Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1876)
- Date
- 1876-12-26
- Page
- Seite 832 (sequence 2)
- Language
- German
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standtheile heimgesucht ist. Die beiden miteinander vermahlten Hälften stehen sich einmal wieder in starkem Zwist gegenüber und der vielgesuchte Ausgleich will sich nicht finden lassen. Diesmal sind es besonders die finanziellen Schwierigkeiten, das Steuerverhältniß und die Bankfrage, welche geebnet fein wollen, und bekanntlich hört in diesen die Gemüthlichkeit auf, namentlich wenn kein Ueberfluß, sondern das Gegentheil in erdrückendem Maße vorhanden ist. — Bon unsrem deutschen Reiche wäre nach dieser Richtung hin das verflossene Jahr als ein harmloses zu bezeichnen. Denn der vielberufene Culturkampf scheint seine Schärfe verloren zu haben. Nicht als ob die Staatsregierung in der Beobachtung der Maigesetze nachgelassen hätte, aber die ultramontane Partei hat ihre Waffen zu viel gebraucht und dadurch abgenutzt, so daß es ihr nicht mehr gelingt, Aufsehen und Lärm, sowie den Schein einer verbitterten Volksstimmung heraufznbeschwören, und so hat sie außer ihrem gleichgebliebenen Wahlresultate für das Abgeordnetenhaus aus diesem Jahre nichts zu verzeichnen, als noch mehrere abgesetzte und außer Landes gegangene Bischöfe. Allerdings drohte noch zu guter letzt über die, mit so vieler und banger Anstrengung behandelten Justizgesetze der Conflict durch die Menge und Wichtigkeit der streitigen Punkte zwischen dem Reichstage und den Bundesregierungen auszubrechen. Aber die stets geschmeidige Nachgiebigkeit der national-liberalen Partei legte abermals ein für den Augenblick ausreichendes Pflaster über den Conflict. Jetzt sind wir aber bei dem hauptsächlichsten Conflict angelangt, welcher dem Jahre 1876 die eigentliche Signatur aufdrückt, der orientalischen Frage. Sie allerdings ist ein sehr altes Erbstück, so alt wie Orient und Occident beiderseitig zu feindlichen Machtbestrebungen gekommen sind, und in der gegenwärtigen Gestalt so alt, wie der Einbruch mohammedanischer Völker in Europa. Lange Zeiten, noch im vorigen Jahrhundert, hatte Oesterreich die Führerschaft der christlichen Welt gegen die muselmännische Macht, und es war vorzugsweise ein Vertheidigungskampf. Aber mit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, seit Peter dem Großen, wurde zugleich Rußland der Vorkämpfer gegen die türkische Herrschaft und wußte, wenn auch durch eigene Anstrengungen, die Frucht des langen österreichischen Kampfes zu pflücken, indem es in Europa wie in Asien Provinz nach Provinz den OSmanen abnahm, und sicher auch schon sowohl die Donaulander als die Balkanhalbinsel sich unterworfen hätte, wenn nicht das übrige Europa die russische Herrschaft in Stambul mehr als die türkische fürchtete. Die Aufstände in der Herzegowina, Bosnien und Bulgarien wurden in diesem Jahre durch den Krieg Serbiens, und Montenegros gegen die Türkei abgelöst. Die letztere war siegreich, aber Europa trat dazwischen und gebot ihr Hall. Jetzt ist Waffenstillstand, eine Friedenscouferenz und zugleich eine starke Mobilisirung der russischen Heere, die, des Marschcommando's gewärtig, an der rumänischen und türkischasiatischen Grenze stehen. Um was handelt es sich hier? Es liegt eine humanitäre Frage vor, die sich jedoch zu einer höchst politischen zuspitzt. Die türkische Mißregierung kann nicht länger geduldet werden und überhaupt nicht langer bestehen. Mag immerhin eine Aufstachelung von Außen stattgefunden haben, die Verhältnisse der dem türkischen Scepter unterworfenen Christen sind unerträglich, und die türkische Regierung hat zu oft Reformen versprochen, verkündet und nicht ausgeführt, als daß nicht bestimmte Garantien zu fordern waren. Das Verlangen Einiger, die Türken aus Europa zu verjagen, ist nichts als brutal, da sich 4—5 Millionen seit vier Jahrhunderten ansässiger Menschen nur in barbarischer Weise von Haus und Hof vertreiben lassen, und ein Racen- und Religionskrieg entstehen würde, welcher der verheerendsten der Geschichte gleichkäme. Den dortigen Christen die Herrschaft zu geben, hieße die Lage der Dinge nicht um ein Haar bessern, es würden die Rollen nur gewechselt. Autonome kleine Staaten daselbst zu bilden, empfiehlt sich nicht; sie wären nicht lebensfähig, fielen doch nur wieder unter die Herrschaft einer benachbarten Macht und litten 'daran, daß sie nicht wie Serbien und Rumänien nur von Christen bewohnt wären. Allerdings verheißt die Türkei eine constitutionelle Verfassung für ihren ganzen europäischen Staat. Aber welche Bürgschaft gegen die alte muselmännische Tradition und den so leicht wiederkehrenden mohammedanischen Absolutismus und Fanatismus läge in solchem Stück Papier? Die europäischen Mächte verlangen daher thatsächliche Garantien für die Zukunft der drei aufständischen Provinzen. Dies aber gerade schafft die größten Schwierigkeiten, welche jedoch zu überwinden wären, wenn nicht Rußland die Occupation jener Provinzen mit dem bereits gezogenen und scharf geschliffenen Schwerte forderte und man in Europa eine russische Besetzung nicht für eine russische Besitznahme ansahe. Nun, wir haben dem neuen bürgerlichen Jahre hier kein Prognosticon zu stellen; wir wollten nur das verflossene charakterisiren, und wenden uns zu unserer eigenen Glaubensgenossenschaft. Auch für uns hat das verflossene Jahr seine Eigenihümlichkeit nicht verleugnet. Im ersten Theile desselben stand eine, seit langer Zeit nicht dagewesene Aufregung gegen die Juden in voller Blüthe. Man braucht sich nur zu erinnern', daß jede große Erschütterung in Europa, selbst noch 1848, eine Judenverfolgung, hier und dort mit thätlichen Mißhandlungen verbunden mit sich führte. Die große finanzielle Krise, welche in den letzten Jahren schweres Unheil, so mannichfaltige Erschütterung bis in die kleinsten Kreise hinein verursachte, sowie der Kampf, der zwischen dem Staat und der katholischen Kirche entbrannt war, und daß gewisse machtlos gewordene reactionäre Parteien nach der verlorenen Herrschaft dürsteten, diese gährenden Streitmomevte hatten einen ähnlichen Erfolg: man erhob ein wildes, wüstes Geschrei gegen die Juden; man überschüttete sie mit zahllosen Zeitungsartikeln und Pamphleten; man versuchte den Pöbel gegen sie zu Hetzen und die Regierungen zu gesetzgeberischen Schritten gegen sie zu bewegen. Allein es blieb bei