Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-12-19 · Heft 51 (19.12.1876) · p. Seite 816

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 51 (19.12.1876)
Date
1876-12-19
Page
Seite 816 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227121--34983-3304907
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Juden ist die englische Dichterin weit entfernt, und dies verdrießt den deutschen Kritiker. Denn, sagen wir, das Urtheil ist durchaus falsch. Von einem Gegenüberstellen der christlichen und der jüdischen Welt ist gar keine Spur; die Christen und Juden des Romans leben vielmehr im vollsten Frieden und arbeiten einander einträchtig in die Hände. Es finden nicht einmal gegenseitige Bekehrungsversuche statt und die christlichen Personen stimmen dem Gang der Entwickelung völlig zu. Ebenso sind Licht und Schatten gleichmäßig auf beide vertheilt. Es werden sehr hochherzige und wiederum gutmüthige christliche Familien geschildert, wie die Meyrick's, Mallinger's, Pfarrer Gascoigne's und die Anfangs sehr selbstsüchtige Gwendolen wird zuletzt geläutert und gesühnt. Die eigentlichen Bösen finden sich sogar unter den Juden, wie der Gauner Lapidoth und die hartherzige Mutier des Helden. Im Ganzen liebt die Verfasserin nicht, entschiedene Bksewichter einzuführen und zu schilvern; die psychischen Fehler und Mängel der Menschen geben ihr Motiv genug ab, um schwierige und erschütternde Situationen herbeizuführen. Nicht also daß in diesem Roman zu viel oder nur irgend welche Schatten auf die christliche Welt geworfen wären, sondern nur daß ein helles Licht auf die jüdische gebreitet ist, hat jene Kritik veranlaßt. Endlich ist es unwahr, daß die Verfasserin die jüd. Welt nicht kenne. Sie hat sie vielmehr genau studirt, im Leben beobachtet und in Schriften kennen zu lernen gesucht. Sie carrikirt ^sie allerdings nicht in Sprache und Erscheinung, aber sie hat ihre charakteristischen Eigenthümlichkeiten und ihre geistigen Lebensmomente sehr richtig aufgefaßt und von mehrfachen Seiten dargestellt. *) Die eigentliche Tendenz der Verfasserin besteht darin, zu zeigen, daß das Judenthum und die Juden noch ein eigenes und kräftiges Leben haben, daß jenes nicht nach der gewöhnlichen christlichen Auffassung eine Mumie, diese nicht abgestorbene Reiser sind, daß sie, wie sie eine große Vergangenheit haben, auch eine bedeutsame Zukunft haben können, jedenfalls in der Gegenwart noch eine tüchtige Energie eigenthümlicher Kräfte besitzen. Hier ist es nun, wo der britische Geist ganz verschieden von dem continentalen seine Einwirkung übt, jedoch ganz zutreffend mit dem Geiste der britischen Juden. Der Brite ist zerstreut über alle Welttheile. Wo er aber ansässig ist, im fernsten Süden, Osten oder Norden, überall fühlt er sich nur als ein Glied der britischen Nation und des britischen Staates. Nur als er vom Mutterlande sich allzu sehr mißhandelt sah, fühlte er sich gedrungen ein eigenes großes Volks- und 1) Ihre Kenntniß der jüdischen Gebrauche und sogar der jüdischen Theologie ist nicht gering, wenn sie sich auch. hier und da aus dem weitschichtigen jüdischen Ritus einiger Jrrtbümer schuldig macht, die aber ihre anderweitige Kenntniß erst recht beweisen, z. B. wenn sie Freitag Abend beim Gottesdienst die Männer den Gebetmantel umnehmen, am Sabbath früh einen Scgensspruch beten laßt, der jeden Morgen gebetet wird, besonders aber wenn sie einen ftommen Juden nach den Sabbathaebeten am Freitag Abend noch Geld auszahlen und einen Pfandschein schreiben läßt, allerdings mit der Entschuldigung, einem guten Bekannten aus der Verlegenheit zu helfen. Staatsleben zu gründen, die nordamerikanische Union. Verschieden von den Auswanderern der Continentalvölker, z. B. den deutschen, die sich über die Welttheile verbreiten, an den Orten ihrer Niederlassung in das dortige Staatsleben aufgehen und mit ihrem Mutterlande höchstens in einem idealen Zusammenhänge stehen, bleibt der Brite überall Brite und Glied seines Insularreiches. Dem britischen Geiste erscheint es daher als der größte Schaden für Judenthum und Juden, daß sie keinen nationalen und politischen Mittelpunkt haben. Der Brite hat vom Staate einen so hohen Begriff, daß ihm es durchaus nicht schwer wird, zu denken. Jemand, der in England lebt, könne zwar einer anderen Race und Nationalität angehören, dieser im Herzen zugethan sein, und dennoch in diesem Staate als ein berechtigter und nützlicher Bürger leben. Während daher in den Continentalstaaten von den Juden gefordert wird, daß sie sich als Juden gänzlich aufgeben und als ganz gleiche Stifte im Räderwerke des Staates arbeiten sollen; während dort ihre Gegner es als den zum Angriff geeignetsten Punkt betrachten, sie als einer anderen Race avgehörig, als „Fremde" zu stigmatisiren, und ihnen deshalb die bürgerlichen Rechte absprechen wollen — hat man in England hiervon gar keine Vorstellung. Indem also die englische Verfasserin in den Juden noch eine frische und eigevthümliche Lebenskraft anerkennt, sieht sie als ein unumgängliches Bedürfniß, als eine nothwendige Consequenz an, daß die Juden in Palästina wieder einen nationalen Staat errichten müssen, wo ein starker Theil derselben sich niederlaffe, und wohin gehörig sich die Juden aller Welttheile zu betrachten Fällen. Nur dadurch vermöchten sie ihren Bestand für die Zukunft zu sichern, nur dadurch ihrer dauernden höheren Mission, das Fundament für alle Religion abzugeben, Consistenz zu gewähren. Ihre beiden Haupthelden, Daniel Deronda und Esra-Mardochai haben diesen Gedanken zum Inhalt ihres Lebens und zum anzustrebenden Ziele. Der jüdische Staat soll auf der Basis des Mosaismus eine Republik werden mit dem Principe der Gleichheit Aller und der Duldsamkeit gegen Alle. In sehr geschickter Weise werden die Rollen vertheilt. Die Idee ist eine überlieferte, aber sie entsteht doch neu in dem schwärmerischen, kabbalistisch gefärbten, schwindsüchtigen Esra, und erhält in ihm die Gestalt des Visionären, um nicht zu sagen Prophetischen. Er überträgt sie durch die Macht seines Geistes auf Deronda, einen aus der christlichen Erziehung und Bildung als englischer Gentleman hervorgewachsenen Jüngling, dem seine jüdische Abkunft erst spater kundgemacht worden, welcher jedoch diese Idee ihm auch von feinem Großvater, einem jüdischen hochgebildeten Arzte überliefert findet, sie mit den realistischen Verhältnissen zu verbinden sucht und am Schluffe nach dem Orient abgehl, um Land und Leute zu erkunden. Wir brauchen nur zu erinnern, daß dieser Gedanke schon wiederholt und auch in jüngster Zeit in einigen englischen Juden sehr lebhaft hervortrat. Doch läßt auch die Verfasserin ihn von den anderen Juden als einen phantastischen ansehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.