Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1876)
- Date
- 1876-12-26
- Page
- Seite 836 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227122--35004-3304935- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
836 wir darauf vertrauen, daß unsre Glaubensgenossen von dem ihnen sonst zugeschriebenen Scharfsinn noch so viel besitzen, um sich durch solche, aller geschichtlichen Wahrheit widersprechenden Sophistereien nicht blenden, und noch so viel vom jüdischen Herzen, um sich nicht zu Trennung, Fehde und Haß untereinander verleiten zu laffen. Dies hat sich denn auch bis jetzt bewährt. Auf die übrigen Phrasen des Herrn Hirsch ist es um so unnöthiger einzugehen, als seine Grundsätze nach biblischem Ausdruck dem Rohre gleiche», das bricht, wenn man sich darauf stützt, aber auch zugleich die Hand durchstößt. Naugard, 13. December. (Privatmitth.) Der verehrt. Borstand der Synagogengemeinde theilt uns mit, daß von den vier daselbst ausgetretenen Individuen eines, das krank darniederliegt, seine Wiederaufnahme in der Gemeinde nachgesucht und erhallen hat. In der Lage, in welcher sich augenblicklich die ganze Austrittsangelegenheil befindet, werden die beiden desfallsigen Schriftstücke als sehr bezeichnend iuteressiren. An den Vorstand der Synagogengemeinde hier. Unterm 21. vor. Mts. habe ich bei dem hiesigen Kreisgericht meinen Austritt aus der hiesigen Synagogengemeinde mit der Angabe, daß der Austritt aus religiösen Bedenken geschieht, zu Protocoll erklärt. Da die von mir in jenem Protocoll abgegebenen Bedenken nach reiflicher Ueberlegung geschwunden sind, so bitte ich den Vorstand der Synagogengemeinde ganz ergebenst: „mich wieder in die Gemeinde aufzunehmen." Indem ich noch hinzufüge, daß ich zu jener Erklärung durch äußere Beranlasiungen bewogen worden bin, erwarte ich zuversichtlich die Gewährung meines Anttages. Naugard, den 11. December 1876. (gez.) N. N. In Folge Ihres Antrages vom heutigen Tage ist in einer außerordentlichen Sitzung der Repräsentantenversammlung beschloffen worden: „In Berücksichtigung, daß der p. N. N. eines unserer „ältesten Mitglieder und nach eigener Angabe zu der „Austrittserklärung nur verleitet worden, denselben „wiederum als Mitglied der Gemeinde aufzunehmen. Dies theilen wir Ihnen unter Bestätigung unsererseits als Erledigung ihres Antrages mit. Naugard, den 11. December 1876. Der Vorstand der Synagogengemeinde igez.) Ascher. An den Herrn N. N. hier. Literarischer Wochenbericht. Brünn, im Dec. ya-n-n m -in. Zur Geschickte der jüdischen Tradition. Bon I. H. Weiß, Lector am Bet ha-Midrasch in Wien. H. Theil: Von der Zerstörung des ll. Tempels bis zum Abschluß der Mischna. Wien, Brüder Winter [1876. 264 S. gr. 8.]. Fünf Jahre liegen zwischen dem Erscheinen des I. und des II. Theiles des oben bezeichneten Werkes — ein Umstand, der nach dem bekannten Rathe des römischen Dichters sicherlich nur zur höheren Reife, wie zur größeren Vervollkommnung einer in so großem Style angelegten wisienschaftlichen Arbeit beitragen kann. Der Verf. hat nämlich ein literarisches Unternehmen mit diesem Werke begonnen, desien Vorwurf allein schon ihm das Interesse, ja die gespannteste Aufmerksamkeit eines großen Leserkreises von vornherein zusicherte. Eine Geschichte der jüdischen Tradition ist nickt allein ein Desideratum für die allgemeine Religionsgeschichte wie für die specielle Geschichte des Judenlhums, sie entspricht mehr noch einem eminent praktischen Bedürfnisse unserer heutigen Zeit, sie ist, möchte ich sagen, unentbehrlich für den Hausgebrauch jedes Juden, rer sich mit jüdisch-religiösen Dingen zu befassen hat. Denn immer werden wir am vernünftigsten Vorgehen, wenn wir, welche Frage und welcher Zweifel und welcher Widerspruch in Bezug auf religiöse Einrichtungen, Vorschriften. Gebote und Gebräuche auch immer auftauchen wolle, die Geschichte befragen, und uns von ihr belehren lassen, wann und wo dieselben entstanden und aufgekommen seien, welchen Personen und Factoren, sowie Zeitumständen sie ihre Entstehung verdankten, welcher Zweck und welche Absicht mit ihnen verbunden gewesen wäre. Aber das ist es ja eben, woran es bei einem großem Theile unseres Volkes am meisten fehlt. Der Begriff der Geschichtlichkeit, der inneren Entwicklung der nationalen und religiösen Erscheinungsformen, die Vorstellung von dem allmäligen Werden, sowie den Veränderungen des Glaubensinhaltes und des gesetzlichen und cultuellen Theiles der Religion — sie sind es, die insbesondere den mir dem Studium der jüdischen Religionsschriften sich Befassenden abgehl. Ja eine ganze Literatur-Richtung, die casuistische und die pilpulistische Talmudsorschung, sie zieht ihre Lebenssäfte aus diesem einen großen Mangel, der Nichtachtung des geschichtlichen Andersseins und Anderswerdens. Für den Pilpulisten giebt es nur eine Thora, eine Mischna und eine Gemara — damit ist sein geschichtliches Unterscheidungsvermögen erschöpft. Innerhalb jedes einzelnen dieser Kreise sind ihm die Zeiten und Personen ein Einerlei, das noch überdies eine gewisse solidarische Verantwortlichkeit für jede Aeußerung eines seiner Glieder über sich zu nehmen hat. Ein Amora wird für den Ausspruch einer Lehrmeinung verantwortlich gemacht, die nicht mit einer tannaitischen Aeußerung zusammenzureimen ist, von der Jener entweder nie etwas gewußt, oder deren Inhalt er nicht bestimmen mochte, denn — da giebt's kein räumliches und kein zeitliches und kein fach-