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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-12-19 · Heft 51 (19.12.1876) · p. Seite 827

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 51 (19.12.1876)
Date
1876-12-19
Page
Seite 827 (sequence 13)
Language
German
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827 testamentarischen Gewandes, nicht der Gott ihrer Väter, der alte starre Gott des auserwählten Volkes; es ist der begriffliche philosophische Gott unserer Zeit, zu dem allein wir unser Gemüth noch in ein Verhaltniß setzen können." (Da haben wir wieder das ganze alte Vorurtheil. „Der starre Gott des auserwählten Volkes." Wenigstens macht Herr Ehlert keinen Unterschied zwischen dem „jüdischen" und dem „christlichen" Gott, zwischen Elias und Paulus, zwischen dem „Alten" und „Neuen Testament". Denen gegenüber steht der „moderne" Gott, der „begriffliche, philosophische" Gott, und wir waren nur neugierig, wie sich zu einem „philosophischen" Gott, der nur im „Begriff" existirt, „ras Gemüth noch in ein Verhaltniß setzen" könne? Da lob' ich mir den „testamentarischen" Gott, den wir „lieben sollen und können mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen und mit ganzem Vermögen", aber diesen soll ja Mendelssohn nicht mehr gekannt haben, und doch so tief zu rühren vermögen! Wann werden diese Herren endlich zu klaren Begriffen kommen?!) „Ich möchte es so aussprechen: Mendelssohn hatte ein dunkles Gefühl, daß seine Abstammung dem künstlerischen Ideal, das er verfolgte, nicht hülfreich sei. Er verstand es, sich ihrer Mißlichkeit zu entziehen, ohne ihre evidenten Vorzüge aufzuopfern. Daher die merkwürdige Verbindung in ihm von Temperament und Grazie, die es beherrscht. Daher der blendende Zauber seines Vortrags, welcher von Flunkerei so weit entfernt war. Daher die feine Berechnung in der Anwendung aller erlaubten Mittel, ohne jemals dem Raffinement zu verfallen. Was vom Orient in ihm geblieben, war nur der dunklere Teint, das feurigere Auge und der raschere Pulsschlag des Empfindens. Der hochmüthige Versuch, das Judenthum als ein der Kunst direct widerspänstiges Element zu graviren, wird an ihm sicher zu Schanden werden. — Die Frage in ihrer ganzen culturhistorischen Breite zu behandeln, muß anderen Männer überlasten werden. Philosophie und Naturwissenschaft, vor Allem Spinoza müßte in den Kreis der Betrachtung gezogen werben. Hier genügt es von rem einzelnen Manne, der uns beschäftigt, Len Bann christlicher Ueberhebung abzuwenden. Ich möchte lieber, ohne jede Nothbrücke, zu einem anderen Punkt in Mendelssohn's Natur übergehen, welcher interessant ist, ohne von so allgemeiner Tragik zu sein." (Wir wollen zu Obigem eine weitere Auslassung nicht geben. Daß der Berf. hier dem Orientalen „einen rascheren Pulsschlag des Empfindens" zuschreibt, wahrend er oben der jüd. Race das Gefühl abgesprochen und nur so gnädig war, ihr Verstand und Einbildungskraft zu lassen, nun, diesen Widerspruch wollen wir unter so vielen anderen nicht weiter betonen. Mit „dem dunklen Teint und Len feurigen Augen" wissen wir, auf die Musik angewandt, auch nichts Rechtes zu machen. Nur dagegen protestiren wir »och einmal, daß die Schwächen Mendelssohns nur seiner jüd. Abkunft, seine Vorzüge der Ueberwindung derselben zugeschrieben werden sollen. Alles Uebrige haben wir bereits gesagt.) Correspou-enz. Stockholm, im December. Daß meine Berichte längere Zeit ausblieben, hat seinen Grund darin. Laß hier bei uns in der That wenig sich ereignet, was den größeren Kreis des Auslandes interessirte. Unsere religiösen und socialen Verhältnisse verändern sich nicht leicht und wir dürfen wohl damit zufrieden sein. Vielleicht sind nicht allein die Frauen, sondern auch die Gemeinden die besten, von denen man am wenigsten spricht. Um aber doch in unserm heutigen Berichte ein wenig zurückzugreifen, beginnen wir unsere Mittheilungen damit, daß um dieselbe Zeit als Richard Wagner in Baireuth seine sehr angezweifelten Lorbeern erndtete, zwei jüdische Künstler durch ihre großartigen Leistungen sein „Judenthum in der Musik"', das bekanntlich den Juden jede Künstlerschaft abspricht, der Lüge zeihten. In Gesellschaft der weltberühmten Sängerin Christine Nilson, die hier gastirte, befanden sich der weithin bekannte Violoncellvirtuos Van Biene aus London und der Concertsanger Blum Dorini aus Paris. Kommt es leider so häufig vor, daß jüdische Künstler von Renommee sich nicht gern als Israeliten geriren, befürchtend, dieses Geständuiß könnte ihrem Nimbus Eintrag thun, so machten obengenannte Herren eine rühmliche Ausnahme. Sie besuchten mehrmals unfern Gottesdienst, interessirten sich für unsere Gemeindeverhältniffe und beabsichtigten sogar in unserer Synagoge ein geistliches Concert zum Besten eines jüdischen Zweckes zu geben. — Gegenwärtig gastirt an der hiesigen König!. Oper ein ausgezeichneter Sänger aus Ungarn, Herr Angualfi, der — wie man sagt — vor vier Jahren noch Chasan in einer Gemeinde Oesterreichs war. — Unser Gottesdienst an den hohen Feiertagen ging unter allgemeiner Betheiligung in gewohnter würdiger Weise von Statten. Es ist wirklich erhebend zu sehen, wie diese Feste noch die Kraft besitzen, auch die Indifferentesten in die Synagoge zu ziehen. Die Herren Missionäre — meist Deutsche — versuchten auch an diesen Tagen ihr Geschäft vor der Thür des Gotteshauses durch Austheilung von Tractätchen, die so unverfänglich schienen, daß viele unserer Glaubensgenoffen diese Büchlein entgegennahmen und — eine Bettelei vermuthend — noch obendrein honorig bezahlten. Eine drastische Antwort gab bei dieser Gelegenheit eines unsrer Gemeindemitglieder einem etwas frecheren Seelenfänger, der sich mit der Frage herandrängte: Aber, mein Herr, finden Sie denn den Frieden in Ihrem jüdischen Glauben? Wohl, erwiderte Jener, in unferm Glauben finden wir ihn schon, aber diese lästigen Missionäre lassen uns, tausendmal abgewiesen, doch nicht in Frieden! Sprach'« und ließ den Verblüfften stehen. — Mehrere Zeitungen brachten dem Judenthum sehr freundlichgesinnte Erklärungen der hohen Feste. — An Auszeichnungen einzelner Glaubensgenossen erwähnen wir heute: Die Herren Polizeüntendant Rubenson hier und Salamon in Gothenburg, Vorsteher einer Gewerbeschule, sind Ritter des Wasaordens

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