Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1876)
- Date
- 1876-12-05
- Page
- Seite 795 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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795 alle Schichten der Gesellschaft waren vertreten. In die Synagoge konnte nur der kleinste Theil gelangen. Rabbiner Minor sprach in der russischen Sprache, so wahrheitsgetreu, so voll Innigkeit, daß seine Rebe über alles Lob erhaben steht. — Da der neue jüdische Gottesacker über 12 Werst von der Stadt entfernt liegt, gelangte der Zug erst spät auf demselben an, und konnten nur am Grabe vor der rr-mp noch einige Worte von dem Rigaer Rabbiner R. Elie Riwlin gesprochen werden. Derselbe war sein Amtsgenosie und Freund in Riga, und war sein Nachruf, obgleich im Jargon gesprochen, tiefergreifend. —>Dann wurde die irdische Hülle N.'s rrrnw'' in die Gruft von den Gaboim der p"n gehoben. — Die Erde schloß sich. — An dem Hügel standen die trauernden Waisen und beteten 77^nrr «"“tj?, wie ihr Vater sie gelehrt des Allgütigen Fügung preisend. — Rabbiner David Oppenheim. Nekrolog. Wir haben in den letzten Jahren sehr oft die schmerzliche Pflicht zu erfüllen gehabt, hervorragenden Persönlichkeiten, welche noch ganz und gar dem altrabbinifchen Boden entsprossen waren, dann aber mit vollem Eifer sich eine klassische und wiffenschaftliche Bildung erworben hatten, und aus diesem beiderseitigen Wissen und Geiste heraus in Amt und Literatur ausgezeichnete Berdienste errangen, an den frisch aufgeworfenen Gräbern den Nachruf zu halten. Wir haben hier eine Reihe solcher Männer im Auge, welche zugleich in deutschen Gauen ihre Heimath hatten, zu denen wir aus diesem Gesichtspunkte auch Böhmen und Mahren zählen. Das Geschlecht dieser Männer wird nun bald erloschen sein. Denn allerdings kommen noch häufig aus den osteuropäischen Ländern Jünglinge herüber, welche in gleicher Weise nur eine altrabbinische Erziehung genoffen, und nun in Deutschland ihrem Drange nach Kultur und Wiffen zu genügen suchen. Allein für diese sind aus den Verhältnissen ihres Heimathlandes heraus ganz andere Bedingungen, sowohl für ihre geistigen Anlagen, als für deren Entwickelung gegeben, so daß sich auch die Resultate ganz andersartig Herausstellen. Die von uns gezeichnete Kategorie jüdischer Gelehrten, besonders Theologen, wird in der Geschichte des Iudenthums eine sehr hervorstechende Stellung einnehmen; denn sie vereinigte mit einem umfangreichen Wiffen und fruchtbarem Talente den uneigennützigsten wissenschaftlichen Eifer, der, wenn er nicht gerade höhere und großartige Objecte zur Bearbeitung fand und wählte, selbst einzelnen und geringfügigern Gegenständen den wiffenschaftlichen Geist und die richtige Forschungsmethode einzusenken verstand. Zu diesen Männern gehörte auch David Oppenheim, der am 21. Octbr. d. I. nach standhaftem Ertragen schwerer Leiden zu Wien verstarb, wohin er gegangen, um Heilung zu suchen. Wir standen mit ihm 32 Jahre hindurch in Verbindung, und niemals, selbst wo unsre und des Verewigten Ansichten nicht ganz übereinstimmten, wurde sie getrübt. Mehrere Abhandlungen und eine große Anzahl tüchtiger Kritiken, sowie viele Correspondenzartikel dieser Zeitung waren die Frucht des von gegenseitiger Achtung getragenen fteundschaftlichen Verhältnisses. David Oppenheim war zu Leipnik (Mähren) am 18. Dec. 181b geboren. Sein Vater war Rabb. Beer Oppenheim, ein Sprößling der bekannten Familie, zu deren Ahnen der berühmte Prager Landrabbiner und Bibliophil. David Oppenheim gehörte. Er erhielt den Unterricht im Talmud auf der Ieschiba seines Vaters zu Straßnitz und Eibenschitz (Mähren), und wurde ebenfalls zum Rabbinate bestimmt. Seine Fortschritte waren glanzend; aber er fühlte bald das Bedürfniß nach wiffenschaftlichen Studiuin und hierzu nach klassischer Bildung. Er ging deshalb als 18-jähriger Jüngling nach Prag, wo er an der Universität fiudirte und zugleich bei Kauders und Samuel Landau seine rabbinischen Studien fortsetzte. Es gelang ihm nicht alsbald, einen amtlichen Wirkungskreis zu erlangen. Er hatte 1844 die Tochter eines angesehenen Mannes in Leipnik, Herrn Marcus Bellak geheirathet, und lebte daselbst feinen Studien. Im Jahre 1845 veröffentlichte er in der A. Z. d. I. feine Erstlingsarbeit, eine geschichtlich-kritische Untersuchung über die Gebete und im folgenden Jahre wurde er als Rabbiner nach Jamnitz berufen, von wo er 1857 den ehrenvollen Ruf nach Gr. Becskerek in Ungarn erhielt. Wenn er auch kein Erzeugnis seines Geistes in einem unfanglichen Werke niedergelegt hat, so war er doch ununterbrochen literarisch thatig und die bedeutendsten Zeitschriften der jüdischen Presse in deutscher und hebräischer Sprache brachten von ihm Aufsätze und Artikel über die verschiedensten Gegenstände ver jüdischen Gelehrsamkeit. Zu gleicher Zeit verfocht er entschieden die Rechte seiner Glaubensgenoffen und zog sich bereits in Jamnitz dadurch die Schmähungen Sebastian Brunner's und ein ganzes Buch des Ritters von Pawlikowski zu, weil er es gewagt, den Hofcaplan und Beichtvater der Kaiserin der Geschichtsfälschung zu beschuldigen. In Ungarn scheute er den Kampf gegen die Magyaromanie nicht, die er des Mangels an sittlichem Gehalte zieh, weil viele ihrer Träger ftüher vor der Bach'schen Reaction in Staub gekrochen und jetzt eine wahre Brutalität gegen alle deutschen Elemente übte. Für ihn war die geistige Erhebung und Versittlichung seiner Glaubensgenossen neben der Erlangung der bürgerlichen Gleichstellung das höchste Ziel. Er strebte dies an mit einem glühenden Eifer und einer einschneidenden Scharfe, die wir aus unsrem Gesichtspunkte nicht selten in seinen Artikeln zu mildern uns bewogen fühlen mußten. In seinem Berufe war er die Pflichttreue, Ehrenhaftigkeit und strengste Gewiffenhaftigkeit selbst; für Jugenderziehung und Wohlthätigkeit unermüdlich thätig. So in seinem Amte als Seelsorger, als welcher er eine kindliche Verehrung genoß, so als Bürger, da er zum Stadtrath, zum Mitglied des SchulratheS