Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-12-19 · Heft 51 (19.12.1876) · p. Seite 826

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 51 (19.12.1876)
Date
1876-12-19
Page
Seite 826 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227121--34993-3304917
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

826 Jeuilleton. Das Äu-enlhum in -er Musik. (Schluß.) „Hier ist offenbar die Grenze des Iudenthums in der Kunst zu suchen. Eine Kunst besteht aber nicht bloß aus Eingebungen, sie bedarf der mannigfachsten Begabungen der Phantasie und des Verstandes, und hier ist es, wo der jüdische Geist den Ausfall an Spontanität wieder einzubringen verstanden hat. In einzelnen Fällen hat das Individuum sich seines Racenthums und seiner schönheitsfeindlichen Elemente fast ganz zu entledigen gewußt, und Mendelssohn muß in erster Reihe genannt werden." (Herr Ehlert ist richtig an sein Ziel gekommen. Er findet sich mit beiden Seiten ab, wenigstens wie er meint. Er weiß es genau, wo „die Grenze des Iudenthums" ist: es besitzt „Einbildungskraft und Verstand", aber — kein Gefühl, und darum kein Schönheitsgesühl! Es ist doch was Herrliches um Schemas und Rubriken! Nur für Jedwedes ein Schubfach gefunden, und die Sache ist „offenbar". Freilich sieht der Schubfachkrämer nicht, wenn die lebensvolle Erscheinung gar nicht in das Fach hinein will, sondern masienhaft überquillt — das ist ja empörend von dem Ding, und dann wäre ja die schöne Erklärung der vorausgesetzten Thatsache illusorisch! Aber es ist dennoch so. Der jüdischen Race das Gefühl absprechen, ist wieder ein so „unerhörter" Versuch, wie ihn Herr Ehlert eben selbst verurtheilt hat. Er erwäge z. B. nur, was man jener Race von dem intensivsten Familiengefühl, von der Liebe nachsagt, die im jüdischen Herzen selbst in den dunkelsten und verfolgungsreichsten Zeiten unerschöpflich quoll. Ueberhaupt, wie ist es möglich, daß Verstand und Phantasie allein etwas an der Kunst Hervorbringen, was länger als einige Augenblicke blenden könnte, was auf die Dauer die Hörer, Beschauer oder Leser zu fesseln vermöchte? Das ist eitel Sophisterei, und weiter nichts!) „Spuren hiervon finden sich in den aufgeregt redseligen Außensätzen einiger seiner Streichquartette und in den Finales der Klaviertrios, die zu dem Unerfreulichsten gehören, was er geschrieben hat. Aber was bedeuten solche Einzelheiten gegenüber dem Totaleindruck seines Schaffens? Man weise mir den Juden im „Wir preisen selig dich" des Paulus, oder im „Siehe der Hüter Israels" des Elias, überhaupt in der ganzen künstlerischen Physiognomie des Mannes nach." (Was will denn nun der Vers, mit seinem ganzen Gerede? Wenn Mendelssohn, obschon von jüdischer Race, in seinem ganzen Schaffen keine durch seine Abstammung bedingte Beschränkung erweist, so erweist er zugleich, daß eine solche Beschränkung gar nicht existirt. Nichts ist doch lächerlicher als wenn Mendelssohn auch einiges Unbedeutende, ja Läppische geschrieben, ihm dies als Juden zu insinuiren! Ich kenne fast keinen Schriftsteller, von welchem Vieles existirt, der nicht auch unter der Menge seiner Productionen etwas Unbedeutendes hervorgebracht hat, und ich sage dies z. B. offen selbst von Goethe aus, dessen Bürgergeneral und noch manches Andere keine hohe Stufe einnimmt. Herr Ehlert will gern vorurtheilslos sein und kann es nicht dahin bringen.) „Wie hingegeben dem Dämon seiner Race erscheint dagegen Meyerbeer. Wohin man blickt, der speculative, melismatische Ausdruck eines nur auf den Effect gerichteten Talentes. Kein Tact bei ihm, der in der heiligen Stille des Studirzimmers, der nicht im Angesichte des ganzen Publikums geschrieben ist. Welch' ein fieberhaftes Fugiren seines Ruhmes, der ihm nicht vielstimmig genug erscheinen konnte! Wahrlich, wenn man von jüdischer Musik sprechen will — Meyerbeer hat uns die Berechtigung zu dieser fatalen Unterscheidung gegeben." (Das Opfer der Sühne ist da. Mendelssohn ist gerettet — so muß Meyerbeer als Sündenbock dienen, um ihn in die Wüste des Vorurtheils zu schicken und in ihm „dem Dämon seiner Race" ein Opfer darzubringen! — Wir wollen hier für Meyerbeer keine Lanze brechen; wir halten zwar die leidenschaftlichen Ausdrücke des Herrn Ehlert für ungerechtfertigte Uebertreibungen. Sind es doch nicht allein die französischen und belgischen Bühnen, sondern auch die deutschen, die Jahr für Jahr seine Opern, diese Erzeugnisse eines abscheulichen Dämons fort und fort zur Aufführung bringen. Aber wir fragen uns, ist denn Meyerbeer der einzige Effecthascher und Effectkünstler? Sagt man denn Bellini, Donizetti, ja der ganzen italienischen Schule nicht ganz dasselbe nach, und diese sind doch nicht von jüdischer Race. Der Dämon muß sich also auch anderswo finden. Und fragen wir, wo giebt es einen ärgeren Effecthascher, einen Componisten, der nicht nur jede Note in ihrem künstlerischen Effecte berechnet, sondern eine erkünstelte Redeweise, das Ungeheuerlichste des Maschinenwesens, den Decorationen und Scenerien zu Hülfe ruft, um aus der ganzen Zusammensetzung einen nie dagewesenen Effect hervorzubringen als — den Deutschen, Richard Wagner? Daß bei ihm die Effectmacherei über alle Stränge schlug, und dadurch — mit Ausnahme einiger Momente — die tätlichste Langeweile erzielte, während Meyerbeer in seinem Schönheitsgefühle und Tacte die Zuschauer entzückte, dies macht doch einen Unterschied zum Vortheil des Juden aus. Dabei wird Herr Ehlert doch zugeben, daß von Richard Wagner's Selbstvergötterung, von dessen Feindschaft gegen alle früheren Meister, von dessen grenzenloser Eitelkeit und Zudringlichkeit in der Persönlichkeit Meyerbeer's nichts zu finden war. Hätten wir das Unglück, daß Richard Wagner von jüdischer Abstammung wäre, wie nahe läge da allen Kritikern, Aesthetikern und anderer Skribenten die Erklärung dieses seines Wesens!) „Alles wirklich Ideale in der Kunst ist aber confessionslos. Man betrachte, mit welchem allgemein menschlichen Ausdruck Elias und Paulus zu ihrem Gott beten. Das ist, trotz alles

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.