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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-11-28 · Heft 48 (28.11.1876) · p. Seite 779

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 48 (28.11.1876)
Date
1876-11-28
Page
Seite 779 (sequence 13)
Language
German
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779 dungsanstalten solch ein Contingent in den letzten 10 Jahren geliefert wie wir —.TPia nett Einmal nur reichte er beim Ministerium eine längere Schrift gegen diese Skribenten ein. Letztere nämlich überzeugten sich, daß sie umsonst sich abmühten, und daß das russische Volk ihnen wenig Gehör schenke. — Sie versuchten eS daher mit dem alten Mährchen des Blutgebrauches zu Ostern. — Lügen auf Lügen wurden durch die öffentlichen Blatter verbreitet. — N. bat in dieser Schrift um Aufklärung der Wahrheit und richterliche Untersuchung. Wenn dieses auch nicht erfolgte, so verschwanden doch wenigstens diese Artikel eine Zeitlang aus der Tagespreffe. So wirkte er abwehrend nach Außen und tröstend nach Innen. Jedes Wohl, jedes Weh bewegte sein tieffühlendes Herz und brachte seine Thatkraft in Bewegung. — Letztere aber ließ von der großen Anstrengung sichtlich durch körperliche Erschöpfung nach. — Das Ministerium kam ihm zu Hülfe und bewilligte ihm das Dreifache von dem, um was er gebeten, damit er eine Erholungsreise nach Kissingeu machen könnte. Auch Günzburg blieb nicht mit seiner Unterstützung zu dieser Reise zurück, so daß es ihm möglich wurde, zwei Sommer diese Erholung sich zu gönnen. Als er zum zweiten Male im Jahre 1871 auf Aurathen der Aerzte seine Kurzeil verlängern mußte und die großen Feiertage im Auslande zubrachte, ereignete sich hier das, wozu er k priori nie seine Zustimmung gegeben hätte, wenn er in Petersburg anwesend gewesen wäre. Wir haben schon oben bemerkt, daß er Alles lieber sich gefallen ließ, als eine Trennung in der Gemeinde zuzugeben. N. huldigte bis zum letzten Augenblicke seines Lebens dem Fortschritte und der Bildung, und wollte gerne in Petersburg einen geordneten Gottesdienst einführen. Ein Freund der Musik, besonders des Gesanges, schwärmte er für den Chorgesang. — Dieses Alles wollte er aber mitten unter den Juden in der sogenannten Hauptsynagoge entstehen sehen. „Noch ist es nicht an der Zeit, daß die gebildetere Klaffe nur an sich denke; sie muß unter der großen Maffe bleiben und den verbefferten Gottesdienst unter einem Dache mit Allen einführen (niemals gebrauchte er das Wort Reformen) — dann verschaffen wir dem geordneten Gottesdienste Bürgerrechte und wirken in jeder Hinsicht auf unsere Glaubensbrüder, besonders auf die Jugend. Scheidet die gebildetere Klaffe aus, so betrachtet sie die große Maffe nur als Reformer und Abtrünnige. Das neue Gotteshaus wird nur in den drei großen Feiertagen besucht sein und die große Maffe vollständig entfernt bleiben." Wie richtig die Ansichten waren, kann jetzt Jeder sich selbst sagen, aber der Schritt zur Begründung einer sogenannten Chorsynagoge war gethan, und zwar mit der reinsten, lautersten Absicht und von Männern, die in jeder Hinsicht nur das Wohl der Glaubensgenoffen anstreben. Der eine von ihnen, David Feinberg, hat sogar über die vielen Arbeiten, um die Beschaffung der Mittel und über die großen Anstrengungen bei der Constituirung der Synagoge und der Gemeinde, seine eigne Carriere — das Studium der Jurisprudenz — aufgegeben. N. kam im Spätherbste zurück. Die Chorsynagoge war ein fait accompli — „Ich stelle mich an die Spitze — Ordnung beim Gottesdienste und Chorgesang; aber nicht einmal inr« ■pnpTa soll officiell entfernt werden." Mit dieser Ueberzeugung betrat er das neue Gotteshaus und er hat diese Ueberzeugung, trotz Anfechtungen und Bestrebungen einiger Mitglieder weitere Neuerungen einzuführen, durchgeführt. Bon der alten Synagoge aber, der sogenannten Kaufmannsschule, konnte er sich nicht trennen. Er besuchte sie oft und fühlte sich hingezogen. Die Mitglieder derselben waren immer froh, ihn bei sich zu seheu. — Kurz darauf wurde ein Borstand gewählt. — Die erste nicht nach Gutdünken gelenkte Wahl stellte die würdigsten Männer der Gemeinde an die Spitze. Mit diesem Vorstande arbeitete N. unermüdlich an der Constituirung der Gemeinde. Es gelang ihnen Vieles; aber das Meiste ist noch zu schaffen, denn nicht ein Rabbiner sammt dem Vorstände allein können eine Gemeinde constituiren; es gehört vor allem dazu der Eifer und das lebendige Jntereffe aller Mitglieder . . . Leider hat der Jndifferentismus in allen Schichten der jüdischen Gesellschaft zu Petersburg zu sehr überhand genommen, irss irrnb cn. (Schluß folgt.) Vermischtes. Vor Kurzem starb in Wien der Domcaplan, früherer Domprediger Veith. Dieser Mann hat in einem gegebenen Augenblicke dem Judenthume einen Dienst geleistet, und deshalb wollen wir seiner hier nicht ganz vergeffen. Sein Vater, Namens Wertheimer, ein-ebenso ftommer wie intelligenter Jude, war in der Dobroschauer Gegend (Böhmen) sehr geachtet, und seine Familie ist noch jetzt durch viele Mitglieder vertreten. Veith's Großvater war der erste Jude, der als „Staatsbeamter" in einer Tabakfabrik von der Kaiserin Maria Theresia angestellt wurde und den pompösen Titel eines k. k. „Ober-Walk-Tabaksbeizers" führte. Der Vater Veith's besaß durch lange Zeit den Tabakverlag in Kuttenplan. Der junge Veith erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung und war namentlich im Talmud so gut bewandert, daß er eine Zeit mit dem Gedanken umging, sich dem jüdisch-geistlichen Berufe zu widmen. Er studirte Medicin und promovirte. Wodurch er bewogen ward, seine väterliche Religion zu verlaffen, und dadurch den Seinigen den größten Schmerz zu verursachen, ist unbekannt. Unerwartet erhielten die Ellern die Kunde, daß ihr Sohn seine Religion gewechselt und sich dem katholischen Priesterstande geweiht habe. Der Vater ließ sich die „Kriah" schneiden; auch saß er volle acht Tage auf dem Erdboden und trauerte, als wenn der Sohn gestorben wäre. Die Mutter, die ihren Sohn so

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