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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-11-28 · Heft 48 (28.11.1876) · p. Seite 778

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 48 (28.11.1876)
Date
1876-11-28
Page
Seite 778 (sequence 12)
Language
German
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778 Trennung veranlaßt werden. Ich dulde und schweige," hat er oft genug geäußert. Günzburg vernahm die Einwendungen des Freundes mit sichtlicher Befriedigung. „Nun gut," sagte er zum Schluffe, „ich stehe von meiner Absicht, von einer Trennung ab, aber den Rabbiner will ich vor meiner Abreise wenigstens theilweise sicherstellen. Die Hälfte des Gehaltes soll ihm durch mein Haus ausgezahlt werden. Ich hoffe, daß die Andern so viel Takt haben werden, die zweite Hälfte pünktlich zu zahlen." Wer diesen energischen, eisenfesten Charakter kennt, der mußte auf dem Gesichte Günzburg's in diesem Momente den liefen Kummer seines Innern über das Mißlingen aller seiner Mühe um die Gemeinde deutlich lesen. Dem Freunde N.'s entging diese innere Aufregung Günzburg's nicht. Mit Wehmuth nahm Günzburg von ihm Abschied. — „Grüßen Sie den Rabbiner; ich leide ebensoviel wie er und vielleicht noch mehr." An demselben Tage noch erfolgte von Günzburg ein officielles Schreiben an den Rabbiner, in welchem er feinen Austritt aus dem Vorstande meldete. In den nächsten Tagen waren alle Vorsteher bis auf einen aus dem Vorstände ausgeschieden. Es ist bis jetzt ein Räthsel geblieben, warum die Kahanisten diese Tactik eingeschlagen haben, denn erst jetzt hätten sie ihre wirkliche Macht entwickeln können; aber es war Gottes Bestimmung, daß die volle Wahrheit doch endlich siegte. Während die Kahanisten die ganze Welt glauben machen wollten, daß sie allein die Gemeindeangelegenheiten zu leiten im Stande wären und ohne ihre Hülfe Alles zu Grunde gehen würde, sehen wir, durch die drei folgenden Jahre hindurch. Laß noch nicht eine Anstalt gelitten, die Armenpflege beffer wie früher verwaltet wurde und die Gemeinde gerade erstarkte, ja sogar dem Rabbiner sein Gehalt ausgezahlt wurde. Die emeritirten Soldaten waren es meist, welche die -nnsc ■’snxa ■’por waren. Diese Entbehrlichkeit ärgerte die Kahanisten noch mehr. Bon Zeit zu Zeit versuchten sie wieder eine Versammlung zu berufen, um eine Wahl zu veranstalten; aber stets wurden ihre Absichten vereitelt, besonders durch die emeritirten Soldaten und die Handwerker. In dieser Periode konnte sich N. überzeugen, wie groß sein Ansehen in der Gemeinde und wie aller Herzen ihm zugekehrt waren. — Er mischte sich in keine Verwaltung ein; aber ein Jeder vermied es, ihm irgendwie Aerger zu verursachen und holte sich immer seinen Rath, wenn etwas Wichtiges vorkam. Auch nach Außen wurde ihm die ihm gebührende Achtung zu Theil. Suworoff stand lange nicht mehr an der Spitze der Verwaltung in Petersburg. Die Maschine des Residenzlebens und Treibens lenkt und leitet seit einem Decennium der General Trepoff, ein Mann von großer Erfahrung in der Administration, wie in der Executive. Sein originelles Polizeisystem hat die besten Resultate geliefert. Sich streng am Gesetze haltend, ist er dabei gerecht. General Trepoff kannte den Rabbiner nicht, aber er erkannte ihn schnell und schenkte ihm dasselbe Zutrauen und dieselbe Achtung, deren sich N. von der früheren Administration erfreute. . Die bis jetzt noch Herrschendenden Einschränkungen der Niederlaffung in Rußland treffen gerade den Kern der Juden. Die GeschLftslosigkeit in den Westprovinzen, die Niederlaffung daselbst vieler Ruffen, welche den Juden Concürrenz machen, der beschleunigte Verkehr, der die Westprovinzen von den Großrussischen Geschäftscentren abhängig macht, und noch viele andere Ursachen deängen die große Maffe der Juden, ihre Existenz im eigentlichen Rußland zu suchen. Trepoff kann sein System der vollständigen Gesetzlichkeit in Rücksicht auf die Juden nicht ändern; aber oft genug bedauerte er diesen abnormen Zustand N. gegenüber. Oft genug spornte er N. an, daß man bei der Legislative deswegen Schritte thun müsse. Bei einer solchen Unterhaltung gestattete Trepoff, daß N. ihm über diese Angelegenheit ein Memorandum einreichen sollte. Möge diese Schrift mit dem Beistände Trepoff's die ersehnten Früchte tragen, — den Segen der zeitgenössischen Juden verdiente er, und unsere Geschichte verewigt in Dankbarkeit die Namen unserer Wohlthäter. Der künftige Geschichtsschreiber wird mit großer Vorsicht die Meinung der russischen Journalistik der letzten 6 bis 7 Jahre in Bezug auf die Stellung uud Bildungsstufe der Juden in Rußland aufnehmen müssen. Er wird erstaunen, daß unter der humanen Regierung Alexanders II. sich Leute fanden, welche die Schmähschriften eines N. Donin und Consorten in ihren Organen copirten l), und nur noch neue lügenhafte Denunciatiouen hinzufügten. In jener Zeit der Finsterniß war das Treiben eines Donin und eines Paulus Christianus verderbenbringend. Jetzt weiß jeder vernünftige Russe, was er von diesen Schmähartikeln und Lügen zu halten hat — die sauberen Schriftsteller sehen jetzt hinlänglich genug ein, daß sie umsonst sich heiser geschmäht haben. — Das russische Volk beantwortete diese Artikel mit der ihm gewohnten GastfteunLschaft, und wie Brüder eines Vaterlandes nahm es die jüdischen Gelehrten, Handwerker, Kaufleute in seiner Mitte auf. N.'s Gemüth empörte sich zwar bei der Lectüre dieser Artikel — aber er hielt seine Freunde davon ab, sich in eine Polemik mit solchen unerhrlichen Feinden einzulaffen. „Würden diese Schreiber," meinte er, „wenigstens die Geschichte respectiren — auf Schritt und Tritt trifft man sie bei der Lüge, auf Schritt und Tritt leugnen sie Thatsachen, die ihnen widersprechen. — Mit solchen Gegnern ist jeder Kampf unnütz und werden uns diese Angriffe keinen großen Schaden anrichten . . - “ips: ib , sr Beantworten wir diese Schmähungen mit Wahrheitsliebe und bleiben wir auf der eingeschlagen Bahn der Bildung uud Erziehung der Jugend. Hat doch keine Nationalität an die Bil- 1) In nächster Zukunft soll eine vollständige Zusammenstellung der Hauptartikel erscheinen, und besonders die copirten Stellen genau beleuchtet werden.

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