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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-12-12 · Heft 50 (12.12.1876) · p. Seite 808

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 50 (12.12.1876)
Date
1876-12-12
Page
Seite 808 (sequence 10)
Language
German
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808 während zugleich alle Fortschritte der Industrie verhindert waren. Sicherlich hat sich der Wohlstand und eine menschenwürdige Existenz seil dem Wegsall der Zunftgesetze auf eine viel größere Zahl Bürger ausgedehnt. Doch es ist hier nicht der Platz, diesen Gegenstand näher zu erörtern. Wir wollten nur einen Wink geben, und darauf Hinweisen, wie diese Sorte von Patrioten nichts Anderes will, als die verschiedenen Klasien der Bürger gegeneinander aufhetzen, sie in feindselige Stimmung untereinander bringen und auf diese Weise sich irgendwo Schleppträger gewinnen. So haben sie versucht, den Religionshaß aufzufrischen, so bemühen sie sich, den Haß der Stände und Klasien anzufachen. Glücklicher Weise gelingt dies ihnen nur bei einem geringen Bruchtheile, und somit ist es gut, daß diese Feinde reS Staates und der Gesellschaft ihre Experimente machen, denn durch jeden mißlungenen Versuch legen sie sich selbst das Handwerk. Bald werten ihre Stimmen verklungen sein, und man wird nichts mehr von ihnen wiffen. Aus Baden, 30. November. (Privatmitth.) Sicherlich kann der Fall in Bretten, über welchen in Nr. 48 berichtet worden, nicht als ein „Volksurtheil" angesehen werden. Das badische Volk hat sich für die gemischten Schulen nicht allein durch seine Volksvertreter und seine Regierung, sondern auch durch die Abstimmung der Bürger in vielen Städten lange vor der Emanirung des betreffenden Gesetzes ausgesprochen, und wer die Sache will, muß auch mit Len einfachen Consequenzen einverstanden sein. Will man die Israeliten nölhigen, ihre Schulen aufzugeben, so muß man auch israelitische Lehrer anstellen. Dennoch kamen bei dem Vorgänge in Bretten die Gesinnungen von manchen Seilen zum Vorschein, und zwar von Seiten, von welchen man es nicht erwartet hätte. Von vornherein muß dabei beachtet werden, daß die Zahl der anstellungsfähigen jüdischen Lehrer gegen die Gesammtzahl der Lehrer, welcher unser Land bedarf, eine zu geringe ist. um etwa die Befürchtung einer Concurrenz aufkcmmen zu lassen, noch dazu, da in Baden wie in allen anderen deutschen Ländern der Lehrermangel von Tag zu Tag fühlbarer wird. Es ist also lediglich das alte Vorurtheil, welches hier mitspricht. Denn selbstverständlich können nur jüdische Lehrer angestellt werden, welche ihre Befähigung ganz wie ihre christlichen Collegen auf dem Wege der Staatsprüfung erwiesen haben. Sollte man es nun glauben, daß „das Organ der vereinigten freien Conferenzen und des Oberrheinischen Lehrer-Vereins", eine „Wochenschrift für Schule und Haus", die „Oberrheinische Lehrer-Zeitung" in No. 46 (vom 11. November) eine Verlheidigung des Vorganges in Bretten enthält? Und aus welchen Gründen? So lange noch „Schacherjuden mir dem Zwerchsack von Ort zu Ort wandern" u. s. w. und so lange noch „das Haus Israel am Sabbath weder Feder noch Papier anrührl" — so lange sei die Anstellung von Lehrern jüdischer Religion unthunlich. Denn, frägt der Verfasser deS Artikels, welcher in der Redaction des Blattes selbst gesucht werden zu müssen scheint: „Wo kommen wir da im Fall der Verwendung von Israeliten an gemischten Schulen am Samstag mit dem Stundenplan hin?" Auch sei ein Theil der jüdischen Lehrer gar nicht seminaristisch gebildet. — Indeß wollen wir dem Blatte gerecht sein. Denn es brachte in seiner Nr. 48 eine recht wackere Entgegnung. Auf die letzte Frage weist sie auf Mannheim, Heidelberg, Kippenheim, Emmeudingen, Müllheim u. s. w. hin, wo schon seit Jahren jüdische Lehrer an den öffentlichen städtischen Schulen an gestellt sind mit vorzüglichen Resultaten nach den betreffenden Prüfungsbescheiden. Die übrigen Sächelchen des pädagogischen Autors in Nr. 46 waren leicht zu widerlegen, da sie mit der Schulfrage gar nichts zu thun haben und sich auf völlig verkehrte Ansichten stützen. Der Blödsinn zeigt sich schon darin, daß man dem gebildeten und fähigen Juden darum die Carrieren verschließen will, weil eS noch ungebildete Juden giebt, als wenn das christliche Volk deutscher Nation aus tarnet Helden der Bildung und hoher Qualität bestände. Indeß aus solchen vorübergehenden Erscheinungen darf kein Schluß gezogen werden. Nicht auf unsrem Gebiete allein ruft jeder Schritt vorwärts Widerspruch und gehässige Ausbrüche hervor. Die Zeit geht darüber hinweg. Oesterreich-Ungarn. Wien, 28. November. An den soeben hier stattgefundeneu Vorstandswahlen betheiligten sich etwa 200 Wahlberechtigte der Wiener israelitischen Cultusgemeinde und wurden mit absoluter Majorität gewählt die Herren: Armmio Cohn, Moritz Freiherr v. Königswarter, Dr. Leopold Kompert, M. Th. Schiff (Wiederwahlen», Universitäts-Professor vr. Grünhut, Dr. Angelo R. v. Kuh, Wilhelm Wertheim und Hofrath I. M. R. v. Pfeiffer (Neuwahlen). — Der Mangel an Interesse für diese Wahlen, der sich durch die kläglich zu nennende Theilnahme von 200 Wählern bei einer Gemeinde von 40,000 Seelen kundgiebt, kann auch als ein Zeugniß für die gute Verwaltung unsrer Gemeinde gelten, welche so wenige Gegenstände zur Unzufriedenheit bietet, daß sich Wahlstreitigkeiten und Wahlumtriebe nicht ergeben. Pest, 26. November. (Privatmitth.) Heute hielt der ung. israel. Landes-Stipendium-Verein seine diesjährige Generalversammlung ab. Aus dem zur Bertheilung gelangten Jahresberichte ersehen wir das erfreuliche Gedeihen dieses Vereins, dessen Vermögen sich bereits auf beinahe 32,000 fl. beläuft. Derselbe zählt 80 gründende, 236 ordentliche Mitglieder und hat außerdem 5 Slistunzen. von welchen alljährlich auf den Namen der Stifter lautende Stipendien verliehen werden. Im laufenden Jahre wurde bereits auf 20 Stipendien im Gefammtbetrage von 2100 fl. der Concurs ausgeschrieben, deren Zahl Herr Julius Wolfner mit einem Stipendium von 100 fl. zu bereichern die Gute hatte, wofür dem edlen Menschenfreund der Dank der Generalversammlung votirt wurde.

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