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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-12-05 · Heft 49 (5.12.1876) · p. Seite 785

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 49 (5.12.1876)
Date
1876-12-05
Page
Seite 785 (sequence 3)
Language
German
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785 zuletzt mit feiner Ueberführung eines Capitalvergehens durch den Sanhedrin endeten." „Erwägen wir den Beweis für diese Ansicht. Zur Bequemlichkeit der Personen, die den Tempelzins zahlen wollten, saßen einige Geldwechsler — wahrscheinlich nicht besser und schlechter als andere ihres Gewerbes — draußen, um die römische Courantmünze gegen die Landesmünze, die allein von den Tempelbehörden angenommen wurde, umzuwechseln. Da bestimmte Lebensereignisse ein Trubenopfer erforderten, wurden auch solche in den Borhöfen offenbar zur Bequemlichkeit des Publikums verkauft. Hatte Jesus dies gemißbilligt, so hatte er es öffentlich aussprechen und sich bestreben muffen, das Volk zum Aufgeben dieses Verfahrens zu bestimmen. Statt deffen trat er in den Tempel, vertrieb' Käufer und Verkäufer (durch welche Drittel wiffen wir nicht), warf die Tische der Geldwechsler und die Stühle der Taubenverkauser um und er ließ nicht zu, daß Jemand ein Gefäß durch den Tempel trug. „Steht nicht geschrieben", rief er aus, „mein Haus soll genannt werden ein Bethaus für alle Nationen, ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht." Handlung und Worte waren gleich ungerechtfertigt. Die unbegrenzte Sorgfalt der Juden, die Heiligkeit ihres Tempels zu erhalten, ist aus der weltlichen Geschichte bekannt. Nichts, was sie gethan hatten oder voraussichtlich thun würden, ließ annehmen, daß derselbe etwas anderes als ein Bethaus sein würde. Und selbst wenn sie zugelaffen hätten, daß derselbe durch geschäftlichen Verkehr entweiht wurde, war es, konnten sie ftagen, Jesu Sache, plötzlich über Leute herzufallen, die nur einem Berufe nachgingen, den die Gewohnheit gestattet hatte und den sie keine Ursache hatten für ungesetzlich und irreligiös zu halten? War es an ihm, sie allesammt ohne Unterschied als „Diebe" zu brandmarken? Sicherlich nicht. Er hatte in ihren Augen alle Grenzen der Wohlanständigkeit, um nicht des Gesetzes zu sagen, mit dieser heftigen und leidenschaftlichen Handlung überschritten. So mußten sie also die weiteren Ausschreitungen, zu denen er sich veranlaßt fühlen mochte, zu unterdrücken suchen." „Indessen wurden keine unmittelbaren Schritte gethan, diese Schmach zu bestrafen. Es wird angegeben, daß Jesus entkam wegen des Rufes, dessen er sich beim Volke erfteute. Jedenfalls war das Verfahren der Behörden das mildeste, das sie irgend wie einschlagen konnten. Sie begnügten sich, Jesus zu ftagen, auf wessen Ermächtigung er diese Dinge rhäte, eine Frage, zu der sie sicherlich alles Recht hatten. Er antwortete mit einer Gegenfrage, versprechend, daß, wenn sie die feine, er die ihre beantworten würde. War Johannis Taufe vom Himmel oder von Menschen^ Hierauf schildern die Evangelisten die Verlegenheit, die nach ihrer Ansicht unter den Priestern entstand. Wenn sie sagten, vom Himmel, würde Jesus weiter ftagen, weshalb sie ihn nicht angenommen hätten, wenn von Menschen, so würden sie gegen die Volksmeinung verstoßen, daß derselbe ein Prophet war. Alles das indessen mag reine Speculation sein; kehren wir auf das Feld der wirklichen Kenntniß der Evangelisten zurück, indem wir auf ihre (der Priester) Antwort kommen „Und sie antworteten und sagten zu Jesus: Wir wissen es nicht. Und Jesus sagt zu ihnen: So sage auch ich euch nicht, aus welcher Macht ich dies thue." Man beachte bei dieser Antwort das Verhalten Jesu. Er hatte den Priestern versprochen, wenn sie seine Frage beantworteten, auch die ihre zu beantworten. Sie beantworteten seine Frage so gut sie konnten, und er weigerte, die ihre zu beantworten. Selbst in der englischen Uebersetzung, wo der Gegensatz zwischen ihm und ihnen durch Anwendung desselben Wortes „Fell" als Wiedergabe zweier verschiedener Wörter im Original verschleiert wird, ist der Unterschied zwischen „Wir können es nicht sagen" und „Ich thue es nicht, d. h. ich will nicht sagen" handgreistich genug. Aber er ist es noch weit mehr im Original. Die Priester lehnten keineswegs die Beantwortung der Frage ab, sie sagten einfach, was wahrscheinlich sehr wahr war, daß sie nicht wüßten, woher die Taufe des Johannes sei. Bei dem getheilten Stande der öffentlichen Meinung über den Johannes konnte nichts natürlicher sein. Sie konnten nicht entschieden antworten, wenn ihre Meinungen nicht entschieden waren. Ihre Antwort: „Wir wiffen es nicht", war demnach eine vollkommen geeignete. Die entsprechende Antwort Jesu würde gewesen sein: „Ich weiß nicht, auf wessen Ermächtigung ich diese Dinge thue." Diese aber konnte er selbstverständlich nicht geben. Die obersten Priester, Schriftgelehrten und Aeltesten hatten mehr Recht, Jesus nach der Ermächtigung zu seinem gewaltsamen Eingriff zu ftagen, als er, ihre religiösen Ansichten zu erforschen. Aber obgleich er für den Augenblick aus der Verlegenheit gekommen war, muß Jesus bemerkt haben, daß er nicht außer Gefahr sei! Wahrscheinlich in Folge dieser Ereignisse fand er es für nöthig, sich an einen verborgenen Ort, der nur seinen Freunden bekannt war, zurückzuziehen. Hier wurde er indeffen von seinen Gegnern entdeckt und vor das Sanhedrin gebracht, um sich wegen der Beschuldigungen gegen seinen Charakter und seine Lehre zu verantworten." „Bis zu einer gewissen Ausdehnung sind diese Beschuldigungen Sache der Vermuthung. Die Evangelien lassen annehmen, daß gegen ihn viel Beweismaterial vorlag, das sie nicht anführen. Nun ist es für uns unmöglich dem Tribunal, welches den Fall verhandelte, vollständig Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wenn wir nicht die Art und Zahl der Vergehungen kennen, deren der Gefangene beschuldigt wurde. Eins derselben, das Versprechen, den Tempel zu zerstören und in drei Tagen wieder aufzubauen, mag sich ihnen als Ankündigung einer ernstlichen Absicht dargestellt haben, besonders nach der neuerlichen Gewaltthat gegen die Händler. Wie dem auch fein mag, es lag jetzt dem Gerichtshof genug Beweismaterial vor, um den Hohenpriester zu ersuchen, Jesus um seine Entgegnung zu befragen. Jetzt hätte er, wenn er es für geeignet hielt, seine Vertheidigung anbringen können. Er lehnte es ab. Wiederum wandte sich der 49*

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