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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-12-12 · Heft 50 (12.12.1876) · p. Seite 800

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 50 (12.12.1876)
Date
1876-12-12
Page
Seite 800 (sequence 2)
Language
German
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800 hier mit einem „Confessionslosen" zu thun; der Autor bekennt sich, „dem Christenthume wie dem Judenchume fremd zu sein", doch Kenntniß des Hebräischen und des Judenthums überhaupt zu besitzen. Aus dem ersteren Grunde nimmt er Unparteilichkeit, aus dem zweiten Sachkenntniß in Anspruch, da er die Unwissenheit betreffs des Judenthums als die vorzüglichste Ursache ansieht, daß das Borurtheil sich erhalt und immer wieder gebärt. Wir bestreiten dem Berfaffer seinen Standpunkt nicht; im Gegentheil, er ist uns für den Gegenstand ganz recht. Ob seine Kenntniß des Judenthums bis in's Specielle reicht, lassen wir dahingestellt. Das vorliegende Schristchen ist kein Erzeugniß ausführlicher Gelehrsamkeit und einer gründlichen Untersuchung; aber Unparteilichkeit und gesunder Menschenverstand machen es um so geeigneter, in den Kreisen des gewöhnlichen Lebens richtigere Ansichten zu verbreiten. Der Berfaffer beginnt mit einer Vergleichung des Judenthums und des Christenthums, voran des Alten und des neuen Testamentes, und erweist hier den Satz: „Das Neue Testament ist, was seine Ethik und Moral betrifft, nichts als eine Copie des Alten." Er zeigt dies im Gegensatz zu einem in diesem Jahre von Hohns erschienenem Werke: „Die alte Welt in ihrem Bildungsgänge als Grundlage der Cultur der Gegenwart." Daß die Lehre von der Kindschaft, d. h. von dem Berhältniß des Menschen zu Gott wie des Kindes zum Vater *), die Elternliebe, die Nächstenliebe, die Heiligung der Gesinnung, der Geist der Liebe auch gegen Feinde — wobei selbstverständlich von allen die Rechtspflege betreffenden Bestimmungen abgesehen werden muß, da die mosaische Urkunde eine solche Institution einfetzen wollte und mußte, wogegen das Neue Testament sie geradezu beseitigte, oder doch gänzlich ignorirte — im Alten Testamente ganz gleich wie im Neuen ausgesprochen werden, und dieses von jenem oft wörtlich entlehnt, wird dem Berfaffer leicht nachzuweisen, und hätte er dies, wenn es der Zweck erfordet hätte, noch mit viel zahlreichern Stellen thun können. Es bleibt wahrhaft zu verwundern, wie ein solcher 1) Wir wunderten uns von dem Verfasser S. 8 f. bei der Erwähnung der Unsterblichkeitslehre die Behauptung zu lesen, daß sich im Alten Testamente keine Hinweise auf das Fortleben nach dem Tode fänden. Er sagt: „Es ist ohne Frage verkehrt, Stellen wie: „auf daß du das Land erbest, das der Herr dir zugeschworen hat" und derarliges auf das Jenseits und nicht vielmehr auf Palästina zu beziehen." Hierin geben wir ihm recht, nicht aber daß sich keine wirklichen und unverkennbaren Hinweise auf die Unsterblichkeit im Alten Testamente fänden. Wir verweisen auf unsre Abhandlung „Die Unsterblichkeitslehre im Judenchume" in unsrer „Israelitischen Religionslehre" B. >1» S. 23l ff. Daß der Unsterblichkeitsglaube schon sehr frühzeitig im Volke wurzelte, ersieht man aus den volksthiimlichen Ausdrücken I Mos. 15. 15. 4 Mos. 20, 24, die gar nicht anders als aus dem Unsterblichkeitsglauben heraus verstanden werden können. Ebenso die Aussprüche 1 Sam. 28, 7. 2 Sam. 12, 23. Ganz bestimmt tritt die Lehre auf Ps. 16, 9—ll. 17, 15. 49, 16. Hiob 19, 25—27. Koh. 12, 7 u. s. w. Daß vor dem Auftreten Jesu der Unsterblichkeitsglaube in der formulirtesten Weile im jüdischen Volke lebendig war, besonders bei den Pharisäern und Essäern» zeigen alte Stellen deS Talmuds, die Leugnung dieses Glaubens durch die Sadduzäer und viele Stellen des Josephus, B. Alterth. 18, 1. Jüd. Kr. 2, 8, 11. 3, 8. 15. Die Unsterblichkeitslehre des Evangeliums ist also dem Judenchume enMommen. Nachweis selbst wiffenschaftlichen Männern gegenüber noch immer wieder geführt werden muß, während doch das Alte Testament in Aller Händen sich befindet und in zahllose Sprachen übersetzt ist. Der Berfaffer findet daher den eigentlichen Unterschied nur darin, daß das Evangelium sich unter allen Völkern verbreiten wollte, während das Alte Testament sich lediglich an die israelitische Nation richtete. Dies ist allerdings als geschichtliche Thatsache richtig. Für die folgenden und besonders für unsre Zeiten begründet es aber viel weniger einen Unterschied, weil sehr viele und wesentliche Theile des Alten Testaments doch ganz allgemein menschlichen Inhalts sind, wie dies ja auch dessen Anwendung bei allen Völkern der Erde erweist. Die christliche Lehre in Schule, Schrift und auf der Kanzel kann des Alten Testaments nicht entbehren, ohne äußerst lückenhaft zu bleiben. — Von diesen wendet sich der Verfasser zum Talmud. Er giebt zu, daß in demselben „die das äußere Leben betreffenden Gebote zu sehr in den Vordergrund treten" und daß dessen Moral oft nicht die Höhe des Alten Testaments einhalte; doch erkennt er an, daß im Talmud ebenso die edelsten und humansten Lehren und Grundsätze ihren Platz haben", und erweist dies an einigen Beispielen. Er weist dann darauf hin, daß im Mittelalter das Christenthum auch auf der Basis des Neuen Testamentes sich nicht besser aufgebaut habe. Er sagt: „Die christliche Religion, heißt es, übertrifft schon darin das Judenthum, weil sie nicht, wie dieses, immer ihre Auserwähltheit hervorhebt und damit eine übermüthig exclusive, gegen andere Religionen gehässige Stellung beansprucht." Hat sich aber, so fragen wir, das Judenthum je so auserwählt gerünkt, wie späterhin das Christenthum es that? War es denn nicht rein das Pochen auf seine Auserwähltheit, wenn das Christenthum Scheiterhaufen anzündete für Diejenigen, die es nicht anerkennen wollten? Ueberhaupt aber wird jeder unparteiisch Denkende dem Verfasser der jüngst erschienenen Broschüre „Die sociale Stellung des Judenthums von vr. Kolkmann" beistimmen, wenn er (S. 26) sagt: „Auf Grund von päpstlichen Constitutionen, Syllabus und Encyclika läßt sich auch ein Schauerbild von einem Christen entwerfen, welches der jüdischen Carricatur nichts nachgiebt." — Erscheint also unsrem Autor Haß und Verachtung der jüdischen Religion als völlig ungerechtfertigt und demjenigen zur Schmach, der sie hegt, so wirft er zum Schlüsse einen Blick auf die Bekehrungsgesellschaft, und beschuldigt sie geradezu der Frivolität. Er geht nun zum zweiten Theile über, nämlich „zum Vergleiche der Juden mit den Christen, um hieraus den Schluß zu ziehen, daß auch die Angriffe, welche die Juden erfahren, der ungerechtesten Art sind." Er giebt Fehler und Vorzüge bei den Juden zu, behauptet aber, daß diese sich nicht etwa aus dem semitischen Ursprünge der Juden herleiten, sondern alle erst später, und zwar vorzugsweise im Mittelalter Eigenthum der Juden geworden. Sie sind durchaus nicht bei den alten Juden nachweisbar, sondern erst durch den unerhörten Druck der Christen entstanden. Er bespricht zunächst den Hang zum Handel, wobei

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