Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1876)
- Date
- 1876-12-05
- Page
- Seite 784 (sequence 2)
- Language
- German
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7 84 mit einer Gegenfrage: „Was ist geschrieben im Gesetz?" und dann werden sonderbarer Weise diese beiden großen Gebote ausgesprochen, nicht von ihm, sondern von dem ungenannten Gesetzeskundigen, Lessen Antwort die Zustimmung Jesu erhalt."'^ „Dies Vorurtheil, welches die Evangelisten selbst wenn sie von durchaus ehrlich gemeinten Fragen berichten zeigen, scheint zu beweisen, daß Christus sich seine Meinungen nicht gern durch diese Methode entlocken ließ, vielleicht im Gefühl, daß dieselbe seine intellectuelle Schwäche blosstellen könne. Auf diesem Wege und vielleicht auch noch anderweitig erwuchs zwischen ihm und den vorherrschenden Sekten ein Gefühl der Feindschaft, welche bis zu den Schlußscenen seiner Laufbahn weit mehr auf seiner Seite als auf der ihrigen hervortrat. ' Schöne Grundsätze über die Liebe zu den Feinden und die Vergeltung des Bösen durch Gutes hielten ihn nicht zurück bei vielen Gelegenheiten den Pharisäern Vorwürfe zu machen. Leider sind die besonderen Feinde eines Menschen gerade immer solche, die ihm fast nie der Liebe werth erscheinen, und ein gleiches war offenbar der Fall bei Jesus und den Männern, auf die er seine Anklagen ergoß. Wenn wir nach seiner Redeweise urtheilten, so müßten wir annehmen, daß alle religiös gesinnten Leute, die ihm nicht zustimmlen, einfach Heuchler waren? Dies ist eine der mildesten Bezeichnungen, mit welcher er es über sich gewinnt, Pharisäer und Schriftgelehrte zu erwähnen. Von den letzteren erklärt er, daß sie die Häuser der Wittwen verschlingen und zwar indem sie zum Schein lange Gebete halten, deshalb würden sie um so größere Strafe erhalten. Die Schriftgelehrten und Pharisäer, heißt es, legen schwere Lasten auf andere und verweigern, sie selbst anzurühren (sicherlich eine unwahrscheinliche Beschuldigung). Sie thuen alle ihre Werke, um von den Menschen bemerkt zu werden (ihr äußeres Betragen war demnach ein tugendhaftes). Eine ihrer anstößigen Sünden ist, daß sie ihre Gebetriemen breit machen und die Säume ihrer Gewänder ausbreiten. Noch schlimmer, sie lieben die besten Platze bei Gastmahlern und in den Synagogen (wozu sie vielleicht ihre Stellung berechtigte.) Sie haben ein Vergnügen daran, sich „Rabbi" genannt zu hören, ein Verbrechen, deffen Christi Jünger sich ganz besonders enthalten sollen. Sie verschließen das Himmelreich, treten selbst nicht ein und gestatten nicht anderen einzu- 2) Marcus 12, 28—34. Matth. 22, 34—40. Lucas 10, 25—37. Bei der obigen Erörterung ist an den bekannten Ausspruch Hillel's vor Jesus zu erinnern, daß „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" das eigentliche Gesetz, alles Uebrige nur Erklärung sei. Dies scheinen aber die Evangelisten nicht gewußt zu haben, sonst häüe. sie die angeführten Stellen nicht in dieser Weise abfaffen können. Für die Schriftgelehrten konnte eine solche Erklärung, wie sie Jesus gegeben haben soll, gar nichts Auffälliges haben. Gehörte doch das Gebot: „Liebe den Ewigen deinen Gott von ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen (5 Mos. 6, 5) zu dem täglich zwei Mal recitirten Schema. Redaction. treten. Sie ziehen umher zu Wasser und zu Land, um einen Proselyten zu machen, aber all' dieser scheinbare Eifer für die Religion ist werthlos, weil, wenn sie den Proselyten haben, sie ihn noch mehr zu einem Sohn der Hölle machen als sie selbst sind. Sie bezahlen regelmäßig die Zehnten, aber vernachlässigen die wichtigeren Tugenden, unglücklicher Weise ein Verfahren, das nur zu allgemein bei den Bekennern aller Religionen ist. Sie halten die Außenseite des Bechers und der Schüssel rein, aber innen sind sie voll von Erpressung und Ausschweifung. Wie übertünchte Gräber sehen sie gut genug von außen aus, aber dieser Anblick der Rechtschaffenheit ist nur ein Gewand für Heuchelei und Frevel. Sie ehren Gott mit ihren Lippen; aber ihr Herz ist fern von ihm." „Er gebraucht von ihnen Bezeichnungen wie folgende: — Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler" — „Ihr blinde Führer"; „Ihr Thoren und Blinde"; „Du blinder Pharisäer"; „Ihr Schlangen, Ihr Viperngezücht". Wenn wir glauben wollen, oaß er der Verfasser einer nur im Lucas enthaltenen Parabel ist, so bediente er sich des Pharisäers als des Typus eines Heuchlers, und hielt einen Zöllner — das Mitglied einer niedrigen Menschenclaffe — dem selbst gerechten Vertreter eines verhaßten Standes für weit überlegen an wahrer Tugend." „Wären die Pharisäer in' Wirklichkeit des ausnehmenden Frevelsinns, den Jesus ihnen zuzuschreiben sich für berechtigt hielt, schuldig gewesen, so würde seiner Laufbahn sicherlich an einer viel früheren Stelle ein Ende bereitet worden sein. Nach den vorliegenden Thatsachen scheinen sie mit beträchtlicher Geduld die außerordentliche Freiheit, die er sich in seiner Sprache gegen sie herausnahm, ertragen zu haben. Ja ich gestatte mir die Behauptung, daß, wenn er sich auf noch so scharfe Reden beschränkt hätte, er dem Schicksal, das ihn zuletzt betraf, entgangen sein würde. Und der Beweis für diese Behauptung sinder sich in der außerordentlichen Milbe, mit der seine Apostel späterhin von dem Sanhedrin behandelt wurden, selbst, wenn sie im offenem Ungehorsam gegen dessen Befehle standen. Nur Stephan, der das Märtyrerthum durch seine Sprache herausforderte, wurde hingerichtet und zwar wegen des im Gesetz vorgesehenen Verbrechens der Gotteslästerung. Gewöhnliche Vorsicht würde Jesus gerettet haben. Denn seine Verhaftung war eng verbunden mit seiner Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempelvorhof. Er wurde allerdings nicht darauf hin zum Tode verurtheilt, aber diese wenig überlegte Thal war der unmittelbare Anlaß zu den legalen Schritten, die vielleicht gegen die Erwartung seiner Ankläger 3) Matth. 23, 1—33; Mark. 7, 6. Ich übergehe die Schlußverfe von Matth. 23, da die Anspielung in V. 35 die Annahme unmöglich macht, baß Christus sie geäußert haben könne. In der That ist das ganze Capitel verdächtig; aber, da Theile desselben von Markus bestätigt werden, so schließe ich, daß die Ansichten wenigsiens, wenn nicht die Worte, echt sind. Amberley.