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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-12-05 · Heft 49 (5.12.1876) · p. Seite 787

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 49 (5.12.1876)
Date
1876-12-05
Page
Seite 787 (sequence 5)
Language
German
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gerechtfertigt, daß nicht lange nach dem Tode Christi dessen Nachfolger Bekenner ohne Beschneidung, den wesentlichsten Brauch, anfnahmen, und nach dem Verlauf eines nicht großen Zeitraums das Judenthum gänzlich verlassen und eine neue Religion mit neuen Dogmen, neuem Ritual und neuen Gebräuchen an dessen Stelle gegründet wurde. Sicherlich die Handlungsweise der Männer, die über Christus zu Gericht saßen, bedarf von ihrem Gesichtspunkte aus keiner weiteren Rechtfertigung als diese eine Erwägung. Sie hatten nach ihrer Ansicht keine heiligere Psticht als die Aufstellung eines anderen Gegenstandes der Anbetung, außer dem Herrn Jehovah zuvorzukommen. Christus wurde sehr bald unter den Christen Gegenstand der Anbetung. Jene hatten keine heiligere Schuldigkeit als das von ihrem Gotte dem Moses überlieferte Gesetz in allen feinen Theilen zu beobachten. Dies Gesetz wurde fast augenblicklich von der christlichen Kirche verlassen. Jene kannten kein unverzeihlicheres Verbrechen als Abtrünnigkeit von ihrem Glauben. Diese Abtrünnigkeit wurde sehr bald von den Judenchristen vollzogen." So weit Viscount Amberley. Wir sehen aus den mitgetheilten Stellen, daß es ihm weniger darauf ankam, den Proceß Jesu, wie ihn die Evangelisten darstellen, zu beurtheilen, als vielmehr das Verhältniß klar zu legen, in welches sich Jesus zum Judenthume und zu den Juden gebracht. Hier ist es, wo er die größte Unparteilichkeit und Objectivität bethätigt, wo er von allen Vorurtheilen sich fernhält und mit Scharfsinn die Dinge und Vorgänge nach ihrer historischen Lage und dem gesunden Menschenverstände beurtheilt. Dies giebr seinen Auseinandersetzungen einen besonderen Werth. Er zeigt, welche Gefahr von politischer Seite das Auftreten Jesu dem ganzen Volke bereitete, da das Schwert der tyrannischen Römer nur aus die geringsten Zeichen einer erwachenden Volksbewegung wartete, um die Masse zu dezimiren oder gänzlich zu vertilgen; andererseits gährte und kochte es im Volke, um bei irgend welcher Aufregung jenen Bernichtungskampf zu beginnen, der einige Decennien später den Untergang der Nation herbeiführte. Er erweist aber nicht minder, daß Jesus der ganzen nationalen Tradition entgegentrat und sich als Messias gerirte, während er alles das zurückwies oder an Kraft und Eigenschaft besaß, was den erwarteten Gotteshelden in den Augen der Nation charakterisirte und was sie von ihm erhoffte. Er documentirt endlich, daß Jesus nicht allein religiöse Gesetze, die als die wesentlichsten betrachtet wurden, sondern auch die Grundlehre des Judenthums — den Monotheismus, an welchem die damaligen Juden mit unerschütterlicher Festigkeit hingen, verletzte. Aus allem diesem zieht er den Schluß, daß für Jesus die Berurtheilung erfließen mußte, ohne daß aus dieser den Juden eine wirkliche Verantwortlichkeit erstehe. Amberley hat hiermit doch nur weiter und eingehender ausgeführt, was schon Salvador und Saalschutz festgestellt haben, was jedoch aus der Feder eines kenntnißreichen und urtheilsfähigen Christen für uns einen besonderen Werth hat. Auf die Kritik des Processes selbst hat er sich nicht eingelassen, und diese Arbeit haben wir ihm in unsrer bekannten .Broschüre über diesen Gegenstand vorweggenommen. Das Resultat unsrer Untersuchung ist daselbst, daß die gerichtliche Verfolgung und Berurtheilung Jesu durch das Synedrium und die Forderung seines Todes durch das jüdische Volk jeder geschichtlichen Begründung ermangeln, daß vielmehr Jesus wie so viele jener Zeit unter den Juden aufgestandene Messiasse von dem römischen Landpfleger gefangen genommen und hingerichlet sei, weil die damit verbundene Bewegung im Volke den Römern politisch gefährlich erschien. Wir haben dies aus den drei Evangelien, welche von dem Proceß vor dem Synedrium berichten, während das Evangelium Johannes nichts davon weiß, aus den Widersprüchen mit sich selbst und untereinander, deren jene so viele und so unlösbare enthalten, dargethan, machten das Motiv des Pilatus klar und zeigten den Zweck, welcher durch die Berichte der drei Evangelien verfolgt wird. Nachdem nämlich der eigenüiche Heerd der Bekehrung bei dem Mangel alles Erfolges unter den Juden in die Mitte der heidnischen Völker verlegt worden, war es von entschiedener Wichtigkeit, die Meinung, als ob Jesus von der römischen Obrigkeit als ein politischer Aufrührer und Feind hingerichtet worden, zu bekämpfen, dies vielmehr als eine falsche Insinuation seitens der Juden hinzustellen und zu zeigen, daß der römische Richter von der Unschuld ves Angeklagten völlig überzeugt und nur durch den hartnäckigen Widerstand der Juden gezwungen war, nachzugeben. Zugleich erreichte man den ferneren Zweck, das Christenthum durchaus vom Judenthume zu unterscheiden und die Anhänger jenes von een Anhängern dieses vor den Augen der Heiden getrennt hinzustellen. Unsre Beweisführung ist, wie wir schon einmal bemerkten, bis heute noch nicht widerlegt worden. Man hat nur gegen die von uns in der Einleitung ausgesprochene Versicherung polemisirt, daß wir bei unsrer Untersuchung auch nicht von der geringsten Gehässigkeit geleitet worden, daß wir nicht gegen Glaubenssätze Anderer auftreten, da ja nicht einmal das Dogma der Erlösung durch den Tod Jesu davon abhangt, ob die Juden die Urheber seines Todes gewesen oder nicht, daß wir vielmehr den Frieden unter den Bekennern verschiedener Religionen dadurch fördern wollen, daß wir eine irrige Beschuldigung, welche trennend zwischen sie tritt, beseitigen. Auch diese Meinung halten wir noch heute aufrecht. Die Folgen des Austrittsgesetzes. IV. Wiesbaden, 19. Novbr. (Privatmitth., Bon hier ist mitzutheilen, daß etwa 45 Personen (nicht Familien) der hiesigen (separaten) Religionsgesellschaft, sowie etwa drei ziemlich außerhalb des Judenthums stehende Personen ihren Austritt an gezeigt

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