieder. Ende des Vierteljahres wurde derselbe vom Synagogenvorstande im Berhältniß zu der von ihm zu entrichtenden Claffensteuer auch zu den Gemeindeabgaben herangezogen. Allein N. N. weigerte sich diesem Ansinnen nachzukommen, da er von der Synagogengemeinde Nichts habe, und drohte dem Vorstande, falls die Lasker'sche Resolution durchgehe, aus der Synagogengemeinde zu scheiden, wenn ihm nicht ein Theil dieser Abgaben erlaßen wird. In einer Repräsenrantenversammlung wurde jedoch beschlossen, dem Gesetze Genüge zu thun, zumal eine Steuervergünstigung des Einen eine Benachtheiligung der Andern ist, und so mußte dem N. N. mit Execution gedroht werden, wenn er nicht die Gemeindeabgaben entrichte. Balv darauf kam N. N. zu einem großen Vermögen und wurde zur Classensteuer auch von seinem Privatvermögen eingeschätzt und mußte folglich auch zur jüdischen Gemeinde mehr als zuvor beitragen. Dies brachte ihn so auf, daß er selbst den Gemeindediener beschimpfte, so oft er die Gemeindeabgaben bei ihm einzucassiren kam. Doch N. N. schied aus der Synagogengemeinde nicht aus, selbst als das Austrittsgesetz langst in Kraft trat; denn er mochte fürchten, er könnte der Gemeinde in einem gewissen Familienfalle bedürfen: der Zufall jedoch überhob ihn dieser Eventualität und da das Gesetz ihm und seiner Familie einen Platz auf dem jüdischen Begräbnißort reservirt, erklärte er im November seinen Austritt aus der Synagogengemeinde vor dem Richter, natürlich — „aus religiösen Bedenken"—. Herr N. N. hat seit seinem Hiersein der Synagoge nicht einmal die Anstandsvisite gemacht; selbst am Versöhnungstag zog er das Wirthshaus der Synagoge vor, kennt demnach den Gottesdienst der Gemeinde gar nicht, und dennoch scheute er sich nicht, seinen Austritt „aus religiösen Bedenken" zu erklären! L. Literarischer Wochenbericht. Potsdam, 14. Dec. bsio1 2 nonbn. Eine morgenländische Trauerscene aus dem „Saron" von Dr. L. Philippson, metrisch übersetzt in's Hebräische von Jacob Fischer, öffentlichem Lehrer und autorisirtem Rabbiner in Baja. Preßburg, 1876. Seitdem im Mittelaller die jüdische Literatur durch das Mittel der Uebersetzung aus dem Arabischen bereichert wurde, begegnen wir in unfern Tagen zum ersten Mal einem ähnlichen Anbau des hebräischen Literatur- und Sprachgebiets durch Uebertragung moderner Schriftwerke. Aber nicht wie damals giebt die . strenge Wissenschaft in ihrer Berührung mit dem Glauben allein den Ausschlag für die Wahl; sondern zugleich auch die schöne Form, durch welche irgend ein Ausschritt des jüdischen Lebens zu einem anmuthenden Gebilde wird, sowie das edle Empfinden, das dem religiösen Stoffe eine ästhetische Weihe zuführt, reizen zur Uebersetzung und bewirken durch diese sowohl eine Entwickelung des Sprachgeistes, als eine Reinigung des Glaubens und Denkens. Von diesem Gesichtspunkte aus verdient die mettische Uebersetzung der „morgenländifchen Scene" in's Hebräische vom Rabbiner Fischer betrachtet zu werden, durch welche wiederum eine jener schönen und spannenden Dichtungen mit hebräischem Sprachgewande umkleidet wird, die im „Saron" von vr. Philippson *) (2. Bd. 1. Thl.) enthalten find. Wenn es schon an sich schwer ist, das Innere und Geistige einer Sprache durch Uebersetzung wiederzugeben, so wird das ganz besonders bei poetischen Gestaltungen der Fall sein, die noch dazu an eigenartige Stilformen und mettische Gesetze gebunden sind. Vornehmlich aber sträubt sich aus diesem Grunde das Hebräische gegen den Dienst der Uebersetzung, das der modernen Metrik abgeneigt erscheint und in dem „Parallelismus", dem zweitheiligen und meist reimlosen Verse, das erhabene Pathos seiner Poesie zum Ausdruck bringt. Die großen Meister des Mittelalters, die das mettische Gesetz weiter faßten und in demselben den Widerschein arabischer Dichtungsformen durchleuchten lassen, haben allerdings den reichen Blüthenschmuck erwiesen, der auch am Baume der hebräischen Poesie prangt; allein immerhin ist das Fremdartige dieses Schmuckes nicht verwischt, und wir haben den Eindruck, als ob zugleich auch damit — abgesehen von dem talmudischen Verbot des Theaters — der gänzliche Mangel scenischer Poesien in hebräischer Sprache zu jener Zeit wesentlich zusammenhinge. Denn die ineinander verschlungene Handlung, welche durch derartige Dichtungen dargestellt wird, die seelische Stimmung der handelnden Personen, der Wechsel der Gespräche bedingen eine Mannichfaltigkeit des Rhythmus und einen malerischen Wechsel der Verse, die dem hebräischen Sprachidiom von Natur nicht eigen, sondern erst durch künstlerische Nachbildung ftemder Formen in ihm entstanden sind. Das erste gedruckte -) hebräische Drama, unter dem Namen mpnn '|-tok bekannt, rührt aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts (1673) und hat Joseph ben Jsaac Penso in Amsterdam zum Verfasser, und erst 70 Jahre später (1743) erscheint das zweite, ein epochemachendes dreiactiges Drama von Moses Chajim Luzzatto, das unter dem Titel nbnri tt-nw-'b bekannt ist, und sowohl dem rrbny bira von David Franco Mendez (1776), einer freien Bearbeitung der Athalie von Racine, als auch dem rvnb-i rvnm von Mendel Breßlau (1786) zum Vorbilde dient, woran sich zuletzt das zweiactige "»br-irr: rrn: 1) Das Trauerspiel „Jojachim" desselben Verfassers wurde . . . von.in's Hebräische übersetzt. 2) Das Manuscript eines gleichzeitigen Dramas von Moses Zakutto, betitelt „Jesod Olam", fand Herr vr. Berliner in den Bibliotheken von Turin und Modena. (Magaz. für jüd. Gesch. u. Literatur.)

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