Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1876)
- Date
- 1876-12-26
- Page
- Seite 844 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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844 auch hier unter dem so schwer drückenden Joche der Priester .wenigstens sie vegetiren ließ. Allerdings zeigen sich noch in der Gegenwart bei den Juden Roms nach vielen Beziehungen hin die Sparen jener grausamen Tyrannei. Nur Wenige von ihnen haben sich von dem Elende und der Unwissenheit frei machen können. Erst seit der Einnahme der Porta Pia (20. Sept. 1870) sind sie erlöst, nunmehr verbrüdert mit den anderen Burgern, um sich gleicher Rechte, gleicher Gesetze, gleichen Antheils an der italienischen Civilisation zu erfreuen. Die Gesellschaft der Brüderlichkeit hat das edle Streben, die Schaden, welche die Vergangenheit angerichtet hat, auszubeffern, vielen Familien und unglücklichen Kindern die Wege des Unterrichts, der Arbeit und des Wohlstandes zu öffnen. Der Verein hat bereits viele und ausgezeichnete Freunde in Rom und außerhalb gewonnen, wie dies die Namensliste rer Mitglieder ergiebt, deren Zahl immer mehr im Wachsen begriffen ist. Unterstützt von Specialcommisstonen hat die Verwaltung des Vereins bereits Bedeutendes leisten können. Es konnte eine Anzahl von Knaben in die Lehre bei Tischlern, Schneidern, Sattlern, Hutmachern, Schmieden u. A. untergebracht werden. Diese .Lehrlinge werden zugleich zum pünktlichen Besuche der Abendschule angehalten, wodurch die weitere Ausbildung derselben im elementaren Wissen gefördert wird. Durch Einschreiben kleiner Beträge in die Sparkassenbücher für einen jeden Einzelnen wird zugleich Etwas für das spatere Fortkommen gethan. Für die Herstellung eines regelmäßigen Schulbesuchs wurde eine Statistik der Kinder von 4—12 Jahren ausgenommen, die Einschreibung von schulfähigen Kindern, deren Eltern es bis dahin vernachlässigt hatten, von Seiten des Vereins bewirkt. Beim Austritt aus den Asylschulen (Kleinkinderschulen) wurde eine besondere Crontrole darüber gehalten, daß die Austretenden zur Elementarschule übergehen, wobei der Vorstand sehr oft ihre Einschreibung selbst bewirkte. Mehrere der Fleißigsten wurden mit Sparkassenbüchern prämiirt. Andere wurden durch Geschenke, in nützlichen Schriften oder Kleidungsstücken bestehend, zum Fleiße und gutem Betragen aufgemuntert. Es ist nicht zu verhehlen, daß die Arbeit schwer, lang und mühsam ist; aber man ist zu der erfreulichsten Hoffnung berechtigt, daß sie zu den erwünschtesten Resultaten führen werbe, und zu denen daher edeldenkende, und eben so handelnde Menschen ihr Scherflein beilragen mögen. Soweit der Bericht des Diritto, für den noch einige Ergänzungen folgen mögen. An der Spitze des Vereins stehen zwei mir persönlich bekannte Männer von nicht geringer Bedeutung: Vittorio Rava, Rath im Ministerium des öffentlichen Unterrichts, und Marco Alatri, Sohn des als Kämmerer der Stadt und Deputirter des Parlaments rühmlichst bekannten Samuele Alatri. Ihrer unermüdlichen Thatkrafr und vollen Hingebung ist es vorzüglich zu danken, daß der Verein seit der kurzen Zeit seines Bestehens bereits ein so günstiges Resultat erzielt hat. Der Minister des Innern hat dem Vorstände feine Anerkennung über die Leistungen der Schule, welche die jüngst in Gegenwart vieler Notabeln vorgenommenen Prüfung ergeben hat, durch die Zusendung von 6 Sparkaffenbüchern, ü 50 Lire, für eine künftige Pramiirung ausgedrückt. Die Alliance israelile universelle in Paris hat in richtiger Würdigung der Verhältnisse, „um die Spuren einer langen und traurigen Vergangenheit verwischen zu helfen," dem Vereine eine einmalige Subvention von 300 Frcs. gewährt. Aber immerhin ist es nur als Anfang zu betrachten, was der Verein bisher leisten konnte; gar Vieles bleibt noch zu thun übrig, was nur durch vereinte Kräfte angestrebt und durch bedeutendere Mittel erreicht werden kann. Es handelt sich hierbei um eine jüdische Gemeinde, die außerhalb Palästinas als die älteste auf dem weiten Erdenrunde zu bettachten ist, um eine, 5000 Seelen zählende jüdische Bevölkerung, die, wie oben von anderer Seite geschildert worden, systematisch zu Grunde gerichtet worden ist und bis in den innersten Lebensnerv getroffen, noch heute an den Wunden leidet, die ihr von finsterem Glaubenshaß geschlagen worden, ja über die noch heute in Folge dessen das Damoklesschwert, welches jene Gewaltherrschaft geschliffen hat, drohend schwebt. Wie man mir nämlich aus Rom schreibt, ist jüngst die sehr brennende Frage wegen der Wohnungsverhältniffe im Ghetto wieder aufgetaucht, wodurch die jüdische Bevölkerung in große Aufregung versetzt ist. Die Bewohner des Ghetto besitzen nämlich aus alter Zeit her noch das Jus Gazaga (vom hebräischen Worte Chasaka, Besitzaurecht). Unter der Regierung der wenigen Päpste, welche eine Ausnahme von der Regel gebildet und gegen die Juden milde gesinnt waren, wurde die Letzteren angethane Gewalt, daß man ihnen die Häuser genommen, dadurch <n Etwas gemildert, daß für ewige Zeiten die Miethsverhältniffe festgestellt wurden, welche die Juden für die Hauser im Ghetto zu entrichten hatten. Die Miethen waren natürlich, den Verhältnissen jener Zeit angemessen, so niedrig normirt, daß die Juden kaum geneigt sein konnten, von der seit der neuen Aera eingeräumten Freiheit, überall in der Stadt wohnen zu dürfen, Gebrauch zu machen. Denn seit dem Tage, wo Rom die Hauptstadt Italiens geworden ist, sind die Miethspreise in der Stadt bis zur schwindelndsten Höhe gestiegen. Daher können die Juden das Jus Gazaga, ein so theuer erworbenes Recht, nicht ohne Weiteres aufgeben. Wie hoch dies im Werthe galt, erfuhr man bei Erbschaftsregulirungen, bei Verheirathungen, wo es die ganze Mitgift bildete u. s. w. Bald nach dem 20. September 1870 wurde die Frage aufgeworfen, ob nicht den Juden, ohne Weiteres jenes Recht genommen werden dürfte, da ihnen nunmehr die Niederlassung innerhalb der ganzen Stadt freistehe. Diese Frage beschäftigte die bedeutendsten Rechtsgelehrten, welche zu entscheiden