Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1876)
- Date
- 1876-12-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Iudenthums. Ein unpatteiisches Organ für alles jüdische Interesse. HerauSgegeben von Rabbiner T)r. Ludwig Philippen in Bonn. Verlag von Bamugärtuer's Bllchhaudluug in Leipzig. Beilagen werden orlt 1 Mark 50 Pf. pro Hundert der 40. Jahrgang. Leipzig, den 19. December 1876. J\? 51. 2» rebaciioneüen Angelegenheiten tocttbe man sich an Dr. t. philiPpfon in Bonn; binstchtlich des Bezugs und der Inserate an SaamySrtuer'i Lnchhandla», inLeidzig. Inserate, welch« bi« voauer»- tag eingeben, finden inder raraussotgendeu Rununer Berücksichtigung. Diese Zeitung erscheint wöcheuttich einmal in 2 di« 2>/, Bogen. Preis 3 Ddnck.' Inserate werden äc^Pet^eile oder deren Inhalt. Leitende Artikel: Abermalige Schutzschriftcn. II. — Die Folgen des Austrittsgesctzcs. VI. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Sachsenhagen (Schaumburg^, Ans Württemberg, Wür;bura. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Schwei;: St. Gallen. — Rumänien: Bukarest. — Amerika: Bonn, Philadelphia. — Feuilleton: Das Judenthum in der Musik. (Schluß.) — Correspondenz: Stockholm. — Vermischtes. «£eltenDe> CLxhJkei. Bonn, 13. December. Äberrualige Schutzschrifteu. II. Nach diesem unparteiischen, wohlwollenden, doch oberflächlichen Schriftchen kommen wir zu einem umfangreicheren Werke, das in eminentem Sinne als eine Schutzschrift bezeichnet werden kann. Die als Verfasserin vielgelesener Romane hochgeschätzte Engländerin George Eliot hat jüngst einen vierbändigen Roman „Daniel Deronda" veröffentlicht, welcher in England großes Aufsehen erregte, bereits in deutscher Ueberlragung von Adolph Strodtmann (Berlin, Paetel, 1876) erschienen ist und dessen franz. Uebersetzung eben angekündigt wird. Der Stoff dieses Romans ist dem jüdischen Leben entnommen und berührt sehr wesentliche Fragen deffelbev, die zugleich von einem sehr hohen Standpunkte aus aufgefaßt werden. Wenigstens die Absicht der Berfafferin ist es, einen großen Moment in dem Lebensproceffe des Judenthums zu charrkterisiren, ohne hiermit einen Tendenzroman abgeben zu wollen. Aus diesem Grunde haben wir an dieser Stelle näher auf das Werk einzugehen. — Ohne großen Scharfsinn wird man voraussetzen können, daß eine solche Dichtung ihres Gegenstandes und ihrer Haltung wegen nicht auf allen Seiten Beifall, ja nur wohlwollende Beurtheilung finden werde. Allerdings gestehen wir zu, daß Deronda als Kunstwerk sowohl in seiner ganzen Anlage als in seiner Ausführung viele Mängel darbietet. Die Berfafferin producirt keine Sensationsromane; blutige Verbrechen, Criminalnntersuchungen und Schwurgerichte sind nicht ihre Sache, wie die der meisten ihrer gegenwärtigen englischen College». Ihre Hauptstärke besteht in der Zeichnung eigenthümlicher Charaktere unter besonderen Berhältniffen und Situationen, und zwar indem sie zugleich die psychologischen Gesetze und Erfahrungen, unter welchen die Personen so und so denken, empfinden, sprechen und handeln, bewußt machen will. Dieser Vorzug hat z, B. ihren Roman Middlemarch berühmt gemacht. Aber in Deronda thut die Verfasserin gerade hierin des Guten zuviel; sie häuft die Reflectionen so überaus an, daß die Handlung nur langsam vorrückt und die Geduld des Lesers zu sehr beansprucht wird. Hierzu trägt freilich die wenigstens in den ersten Bänden durchaus mißlungene deutsche Uebersetzung vieles bei, da sie die feinsten psychologischen Beobachtungen oft in ganz unverständlicher Sprache wiedergiebt und überhaupt sehr nachlässig gehalten ist. Doch wir haben es hier mit der ästhetischen Würdigung nicht zu thun. In Deutschland machte sich aber alsbald eine andere Kritik geltend. Es heißt: Die Verfasserin habe die christliche und die jüdische Welt einander gegenübergestellt, der ersteren alle Bösewichter, der letzteren nur edelmüthige Charaktere zugewiesen, und dies nur, weil sie die Juden gar nicht kenne. -Dieses Urtheil ist durchaus falsch, und nichts als ein Ausbruch jener schlechten Gewohnheit bei den meisten deutschen Belletristen, die Juden entweder als mauschelnde Carrikaturen oder als wucherische, betrügerische Spitzbuben, besonders als aufgeblasene, prunksüchtige und dabei ungebildete Banguiers und Gründer darzustellen. Bon diesen deutschen Typen des