Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1876)
- Date
- 1876-12-12
- Page
- Seite 809 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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809 So erfreulich auch die Stipendien sich alljährlich mehren, stehen dieselben doch immer noch in keinem Verhältniffe zu den würdigen Concurrenten, deren Zahl im vorigen Jahre 144 betrug; es wäre erwünscht daß die edlen Zwecke des Vereins in je weiteren Kreisen Unterstützung fänden, damit dieser Landesverein den an ihn gestellten Anforderungen zur Genüge entsprechen könne. Frankreich. Paris, 3. Dec. Zu dem Geschenke des Herrn Osiris von 200,000 Frcs. zum Bau einer portugiesischen Synagoge hat ein Herr Löon 50,000 Frcs. und Andere haben 10,000 und 5000 gezeichnet. Demnach sind noch 100,000 Frcs. erforderlich, welche man durch Obligationen aufzubringen sucht. — Der Artillerie- Obrrft Brisac (jüd. Religion) ist zum General befördert worden. Holland. Amsterdam, 20. November. »Privatmittheil.) Gestern verschied hier der in orthodoxen Kreisen bekannte R. Akiba Lehren im Alter von 81 Jahren. Italien. Rom, im Nov. (Privatmitth.) Wie den Lesern der „A. Z. d. I." erinnerlich sein wird, zählte die aufgelöste Deputirtenkammer zehn Abgeordnete jüdischer Religion, ein nach der Bevölkerungsziffer ungewöhnliches Verhältnis. Bekanntlich hat die gemäßigte Partei das Staatsruder aus den Händen verloren, und die Linke ist in's Ministerium getreten. Unter den Auspicien desselben fanden soeben die Neuwahlen statt, und brachten dem Ministerium eine sehr große Majorität. Unter dem Einflüsse dieser Strömung wuden von den zehn Israeliten nur vier wiedergewählt, nämlich die Herren Fand zu Mailand. Luzzatti zu Oderzo, Maurogonato zu Mirand und Morpurgo zu Este, und zwei wurden neu gewählt, der junge Advocat Parenzo zu Adria und der Dichter David Levi zu Castel Saint-Giovanni, letzterer war schon früher einmal Deputirter. Es gehören also der neuen Kammer sechs Israeliten an, und wir heben hervor, daß der Herr Maurogonato von der Kammer zum Vicepräsidenten erwählt worden. Zu bedauern ist. daß Herr Alatri in Rom nicht wieder gewählt worden ist. Daß an der obigen Erscheinung auch nicht im Entferntesten religiöse Vorurtheile einen Ancheil haben, sondern daß sie lediglich Erfolg der politischen Strömung ist, brauchen wir wohl nicht zu versichern. Andererseits läßt sich auch hieraus erkennen, daß die Juden keiner Partei allein angehören, wie die reactionären Schreiber so oft insinuiren wollen. Großbritannien. London, 1. December. Am 23. November wurde hier ein englisch rumänischer Handelsvertrag unterzeichnet und der rumänische Unterhändler Fürst Ghika ist nach Haufe gereist. Ueber den Inhalt des Vertrages ist noch nichts verlautbart. Jndeß läßt sich mit Bestimmtheit voraussetzen, daß er keine confessionellen Beschränkungen enthält. Vielleicht ist es auch nur eine provisorische Convention wie die französische und italienische, welche den uns inierefsirenden Punkt unberührt läßt. Letzteres wird uns soeben bestätigt. Diese provisorischen Verträge machen der rumänischen Schlauheit alle Ehre. Denn einerseits wissen die Rumänen, daß aus den gedachten Ländern die Juden so gut wie gar nicht nach Rumänien kommen, andererseits kann Oesterreich- Ungarn aus diesen provisorischen Conventionen keine Aenderung seines Vertrages fordern, wozu es sonst berechtigt wäre.) I e u i l Das Zudenthum in der Mufik. Wer wie Schreiber dieses bereits ein halbes Jahrhundert dem Kampfe des Vorurtheils und der Wahrheit, wie er nach allen Richtungen hin betreffs des Judenthums und seiner Bekenner geführt wird, theils mitstreitend, theils objectiv beobachtend anwohnt, der kann sich oft eines schmerzlichen Mitgefühls nicht erwehren. Wir meinen nicht des Mitgefühls mit dem Gegenstände jener Boruriheile — denn dieser hat im letzten Jahrhundert jedenfalls so wesentlich gewonnen, daß er den Rest der Uebelstände noch weiter, so lange es ihm auferlegt ist, tragen mag — sondern mit denen, welche diese Vorurtheile hegen, sich ihrer entledigen möchten und dies doch nicht können. Wir sahen nicht selten wahrheitsliebende Männer, die nach richtiger Erkenntniß l e t 0 n. und nach Uebung der Gerechtigkeit ernstlich strebten, diese Vorurtheile gegen die Juden zur Vorderthür ihres Hauses hinauswerfen, sie sofort aber zur Hinlerthür wieder hereinlassen. Wir sahen sie mit der Absicht an die Arbeit gehen, irgend eines jener Vorurtheile zu bekämpfen und seine Nichtigkeit zu erweisen, und kaum daß sie dies begonnen hatten, stacken sie schon wieder mitten darin. Ein Beispiel dessen kam uns in diesen Tagen vor Augen, und wir wollen es näher besprechen. Wir können jenen Versuch Richard Wagner's als bekannt voraussetzen, Mendelssohn und Meyerbeer aus der Reihe der Componisten zu streichen, oder doch alle ihre Lorbeeren zu zerpflücken, um sich als alleinigen Musikheros, unmittelbar nach Beethoven, aber weit über diesen hinaus zu stellen, und zwar dadurch, daß er sie als Juden aller wahren musikalischen