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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-12-05 · Heft 49 (5.12.1876) · p. Seite 794

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 49 (5.12.1876)
Date
1876-12-05
Page
Seite 794 (sequence 12)
Language
German
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794 Gemeindewesen betraf. Wenn es dereinst ver Vorsehung gefalle, hier zu Petersburg ein solches Gemeindeleben erblühen zu lassen, wie in den andern Hauptstädten Europas und Amerikas, so wird man an N. zurückcenken müssen, der an Alles dem Gemeindewesen Nützlichen dachte und Hand anlegte; daß ein Consistorium nicht zu Stande gekommen, daß eine Centralsynagoge noch nicht erbaut; der Gedanke zu einer Handwerkerschule kaum angeregt ist u. s. w. — wer kann da Rabbiner und Vorstand beschuldigen — die Verhältnisse haben diese Pläne nicht zur That reifen lassen und uns bleibt nur unsere alte Kraft, die uns Alles hat erreichen lassen — die unerschütterliche Geduld übrig. — Und wenn wir dieser Wohlrhaten theilhaftig werden, so gerenkt die jüdische Nation und die Petersburger Gemeinde ihres ersten Rabbiners, seiner Gönner und Mitarbeiter in Liebe und Dank; denn Dankbarkeit kennt jeder Israelit, Dankbarkeit ist der goldene Faden in unserer Geschichte. Am Schabbuoth n"b“in war der letzte Feiertag, an dem N. predigte. Keine Predigt von ihm war so gedrängt und inhaltsvoll, als diese. Er fühlte gleichsam, daß er sich zum letzten Male vor seinen Zuhörern ganz aussprechen müsse, Nachdem er sich mit dem Buche der Bücher so freute, als wäre dasselbe nur erst am ersten mr-oo geschenkt, ging er mit großer Zuversicht auf die Zukunft über, welche Israel bevorfiehe, so lange wir diesem Buche treu bleiben. Ja mit Stolz blickte er aus die Leiden und Verfolgungen herab, welche die Juden zu erleiden gehabt. Dann ging er zu der Erziehung der Jugend über, wobei er bittend und rächend die Eltern aufrief, die Kinder in und mit der Religion unserer Väter zu erziehen, und nahm zum Schlüsse Abschied von seiner Gemeinde; er hatte im Sinne wieder nach Kissingen zu gehen, aber die Verhältnisse zwangen ihn, an dem Ostseestrand bei Riga die Hauptsommerszeit zuzubringen, als sollte er Abschied nehmen von allen ihm dort lebenden Freunden, von dem Boden, wo er die besten Jahre seines Lebens unter so vielen materiellen Leiden und moralischen Freuden zugebracht; Abschied nehmen von dem Grabe, der seine Jugendgeliebte und Gefährtin barg. Nach Petersburg zurückgekehrt, fühlte er sich eine kurze Zeit ganz wohl und war frohen, heitern Muthes. Da warf ihn am zweiten Tage nach 3"n ein zufälliges, schweres Leiden auf das Krankenlager, auf dem er nach zwölf Tagen verschied. Wie er gelebt, so ist er auch gestorben Trotz der großen Schmerzen, welche seine Krankheit gewöhnlich verursacht, hörte man ihn selten eine Klage ausstoßen. — Mit Sanstmuth, ja mit Humor, ertrug er alle Verordnungen der Aerzte. Bis zum zehnten Tage seiner Krankheit blieb sein Bewußtsein ungetrübt, und obgleich er die Gefährlichkeit seiner Lage genau kannte, so verließ ihn sein Gottvertrauen und die Hoffnung, daß ihn der Allgütige von der Krankheit erlöse, noch nicht einen Augenblick. Schon am zehnten Tage Abends und am elften Tage konnte er seine Gedanken nicht mehr klar zusammenfassen; dieses verstimmte ihn sichtlich. „Ich kann nicht mehr klar denken," sagte er seinen Kindern, die allein in der ganzen Krankheit um ihn waren und keinen Fremden zuließen. „Ich kann nicht mehr denken," sagte er mit wahrnehmbarer Unruhe. So verging der elfte Tag der Krankheit. Schon spät am Abend fragte er, ob die Vorsteher anwesend wären, man sollte sie zu ihm in's Zimmer bitten, er fürchte sich gar nicht. Gegen 4 ',2 Uhr Morgens brach ein kritischer Schweiß aus; mit demselben kehrte seine Besinnung vollständig zurück. Ein Verwandter, den er zu sich bat, bemerkte ihm, daß Alles gut gehe und die beste Hoffnung auf sein Genesen vorhanden sei; er hob die Hänoe zum Gebete empor und sagte: „Alles kommt von oben." mbbr;. Aber diese Besserung war nur eine momentane und bittere Täuschung. — Alle Anwesenden mußten sich bald überzeugen, daß jede Hoffnung, jede Kunst vergebens sei. Der Verwandte verließ das Bett N.'s nicht, und wie er gegen 6 Uhr merkte, daß es vielleicht bald zu spät sein dürfte, forderte er ihn auf zu beten. 9!. richtete sich tnX212 vrrri b? so viel er konnte aus und sagte den ganzen Vers bs-icp yiz-o mit lauter Stimme her. — Daraus segnete er mit klarem Bewußtsein seine Kinder, die Anwesenden, etwas später die Enkel. Vom Abend schon hielten die Aeltesten der p'n bei ihm Wache. — Die Vorsteher erfuhren von der Lage N.'s erst um 8 Uhr und schon gegen 9 Uhr waren sie vollzählig herbeigeeilt. Die Schmerzen und die Unruhe hatten einem sanften, halbbewußten Zustande Platz gemacht. Einzelne der Vorsteher erkannte er noch, sah sie mit halblächelnder Miene an und versank in einen Schlaf, indem seine große Seele aus der irdischen Hülle sich zu Gott am 22. August zwischen 12 und 1 Uhr Mittags emporschwang. — Die Beerdigung konnte erst am Donnerstag. 2« n'2 stattfinden. Man mußte den Rabbiner Minor aus Moskau erwarten, der gleich seine Bereitwilligkeit zu kommen erklärte, und auch die Deputation aus Riga, die auf die traurige Kunde hin sich anmeldete, und noch viele Anstalten zu dieser Trauer mußten getroffen werden. Wie jener Cimon aus Athen, der nur für Andere gelebt und Nichts hinterlassen, wurde auch N. aus öffentliche Kosten zu Grabe getragen. Der Vorstand hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben, eine der Würde des Verstorbenen angemessene Beerdigung zu veranstalten. Er verschied fünf Werst außerhalb der Stadt auf einer Sommerwohnung; dennoch erschienen schon gleich am Morgen die Vorsteher und die meisten in Petersburg anwesenden Juden. Ein unabsehbarer Zug schon auf dem Lande, wuchs die Menge immer mehr, wie sich der Zug durch die Stadt zur Synagoge bewegte. Da sah man nicht mehr Juden allein, sondern alle Glaubensbekenntnisse,

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