Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1877)
- Date
- 1877-01-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Als eine solche schädliche Erscheinung und literarische Gründer« haben wir die jetzt bereits in zweiter Auflage veröffentlichte „Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwickelung bis zur Gegenwart von F. von Hellwald (Augsburg, Lampart, 1876)" zu bezeichnen. Die Culturgeschichte ist eine neuere Wiffenschafr und die eigentliche Geschichtsphilosophie nach der inductiven Methode. Sie erfaßt das geschichtliche Dasein, fei es eines Volkes, fei es einer Zeit, in allen seinen Momenten als ein Ganzes, um deffen Wesen, Charakter und Ziel vom Standpunkte der Cultur zu erfassen und darzustellen; sie geht dann weiter und vereinigt alle geschichtlichen Erscheinungen der Menschheit wiederum zu einem Ganzen, um den Gang der gesummten Entwickelung des Menschengeschlechtes zu erkennen und zu zeichnen. Daß dies eine der bedeutendsten und schwierigsten Aufgaben ist, die sich der Forschergeist gestellt, und daß deren richtige Lösung, weil sie uns zum eigentlichen Bewußtsein über uns selbst, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verhelfen wird, von höchster Bedeutung ist, daß dies aber auch eine Geistesarbeit ist, welche nur durch viele, tiefeingehende und glückliche Thätigkeit nicht eines, sondern vieler Forscher und Denker zum Ziele wahrer Erkenntniß geführt werden kann, leuchtet von selbst ein. Die Culturgeschichte hat daher bereits eine ganze Literatur, in welcher Namen von höchstem Glanze, auch emsige Forscher hervorleuchten, Andere auch von einseitigem, wenn auch ernstem Charakter. Wir nennen: Herder, Heeren, Hegel, Klemm, Wachsmuth, Buckle, Draper, Lecky, Kolb. Was Wunder, daß sich auch dieses neuen Erzeugniffes des modernen Geistes die modische Strömung bemächtigte, die Hypothesensucht, die Oberflächlichkeit und der Materialismus, und es in seinen Strudel zu ziehen sucht? Ein Beweis hierfür ist das vorliegende Hellwald'sche Werk, eine Complication zumeist aus der Tagespreffe, aus Broschüren und Parteischristen, die überall als Quellen und Beweisstücke cirirt werden, besonders der jüngsten Jahrgänge des „Auslandes", deffen Redacteur Herr v. Hellwald ist. Dieser giebt selbst den Materialismus als die Grundlage an, auf welcher er seine Ansichten über die Geschichte der Menschheit aufgebaut. Da er aber durchaus kein philosophischer Geist ist, und sein Denken jeder erforderlichen logischen Consequenz entbehrt, kann man nicht einmal sagen, daß er dieses Princip wirklich durchgeführt und zur Geltung gebracht hat. Herr v. Hellwald, stüher Officier, wird allgemein als ein ungründlicher Vielschreiber betrachtet, der leicht und oberflächlich, aber anmaßend und mit der Maske der Entschiedenheit über die auseinanderliegendsten Dinge schreibt. Die Biographie Peschel's und die holländische Literatur, die Erde und ihre Völker und der Darwinismus, nach feinem verschiedensten Inhalt, die Ausgrabungen in Rom und noch zahllose andere Gegenstände werden von seiner Feder in schnellem Wechsel behandelt. Daher mag es auch gekommen sein, daß die ernsteren Kritiker und Fachmänner bis jetzt über die Culturgeschichte Hellwald's hinweggesehen haben und. eine wiffenschaftliche Beurtheilung dieses Machwerks bis zur jüngsten Zeit noch nicht gegeben war, wodurch freilich dem Erfolge desselben der Paß frei gelassen wurde. Selbstverständlich läge eine solche dieser Zeitung des Gegenstandes wegen fern. Unsre Sache ist nur, die rohen nnd leichtfertigen Urtheile, welche Herr v. Hellwald in seiner Culturgeschichte über die Juden auszusprechen sich erlaubt, zurückzuweisen. Ueberrascht haben uns diese, ebenso aus Vorurtheil wie Unwissenheit hervorgehenden Urtheile Hellwald's nicht, denn wir wissen aus dem „Ausland", daß er jede Gelegenheit wahrnimmt, auf die Juden in ungerechtester Weise die dunkelsten Schatten fallen zu lassen. Aber gerade darum ist es nothwendig, die Schrift jenes Mannes nach ihrem Gesammtcharakter zu kennzeichnen, damit man sehe, daß aus solchem Boden eine andere Pflanze auch für die Juden gar nicht habe erwachsen können. Und damit man nicht voraussetze, daß unser Uriheil durch Hellwald's Schilderungen der Juden bestimmt worden sei, gestatten wir uns mit einigen Worten auf einige kürzlich erschienene Kritiken zu verweisen, welche Herrn v. Hellwald's Culturgeschichte nach ihrem wahren Werthe brandmarken. Wir sehen zuerst im diesjähr. Februar- und Märzhefte der „Preußischen Jahrbücher" den Aufsatz, überschrieben: „Der Materialismus in der Geschichtsschreibung von Ernst Zitelmann" ein. In den einleitenden Worten charakterisirt Herr Z. den Materialismus in der Geschichte in folgender Weise: „Wir sprechen nicht von jenem philosophischen Materialismus, der in der Materie das Ding an sich gefunden zu haben glaubt, auch nicht von jenem naturwissenschaftlichen Materialismus, der sich auf sein Gebiet, die Naturerscheinungen, beschränkt, sondern wir sprechen von jener völlig rohen Weltauffassung, deren Glaubensbekenntniß auf theoretischem wie ethischem Gebiet sich in folgende vier Sätze zusammendrängen läßt: 1) Es existirt und geschieht nichts, als was ich sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen kann. 2) Alles was existirt und geschieht, existirt und geschieht nothwendig. 3) Das treibende Princip aller organischen Wesen ist der im Kampfe um's Dasein sich betätigende Egoismus. 4) „Bei Thier und Mensch sind Hunger, Durst und Geschlechtsliebe die Bedürfnisse, zu deren Befriedigung der Kampf um's Dasein geführt wird." Dieser rohe Materialismus ist es, der sich neuerdings auch auf dem Gebiete der Geschichte sowie der Rechts- und Staatswisienschaft producirt und Freunde gefunden hat, während er doch aller Wissenschaft den einzig sichern Anker entzieht. Wenn Hellwald in seiner Vorrede sein Buch „in dem Bestreben gipfeln läßt, zu erweisen, wie die Darwinschen Gesetze auch den Entwickelungsgang der menschlichen Natur beherrschen", so zeigt Z., daß sich in dem ganzen Buche kaum eine Spur davon findet, sondern daß er mit diesem Programm nur vertrauensvolle Leser anlocken wollte. Z. sagt: „Hellwald's Standpunkt und feine Methode ist lediglich der Materialismus in seiner oben geschil-