Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1876)
- Date
- 1876-12-05
- Page
- Seite 789 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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789 daß die Römer von ihren schriftlichen Notizen Kenntniß bekommen könnten, sondern vielmehr, in der Absicht, den auftührerischen Geist in den Resten der Nation durch die Erzählung früherer Heldenthaten und Siege nicht zu wecken und zu entflammen. Wir haben schon erwähnt, daß es dem verewigten Autor, wie in seinen ftüheren Arbeiten, so auch in dieser Schrift nicht an einer beißenden Lauge fehlt, die er über diejenigen ergießt, denen er antipathisch gesinnt ist. So greift er hier Josephus und Jochanan ben Sakkai auf's Schärfste an und brandmarkt sie als Bolks- und Landesverrälher, weil sie zu den Römern übergegangen, den Flaviern schmeichelten und unter ihnen lebten und wirkten. Allerdings kann man die Acten über diese Männer noch nicht für geschloffen erachten, und wir halten es für einen Fehler, in solcher Weise das Urtheil als festgestellt anzusehen und auszufprechen. Wenn in einem bestimmten Zeiträume eine Nation in mehrere feindlich sich gegenüberstehende Parteien zerfallen ist, von denen jede ein anderes Ziel als das dem Heile der Nation und der Existenz derselben allein entsprechende ansieht und erstrebt; so darf man die Handlungen der Parteigänger nach vielen Jahrhunderten nicht von dem Standpunkte einer Partei und eines dieser Ziele aus beurtheilen. Wenn im Jahre 1806 preußische Generale die ihnen anvertraulen Festungen dem Feinde ohne Schwertschlag übergaben, so kann Niemand anstehen, sie als Verrälher zu kennzeichnen. Ihr Baterland, die ganze Nation war eines Sinnes, in sich einig, und Jedem war dieselbe Pflicht vorgezeichnet. Frankreich im Jahre 1792 und 1793 bot einen ganz anderen Anblick; es war in die erbittertsten Parteien zerklüftet; der Terrorismus wüthete in Paris, der Royrlismus in der Bendöe. Ueber den General Lafayette, der seine Armee verließ, wird daher das Urtheil anders ausfallen müffen. Hierzu kommt, wenn wir auf Judäa zurückblicken, daß zur Zeit des jüdischen Freiheitskampfes die Juden schon vielleicht in gleicher oder gar größerer Zahl außerhalb Palästina's und besonders durch das ganze römische Reich seßhaft waren. Das Interesse für Nation und Religion war also nicht auf Jerusalem und das jüdische Land beschränkt; der ersteren Existenz hing nicht von der Jerusalems ab, und, falls die Juden in Palästina siegen und den Sieg auftecht erhalten konnten, mußte das Schicksal aller externen Juden ein trauriges, ja blutiges sein. Wir führen dies nur an, um zu zeigen, daß wir nicht berechtigt sind, die gedachten Männer und ihre Gesinnungsgenoffen vom Standpunkt des Nationalkampfes allein zu beurtheilen und Jeden zu verdammen, der damals nicht „siegen oder untergehen!" zu seinem Feldgeschrei gemacht. Die schweren inneren Kämpfe, mit denen sich jene Männer von dem, dem Untergange geweiheten Jerusalem losriffen, vermögen wir jetzt nicht an's Licht zu stellen. Jedenfalls hat Jochanan wie Josephus gerade nach dem Falle Jerusalem eine bedeutsame Wirksamkeit geübl, die uns von unsrem heutigen Standpunkte aus ihre Trennung von Jerusalem, wenn auch nicht billigen, doch nicht bedauern läßt. Aus allen diesen Gesichtspunkten bietet die hinterlassene Schrift des sel. Lebrecht viel Beachtenswerthes dar. Bonn, 21. November. Die Geburtshülfe bei den alten Hebräern, aus den alttestamentlichen Quellen dargestellt von L. Kotelmann, Iw. phil. und med. Marburg, Ebert, 187 6. Der Gegenstand dieser kleinen Schrift ist schon öfter bearbeitet worden, doch noch nicht so ausführlich und gründlich, wie es hier geschehen. Alles was in der h. Schrift irgend wie sich auf den Gegenstand bezieht, ist mit Fleiß und Umsicht in den angemessenen Rubriken zusammengestellt und erörtet. Die besten Exegeten und die naturwissenschaftlichen und geburtshülflichen Werke wurden dazu benutzt. So wird uns eine hübsche Uebersicht über den Standpunkt, den die Geburtshülfe, die Kenntniß der Vorgänge vor und bei der Geburt und der betreffenden Theile des menschlichen Körpers in jener Zeit einnahmen, geboten. Man erkennt, daß Manches, was der Neuzeit anzugehören scheint, schon im hohen Alterthume vorhanden und bekannt war, weshalb der Verfasser auch Kohel. 1, 10 zum Motto seiner Schrift gewählt hat. Daß die einigen schwierigen Stellen in der heil. Schrift, welche auf den Gegenstand Bezug haben, nicht gerade zu einer bestimmten Lösung kommen, kann nicht auffallen. Hinsichtlich der 2^22« (2 Mos. 1, 16) theilt er die Ansicht, die auch wir vertheidigten, daß es „Geburtsstuhl" bedeutet. Was er jedoch aus 1 Mos. 30, 3. 50, 23 hierfür zieht, nämlich die Sitte, auf dem Schoße eines anderen zu gebären, sei das Vorbild eines künstlichen Geburtsstuhles gewesen, ist illusorisch, da jene Stellen nur einen figürlichen Sinn haben. Die Stelle 1 Mos. 25, 24—26 erklärt er in einsichtlicher Weise und beruft sich dabei auf bestimmte Beobachtungen. Hinsichtlich der schwierigen Stelle 1 Mos. 38, 27—30 erklärt sich der Verfasser gegen unsre Auslegung, und will durchaus, wie schon frühere, einen Dammriß darin sehen. Er beruft sich dabei auf das Wort yne, das überall einen gewaltsamen Riß bedeute. Dies ist aber nicht immer der Fall, da es auch ein Bordrängen, Ausbreiten, ja sogar nur Voranziehen, z.B. eines Leitbockes, dann bildlich eines Königs, Mich. 2, 13 bezeichnet. Um y-is hier recht zu verstehen, muß man die Benennung seines Bruders, der den Purpurfaden um den Arm erhielt zur Bezeichnung, daß er der erstgeborene sei, dann aber doch zweitgeboren ward, in Betracht ziehen, nämlich mr, d. h. Aufgang, wie der Aufgang der Sonne, der ruhig und sicher vor sich geht, wohingegen seinem Bruder die Bezeichnung des Hervordrängens, des lebhaften Vorangehens beigelegt wird. Es ist also an dieser Stelle nur die Situation der Geburt der Zwillinge angedeutet, nicht aber irgend eine Verwundung, ein Dammriß. — Wir erkennen mit Vergnügen das Abschließende an, welches diese Monographie über ihren Gegenstand bringt.