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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-02 · Heft 1 (2.1.1877) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 1 (2.1.1877)
Date
1877-01-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 F. v. Hellwald's Culturgefchichte un- -ie Äude«. I. Die Freiheit des Geistes, welche seit der Zeit der Humanisten und der Reformation durch lange Arbeit und vielfachen Kampf errungen, und die Freiheit der Presse, welche im westlichen und mittleren Europa, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grade, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts erlangt worden ist, haben zur Folge gehabt, daß — Alles ausgesprochen wird und Alles sich einen gewiffen Kreis erwirbt. Jede Richtung, jede Anschauung, jede Betrachtungsweise, sei sie alt oder neu, vernünftig oder absurd, gründlich oder hypothetisch, entspringe sie aus der niedrigsten Leidenschaft oder aus der ernstesten Forschung, sei sie ein Trunk aus dem reinen Borne der Wiffenschaft und des sittlichen Ideals, oder aus einer morastigen Lache geschöpft, diene sie gemeinen Zwecken oder dem edelsten Patriotismus und der erhabensten Humanität — Alles findet seinen Ausdruck und seine Hörer. Auf diesem Wege haben sich in der Lesewelt, im gesammten Publicum die verschiedenartigsten Kreise gebildet, und es kommt nur darauf an, ob der Autor einer Schrift einem dieser Kreise zum Munde zu sprechen, seinen Neigungen sich anzuschmiegen versteht, um Anklang und Verbreitung zu finden. Es ist deshalb so weit gekommen, daß der zeitweise Erfolg einer Schrift noch gar nichts über deren Werth entscheidet, sondern nur bezeugt, daß es dem Verfasser gelungen ist, im Sinne einer zahlreichen Leserschaft zu schreiben. Der Erfolg straft sich auch nicht selten selbst; denn bei der nächsten Wendung fällt das vielgesuchte Werk der Vergessenheit anheim. Nichts tritt jenem vielgelobten Princip der unbedingten Gleichheit unter den Menschen schlagender entgegen, als diese Verschiedenheit der Kreise, für welche die Literatur besteht und arbeitet. Wir haben ein Fachpublicum nach allen möglichen Wissenschaften und Interessen, ein gelehrtes Publicum, das nur gründlichen Forschungen seine Aufmerksamkeit schenkt, ein gebildetes Publicum nach sehr verschiedenen Stufen und Tendenzen, und ein Volkspublicum, in welches um eindringen zu können eine ganz eigenthümliche Eigenschaft erforderlich ist. Die beiden letzten Kreise in ihrer großen Mannichfaltigkeit sind die gefährdetsten. Denn der Fachmann und der Gelehrte wissen leicht die lose und verfehlte Arbeit auszuscheiden und zu verwerfen; der Gebildete und das Volk vermögen dies nicht. Neben einer an Form und Inhalt edlen, wohlthätigen und wohlthuenden Volksliteratur finden die Produtte der crassesten Roheit, des schrankenlosesten Aberglaubens, der Täuschung und Verlogenheit eine erschreckende Verbreitung. Feiner muß das Gift für die Kreise der sog. Gebildeten bereitet sein, aber auch in desto größerer Menge. Wir brauchen es nicht zu sagen, wie hier Sittenlosigkeit und Unzucht, Unglaube und Materialismus, wenn sie nur bei aller Gemeinheit eine dem Geschmack entsprechende Form anzunehmen und mit dem vorherrschenden Winde zu segeln wissen, lausend und aberlaufend Hände finden, die darnach greifen. Dieses Publicum will stets duftende Blumen haben und auf weichen Rasenrabatten wandeln; aber es weiß nicht, ob die Blumen gesunden, betäubenden oder gar vergiftenden Dust aushauchen, und es achtet nicht darauf, ob unter der Rasendecke Schlangen nisten und allerhand Gethier, deren Biß lebensgefährlich oder doch gesundheitsschädlich ist. Es versteht sich von selbst, daß wir um solcher Folgen willen jene Freiheit des Geistes und der Rede nicht beseitigt oder in neue Fesseln geschmiedet wünschen. Es würde hiermit dem ganzen großen menschheitlichen Entwickelungsgange gewaltthätig Stillstand geboten werden, aus welchem Zustande die furchtbarsten Erschütterungen entstehen könnten. Auch glauben wir, daß eine solche gesetzlich gesichette Freiheit die Heilmittel der Uebel, die sie mit sich führt, in ihrem eigenen Schooße trägt. Jemehr der allgemeine Geist fortschreitend sich entfaltet, desto eher vermag er die krankhaften Auswüchse zu bekämpfen und die nothwendigen Processe des Organismus zu bestehen. Hierzu aber ist es nothwendig, den Jrrthum und die Bosheit immerfort zu bekämpfen und ihnen den Raum zu bestreiten, den sie einnehmen und zu behaupten suchen. Diese Beschaffenheit des allgemeinen Lesepublicums, dessen Sucht nach Neuem und Pikantem, dessen Lust an der Zerstörung bisheriger Ansichten, an der Lockerung wohlbegründeter Ueberzeugungen, unterstützt durch den Mangel wirklicher Kenntnisse, der sich mit dem Firniß einer oberflächlichen Bildung deckt, haben aber noch zu einer anderen Erscheinung gefühtt, nämlich zu einem literarischen und geistigen Gründerthum. Die Hast nach Ungewöhnlichem, Wunderlichem, Vielversprechendem, eine Umwandlung aller bisherigen Richtungen und Erfolge Verheißendem hat ebenso eine Masse literarischer Gründer hervorgebracht, wie die Gewinnsucht und Speculationswuth auf dem finanziellen und industriellen Gebiete. Neue Systeme, neue Weltanschauungen, neuer Glauben, Hypothesen in Natur und Geschichte, welche alle gültigen und echt wissenschaftlichen Ansichten umkehren, sind in schneller Flucht aufgebaut worden, mit lockenden Fanden geschmückt, um das Publicum zum Eintritt in das prächtige Pottal einzuladen, hinter welchem doch nichts als Trümmer, wüstes Gestrüpp und übelriechender Morast zu finden sind. Leiber hat diese literarische Gründerei die Aussicht auf eine längere Dauer, als ihre Schwester in der Finanz. Denn hier machen sich doch bald die materiellen Forderungen geltend, man will Zinsen und Dividenden haben und sein Capital vervielfachen — in der literarischen Welt aber kommt das Publicum nicht so leicht dahinter, daß es schmählich betrogen sei; es vermag das Wahre vom Unwahren, die falsche Münze von der echten nicht so leicht zu unterscheiden, und eine wohlgeordnete Clique, die sich gegenseitig unterstützt, lobpreist und vertheidigt, versteht eS, das Publicum lange Zeit zu hintergehen. Solche Operationen sind gerade in einer Nation am leichtesten auszuführen, welche eine gute Schulbildung besitzt, und wo daher geistiges Bedürfen und darum viele und mannichfache Lectüre verbreitet ist.

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