Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1876)
- Date
- 1876-12-05
- Page
- Seite 786 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227119--34951-3304873- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
786 Hohepriester an ihn und forderte ihn feierlich auf zu sagen, ob er der Christ, der Sohn Gottes, sei. Jesus gab zu, daß dies seine Ueberzeugung sei und erklärte, daß sie ihn später in die Wolken des Himmels zurückkebren sehen würden. Hierauf zerriß der Hohepriester seine Kleider und fragte, welch' weiterer Beweis nethig sein könnte. Alle hätten seine Lästerung gehört, was hielten sie von derselben? Alle stimmten überein, ihn zum Tode zu verurtheilen." Die drei Evangelisten, die den Proceß berichten, stimmen/ überein, daß die so geäußerte Lästerung als voller und genügender Grund zur Ueberführung Jesu angenommen wurde. Nun sehe ich keine Ursache zu bezweifeln, daß die Priester, denen seine Erklärung ein solches Aergerniß gab, in dem Abscheu, den sie bezeigten, völlig aufrichüg waren. Alle, die die äußerst strenge Anhänglichkeit der Juden an den Monotheismus zu begreifen wissen, werden leicht verstehen, daß Alles, was ihm im geringsten widerstrebte, von ihnen mit der äußersten Aversion angesehen wurde. Und ein Mann, der beanspruchte, Gottes Schn zu sein, entzog ganz gewiß einen nicht geringen Theil der alleinigen und ausschließlichen Anbetung, die sie Jehovah schuldig glaubten; wie schließlich der Erfolg bewiesen hat. Denn die christliche Kirche entfernte sich bald vom reinen Monotheismus, indem sie das Dogma der Dreieinigkeit annahm; während Christus mit seinem Dater und selbst mehr als sein Vater Gegenstand der Anbetung wurde. So daß. wenn die Juden es für ihre höchste Verpstichtung hielten, die Reinheit ihres Jehovahrienstes zu bewahren s wie ihre Schriften ihnen vorschrieben, sie im Rechte waren. Jesus mit Zwangsmitteln niederzuhalten. Zweifellos war es falsch, eine solche Ansicht zu hegen. Es war in der That nicht ihre Schuldigkeit, ihren Glauben durch Verfolgung zu erhalten. Sie würden moralisch besser gewesen sein, hätten sie die moderne Doctrin religiöser Freiheit verstanden, obgleich dieselbe den Christen selbst sechszehn Hundert Jahre nach Christd Tod noch unbekannt blieb. 4) „Ehe sie Jesus gestatteten, seine umstürzenden Lehren zu verbreiten, mußten sie aufgehött haben, Juden zu sein, und das war unmöglich für sie." — Amberleh bespricht hierauf kurz und oberflächlich die Vorführung Jesu vor Pilatus, seine Hinrichtung und Auferstehung. Hierauf macht er noch folgende Bemerkung. „Es ist eine weitverbreitete Ansicht, daß, weil das Christenthum durch den Tod seines Gründers nicht unterdrückt wurde, weil es sich in der That mit erneuter Kraft erhob, deshalb die gegen dasselbe ergriffenen Maßregeln ein vollkommner Fehlgriff waren und nur dazu dienten, der Religion, die er gelehrt hatte, neuen Ruhm und Macht zu verleihen. Aber diese Ansicht gründet 4) Wenn der Verfasser 16 Jahrhunderte sagt, also bis zur Reformation, so übersieht er, daß auch in den protestantischen Ländern noch längere Zeit harte Verfolgungen, wie Verbannung und selbst Hinrichtung, gegen Andersgläubige verübt wurden. Redaction. sich auf eine Jdeenverwirrung. Wenn die jüdischen Autoritäten dahin zielten, ihre eigene Nation davor, was sie für eine frevelhaste Ketzerei hielten, zu bewahren — und ich sehe keinen Beweis, daß sie auf etwas anderes zielten, so hatten sie den vollkommensten Erfolg. Das Christenthum, welches, wenn wir wahr berichtet sind, eine große Zahl des Volkes von seiner Anhänglichkeit an den orthodoxen Glauben zu verleiten drohte, war unter den Juden selbst durch den Tod Christi thatsächlich ausgelöscht. Sie konnten unmöglich an einen gekreuzigten Messias glauben. Nur eine sehr geringe Zahl von Jüngern rechtfertigte ihren festgesetzten Glauben durch die Behauptung, daß er vom Grabe erstanden sei. Aber nicht unter Jesu Landsleuten, die er besonders an seine Person und seine Lehre zu fesseln gesucht hatte, konnte dieser kleine Rest seiner Jünger Anhänger finden. Weder damals noch in einer späteren Zeit war das Christenthum im Stande, die Juden ihrem alten Glauben abtrünnig zu machen. Die Zahl Derer, die zwischen jener und der heutigen Zeit ihn zu Gunsten der neugegründeten Religion verlassen haben, war überaus klein. Wenn, wie es wahrscheinlich ist, während der irdischen Laufbahn Jesu die Gefahr zunahm, daß feine Lehre zur Bildung einer Sette, zu der viele Seelen sich gezogen fühlen würden, führen könne, so war diese Gefahr gänzlich abgewendet." „Allerdings machte das Christenthum, als es von den Juden zurückgewiesen wurde, reißenden Fortschritt unter den Heiden. Aber es war nicht Sache der Autoritäten in Jerusalem, sich um die Religion heidnischer Nationen zu kümmern. Vielleicht mochten sie denke», wenn sie die Zukunft des Christenthums vorausgesehen hätten, daß ein Glaube, der unter ihnen selbst entstanden war, und eine große Beimischung hebräischer Elemente in sich trug, besser als die Anbetung heidnischer Gottheiten sei. Sei dem wie ihm wolle, die eigenthümliche Form einer Irrlehre, die Heiden annahmen, war für sie von keinem Bettacht. Aber sie hatten oder glaubten eine Pflicht gegen ihr Volk zu haben, und diese bestand darin, die ihnen von ihren Vorvätern überkommene Lehre unverfälscht und unvermischt zu erhalten. Dies erstrebten sie, indem sie die neuentstandene Ketzerei Jesu unterdrückten, bevor sie zu mächtig war, um unterdrückt zu werden. Ihre Maßregeln, die auf diesen Zweck zielten, waren unzweifelhaft politisch und selbst gerecht. Denn halten sie nicht vollkommen recht in der Annahme, daß der Glaube an Christus dem Glauben an Moses gefährlich sei? Der Ausgang hat dies außer Frage gestellt. Sie allerdings konnten die Ausdehnung der Gefahr nicht voraussehen, Venn weder Jesus noch seine Jünger halten versucht, sich gänzlich vom Judenthum loszusagen. Sie bemerkten aber mit vollständig richtiger Einsicht, daß die Christen neben den Autoritäten die sie allein anerkannten — die Schrift und die ttaditionelle Interpretation der Schrift — eine neue Autorität hinstelllen. Und eben die Annahme einer neuen Autorität suchten sie zu hintertteiben. So vollständig wurde ihre Voraussicht in diesem Punkte