Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1876)
- Date
- 1876-12-26
- Page
- Seite 837 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227122--35005-3304936- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
837 liches Aus- und Voneinander, sondern nur ein allgemeines Nebenunv Miteinander, und daher die Tausende von Widersprüchen und Fragen, die den Scharfsinn zu gewaltsamen Lösungen herausfordern. Allein die geschichtliche Darlegung der Entwicklung der Tradition vermag dem einseitigen Talmudstudium die Lebensadern zu unterbinden, wobei jedoch eine bloß äußerliche chronologische und biographische Geschichtsdarstellung nicht genügt, sondern den Spuren des inneren pragmatischen Zusammenhanges der politischen und nationalen Vorgänge und Zustände und der religiösen Richtungen und Strömungen, sowie der stetigen Wechselwirkung zwischen diesen beiden mit scharf prüfendem, aber unbefangenem Auge nachgegangen werden muß. Gelingt es hierbei, bei den ihrer Zeit den Stempel ihrer Individualität aufdrückenden Personen die inneren Triebfedern ihrer Denk- und Handlungsweise darzulegen, ganz hinter ihre Subjectivitat zu kommen und jene Concession an äußere Beeinflusiungen oder innere Gefühlsregungen aufzuspüren, die man mit dem Worte „Tendenz" bezeichnet, so muß der ehrliche, zielbewußte Forscher ebensowohl sich davor hüten, bei dieser Arbeit sich selber von einer Tendenz leiten zu lassen und Bestrebungen und Motive in die Geschichte hineinzulegen, die er gerne darin finden möchte. Das wäre ein negatives Erforderniß für den Historiker der jüdischen Tradition. Wer nun aber einen Begriff hat von der Weitschichtigkeit der Quellen einer solchen Geschichtsarbeit, wer den Umfang des talmudischen „Meeres" ermessen und weiß, wie tiefgründend die Erkeuntniß dieser Literatur sein muß, wenn sie es zu gedeihlichen Resultaten bringen soll, wer endlich die äußeren Schwierigkeiten kennt, die verderbte Texte, verwahrloste Editionen dem Studium derselben entgegenbringen, der wird begreifen, welch' enorm umfangreiche und wie tief eingehende Quellenbeherrschung, sowie welche kritische Schulung für Denjenigen erforderlich sind, der an ein solches Unternehmen sich heranwagt. Es ist endlich die Methode der Forschung auf einem so hart an der Grenze zwischen Literatur-, Cultur- und Volksgeschichte gelegenen Gebiete, die eines erleuchteten allgemein wissenschaftlichen Urtheils, eines feinfühligen Verständnisses für geschichtliche Heuristik, kurz eines ausgesprochenen Talentes für diese Aufgabe mehr als bei anderen historischen Vorwürfen bedarf, und muß eine ansprechende Darstellungsgabe, sowie eine geschickte Eintheilung und Gruppirung des Stoffes auch in Bezug auf Formschönheit den Reiz des Erforschten erhöhen. So hoch aber die Anforderungen sind, die an ein Werk, wie die Geschichte der jüdischen Tradition, gestellt werden dürfen — wir können mit Fug und Recht der vorliegenden Arbeit das Zeugniß ausstellen, daß sie nach den aufgestellten Gesichtspunkten auch ein strenges Urtheil befriedigt. Herr Weiß ist «ine ira et siudio an's Werk gegangen, obwohl eine starke Subjectivität in der Auffassung und der Charakteristik der Personen und Zeitrichtungen bei ihm nicht wegzuleugnen ist. Aber ist es auch anders möglich, wo es gilt, wie es hierbei meist nothwendig ist, aus ganz sachlichen Aussprüchen über religionsgesetzliche oder juristische Fragen und Probleme, aus rein objectiven Verhandlungen, die anscheinend mit Geistesrichtung und Charaktereigenschaft gar wenig zu schaffen haben und oft genug auf einer anderen Seite das Entgegengesetzte von dem schließen lassen, was man hier zur Charakteristik ihres Urhebers daraus entnommen hat, ist es, sage ich, da anders möglich, als dem eigenen Gefühle, der Divination, die aus ver Gesammtauffaffung der Zeit und ihrer bewegenden Factoren entspringt, das Recht einzuräumen, die Restaurirung der halb verwischten und unkenntlich gewordenen Charakterbilder vorzunehmen?'. Und wo rem Gefühle das Wort eingeräumt wird, da vertheilen Liebe und Haß die Lichter und die Schatten, da giebt's „Rettungen" und Verdammungen. Diese Erfahrung haben wir auch auf diesem Gebiete reichlich gemacht. Die ersten Jahrgänge unserer journalistischen Eclaireurs (-pbrsn) hatten es sich zur Aufgabe gemacht, den Nimbus der gefeiertetsten Traditionslehrer zu zerstören, und es ist kein geringes Verdienst des Herrn Weiß, daß er unter Anderem daS Bild der vornehmen Gestalt R. Jehuda Ha-Naßi's von dem Unglimpf befreit, deu tendenziöse Gehässigkeit jener gewappneten Borwärtsmänner ihm angethan. Dafür fehlt es auch nicht bei Herrn Weiß an originellen Beurtheilungen, die über jede Anfechtung erhaben wären, so z. B. die Verurtheilung des R. Elieser B. Hyrkan, oder andrerseits die Rechtfertigung der Härte des R. Gamliel 11. Wie dem aber auch sein wolle, wir legen gar nicht das Hauptgewicht bei der Abschätzung dieser Arbeit auf die Gunst oder Ungunst der Charakteristik, da diese unter allen Umständen genug Angriffspunkte der Kritik bieten wird: der unbestreitbare Werth derselben besteht in der Sammlung des gesummten einschlägigen Materials, dessen lichtvoller Erläuterung und Anordnung, in der geschickten Continuität der geschichtlichen Darstellung, in der übersichtlichen Gruppirung der behandelten Perioden und endlich in einer ebenso wissenschaftlich gedrungenen als formschönen Diction der hebräischen Prosa. Dieses Bnch will nicht gelesen, sondern studirt sein — und muß sich daher unser Referat darauf beschränken, diejenigen Partien hervorzuheben, die gegenüber den Geschichtswerken von Jost und Grätz oder anderen Vorarbeiten, namentlich Frankel's Hodegetik, durch Neuheit der Auffassung oder abweichende Behandlung sich auszeichnen. Gleich im ersten Capitel (des angeführten Buches), wo die politischen und sectirerischen Strömungen im Jubenthum nach der Zerstörung des Tempels geschildert werden, und der Einfluß, den diese auf die Entwickelung der jüdischen Lehre ausgeübt, behandelt wird, ist insbesondere hervorzuheben die kurze Zusammenfassung des Paulinismus (S. 7), dem eine namhafte Einwirkung auf die traditionelle Gesetzesrichtung zugeschrieben wird. Sehr ingeniös ist die Nachweisung des polemischen Charakters, den die nun mit großem Nachdruck auftretende Zurückführung und Basirung der Tradition auf das Schriftwort verräth, wodurch die Anschuldigungen der Juden- und insbesondere der paulinisch gesinnten Christen, daß das Gesetz von den Pharisäern ersonnen