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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-12-12 · Heft 50 (12.12.1876) · p. Seite 811

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 50 (12.12.1876)
Date
1876-12-12
Page
Seite 811 (sequence 13)
Language
German
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811 Ausdruck der Kunst, wie wir ihn beispielsweise in Raphael und Mozart feiern, ist ihm gewiß unzugänglich." (Wir sehen, der Vers, lenkt schon um: er spricht der jüdischen Race „den höchsten Ausdruck der Kunst" ab. Er nennt Raphael und Mozart als einen solchen. Dann müßte er auch sagen, daß der höchste Ausdruck in der Malerei nur der italienischen Race, in der Musik nur der deutschen möglich ist, den anderen Racen nicht. Es wäre dies augenscheinlich ein großes Unrecht, denn bei dem geringen Zeitraum, welchen die moderne Kunst bis jetzt durchschritten hat, kann man nicht wissen, welche Genien noch in diesem oder jenem Volke erstehen werden. Die Juden haben für alle Zweige der modernen Kunst kaum sechs oder fünf Jahrzehente hinter sich, und weil sie noch keinen Raphael oder Mozart, wenn auch eine ganze Reihe Meister zweiten und dritten Ranges in dieser kurzen Spanne Zeit hervorgebracht haben, spricht man ihnen die Fähigkeit, in irgend einer Kunst es zum höchsten Ausdruck zu bringen, ab. Es versteht sich, daß ein deutscher Forscher für einen solchen Ausspruch auch nach einer Erklärung sucht.) „Ich glaube, man kommt der Wahrheit ziemlich nahe, wenn man dem Spontanen in ihm uur einen bedingten Raum anweist. Wir wiffen, wie Heine's scheinbar einfachste Liebeslieder gefeilt und überarbeitet worden sind. Man vergleiche „Du bist wie eine Blume" mit dem Uhland'schen „Die linden Lüfte sind erwacht", oder mit einem Goelhischen Gedicht. Es ist ein Unterschied, wie zwischen künstlichen und natürlichen Blumen, aber sie sind mit der auserlesensten Feinheit gemacht, und ihr Parfüm kommt oft dem Duft ganz nahe. Unter den christlichen Dichtern giebt es sehr viel unbedeutendere, die ihn alle an Naturlaut weit überragen, z. B. Storm, Osterwald." (Der Verf. sieht sich schnell am Ziele. Ohne weiter Gewicht darauf zu legen, daß er in Widerspruch mit sich selbst statt des Racenthums doch immer nur von „christlichen" Künstlern spricht, also vom Glauben — so will er den Juden die Spontanität, die Natürlichkeit absprechen. Er findet dies darin, daß Heine seine Lieder feilte, während Göthe, Uhland und die christlichen Dichter überhaupt dies nicht gethan. Thatsächlich ist dies gewiß falsch. Von Goethe's Liedern haben wir so viele Varianten, daß er sicherlich seine Gedichte gefeilt hat, und auf die verschiedene Ausdrucksweise seiner Gedanken einen großen Werth legte. Was will dies überhaupt sagen? Ware dieses äußerliche Moment irgend entscheidend, so würden die Improvisatoren die größten, spontansten und natürlichsten Dichter sein. Bon Plato weiß man, daß er in seiner Schreibtafel neun verschiedene Arten für den Anfang seiner „Republik" hinterlaffen hatte. Das Spontane besteht in dem Gedanken und Gefühl; beide ringen nach dem Ausdruck, und da ist oft nicht der erste der glücklichste und natürlichste. Diesen letzteren überall von einem mehr gekünstelten zu unterscheiden, ist sehr schwer, und wird den verschiedensten Urtheilen ausgesetzt sein; fämmtliche Lieder Heine's aber für „gemachte und parfümirte Blumen" zu erklären, müffen wir, die wir durchaus kein Freund der Heine'schen Muse sind, und diesschon oft genug ausgesprochen haben, sür ein „unerhörtes" Unrecht ansehen. Und ist denn Heine der einzige Repräsentant der jüdischen Race? Vergleicht doch einmal viele Psalmen, z. B. den kleinen meisterhaften 23., die zweite Hälfte des 24. und viele andere mit den christlichen Kirchenliedern, sowohl den lateinischen als den deuschen und den allerneuesten französischen — welche sind die natürlichen, und welche die gekünstelten Blumen, und zwar wahrlich nicht immer, oder vielleicht nur selten von einem erträglichen Parfüm? Dabei sind die Psalmen doch nicht von ein em Sänger, sondern von vielen versaßt.) (Schluß folgt.) Vermischtes. Folgende Keine Scene verdient hier wohl erzählt zu werden. Am 26. v. M. fand in Erwitte (Westphalen) die amtliche Conferenz der katholischen Lehrer und Lehrerinnen des Kreises Lippstadt, zu der die jüdischen Lehrer zu Geseke, Thorn und Erwitte gehören, statt. Nachdem der Königliche Kreisschulinspector, Herr Stein, die amtliche Conferenz geschloffen, bat Lehrer Schulte Notorf um's Wort. Derselbe trug dann, nachdem ihm das Wort gegeben, vor: In der Bonifaziusvruckerei zu Paderborn sei ein Werk erschienen: Die Lehrer sonst und jetzt. In demselben werde gesagt, daß die Lehrer jetzt auf den Conferenzen nur Bier ttänken, dann nach Hause kämen, sich über das schlechte Bier der Conferenzen beklagten. Die Klage wäre aber noch nicht zu Ende, so langte ein Brief des Rentenmeisters an den Lehrer mit mehreren Seideln Bier, die, weil bester, sogleich, getrunken würden, und 7 Ellen Wurst an. Gegen diese Beleidigung des Standes bitte er zu protestiren. Hiermit war der Schulinspector einverstanden. Da verlangte einer der anwesenden jüdischen Lehrer das Wort, und sagte, nachdem es ihm ertheilt: „Ich bin Jude und will zu Euch als Jude sprechen. Ich fürchte kein Mißverständniß, da ich zu den Bildnern des Volkes, den Lehrern der Jugend, spreche. Aus der Bonifaziusdruckerei ist eine Reihe von Schriften gegen meine Glaubensgenossen hervorgegangen, Schriften so schändlichen Inhalts, daß man, wenn es wahr wäre, sich schämen müßte, Jude zu sein. Solche Leute aber zu widerlegen, hülfe nichts; denn hundert Mal widerlegt, behaupteten sie zum hundertsten Mal. wir sind nicht widerlegt, wir können nicht widerlegt werden. Diese Leute brauchen nicht widerlegt zu werden; denn das Volk fängt an, diesen Leuten nichts mehr zu glauben." Da fiel ihm der Schulinspector in's Wort, mit der Bemerkung: „Was wollen Sie sagen?" Er entgegnete hierauf: „Ich protestire gegen jeden Protest; schweigende Verachtung soll der Lohn dieser Leute sein!" Darauf sprach der altkatholische Lehrer aus Lippstadt, aber seine Worte blieben durch das Scharren der Füße der Herren und Damen — die Conferenz zählte wohl fast 80 Theilnehmer — was mehrere Minuten anhielt, bis es sich der Schulinspector verbat, unverständlich.

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