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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-12-19 · Heft 51 (19.12.1876) · p. Seite 817

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 51 (19.12.1876)
Date
1876-12-19
Page
Seite 817 (sequence 3)
Language
German
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817 Neben diesen Hauptfiguren tritt noch eine Fülle anderer von niederer Bedeutung auf. Hier und da erscheinen Juden, welche mitten in ihrem Geschäftsleben ein intensives Gefühl und höhere Auffassung für die jüdische Religion und Nationalität hegen, doch nur vorübergehend ihnen zu dienen suchen. Am breitesten wird die einfache orthodoxe jüdische Familie gezeichnet, voll Gewerbseifers aber mit der entwickeltsten Familienliebe und starkem Wohlthätigkeitssinn. Ohne Nachdruck wird die, auf dem Continente vorherrschende reformistische und wenn wir so sagen dürfen, rationalistische Richtung, welche das Hauptgewicht aus die Gottes-, Moral- und Sociallehre des Zudenthums legt, angedeutet. In scharfen Contouren zeigt sich das musikalische Element in den Juden. Wir sehen hier das einfache, anmuthige jüdische Mädchen, das mit großem Talente für den Gesang durchaus keine große Rolle spielen will und spielt; dagegen eine hochbegabte und schöne Sängerin, welche, in strengster Orthodoxie erzogen, und dieser feindlich gesinnt, nach dem Tode ihres Vaters und Mannes das Theater betritt, viele Jahre Triumphzüge durch Europa hält und einen Fürsten heirathet. Sie ist längst getauft, hat ihr jüdisches Kind — Deronda — verleugnet und erst als der Tod an ihre Pforte klopfte, empfindet sie eine halbe Reue und offenbart ihrem Sohne seine Abstammung, jhu aber auch dann noch von sich weisend. Auch ein hoher Künstler fehlt nicht, der bezeichnend Klesmer (der jüdische Ausdruck für Musicus) heißt, Jude war und aus dem Slavenlande stammt, doch bei ihm kommt das religiöse Moment nicht in Betracht. Endlich auch der jüdische Schauspieler und Gaukler, der die unterste Stufe einnimmt. Doch verweilen wir noch einen Augenblick bei dem eigentlichen Helden des Romans. Drei Jahr alt wird er von seiner Mutter, mit bedeutendem Vermögen ausgestattet, einem englischen Freund und Verehrer zur Erziehung zum englischen Gentleman übergeben. Aber die Unkenntniß seiner Eltern erweck: in dem reich begabten Knaben frühzeitig das Gefühl der Absonderung und Ausschließlichkeit; er sehnt sich nach dem Aufschluß und fürchtet ihn doch. Er rettet ein zartes jüdisches Mädchen, das Mutier und Bruder sucht, aus dem Fluffe, und sorgt für daffelbe. Bei dem Erforschen ihrer Verwandten kommt er mit Juden, insbesondere mit dem schwärmerischen Mardochai zusammen, und dieser sieht ihn visionär als von jüdischer Abkunft und zur Verwirklichung seiner Ideen bestimmt an. Der englische und wissenschaftlich reich gebildete Edelmann lebt sich in diese Ideen und Kreise so widerstandlos ein, daß es ihn endlich hocherfreut, als er seine jüdische Herkunft erfährt. Aber auch seine hochstehenden christlichen Freunde nehmen keinen Anstoß daran, daß er nunmehr als Jude leben und eine Jüdin — das von ihm gerettete Mädchen, die Schwester Mardochai's — heirathen will. Wir legen einen besonderen Nachdruck darauf, daß die Versafferin durchaus keinen Conflict zwischen der christlichen und jüdischen Welt anerkennt und Vorkommen läßt. So oft sie auch an die früheren Verfolgungen rer Juden erinnert, ihre Christen sind sämmtlich wahrhaft tolerant, wahrhaft, denn sie sprechen nicht von Toleranz, aber handeln in deren Geiste wie selbstverständlich, und ihre Juden lieben die Christen und hegen keine Spur , von gehässigem Sinne. Dies ist was ein continentaler Autor kaum fertig kriegen wird. Auch hier ist es also ein ideales Verhältniß zwischen Juden und Christen, das sie als das zukünftige, jetzt bereits vorbereitete bezeichnen will. Deshalb sind auch alle theologischen Streitfragen und Discusfionen zwischen Christenthum und Judenthum vermieden, während sie über Nationalität, deren Princip und Rechtsgültigkeit weitläufig vehandelt. Sie will hiermit die Frage über die jüdische Nationalität noch als offen, über die Bollberechügung der jüdischen Religion als zweifellos und geschlossen andeuten. Schon diese kurze Skizzirung wird erwiesen haben, daß die vorliegende Dichtung, wie man auch über die einzelnen angeregten Fragen denken möge, aus einem erleuchteten und edelsinnigen Geiste geflossen ist, einem Geiste, der sich in die geheimnißvolle Werkstätte der Volksseele zu versenken vermag, wo vas Ahnen und Empfinden gährt, das in höher gebildeten Geistern sich zu Begriff und Wort gestaltet. Wir begrüßen dieses Werk gerade aus christlicher Hand um so wärmer, als es so nicht, wie es bei jüdischem Ursprünge geschehen würde, der Anmaßung und Ueberschwänglichkeit des jüdischen Selbstbewußtseins geziehen werden kann. Wir meinen sogar, daß es darum auf jüdische Leser und Leserinnen einen tieferen Eindruck machen wird — nicht als ob wir dem realistischen Ziele Mardochai's und Deronda's zuneigten, sondern weil überhaupt eine Emancipation oder doch Stärkung des jüd. Bewußiseins in seinen edelsten Theilen darin gefördert wird. Deshalb geben wir dem vorliegenden Werke den Vorzug vor ähnlichen Arbeiten aus demselben Lande, wir meinen D'Jsraeli's. Denn bei der Eliot vereinigen sich Religion und Nationalität, während D'Jsraeli nur die Race betont, und diese letztere in ihrem Werthe dermaßen übertreibt, daß er den Juden mehr geschadet als genützt hat. Wir empfehlen daher die Lectüre des Romans nachdrücklich, obgleich wir die Ueberfetzung correcter und schwungreicher und das Original von mancherlei entbehrlichem Beiwerk frei gewünscht hatten. Jedenfalls erkennen wir ihm unter den jüngst erschienenen Schutzschriften eine hervorragende Stelle zu. Die Folgen des Äustrittsgefetzes. VI. Pr. Stargardt, 1. Dec. (Privrtm.) In unserer Gemeinde hat ein Austritt stattgefunden. Ein Gutsbesitzer, einige Meilen von der Stadt ansässig, hat seinen Austritt erklärt. Die religiöse Verfassung unserer Gemeinde und deren Institute konnten demselben ein „religiöses Bedenken" nicht eingeflößt haben. Naugard, 7. December. tPrivatmitth.) Mit Bezug aus

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