Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1876)
- Date
- 1876-11-28
- Page
- Seite 777 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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777 zu dürfen, was in diesem Lande schon an sich eine Schande ist. 1 Die Juden werden unbestraft auf alle Weise mißhandelt und am meisten von den Behörden, die ihnen bei der geringsten Beranlasiung und auch ohne eine solche die stärksten Bastonnaden ertheilen lassen, für welche die Zahl der Schläge nicht bestimmt ist. Eine Rechtspstege besteht für sie nicht. Man sagt dem jetzigen Sultan eine billige Gesinnung nach und er soll sich in einigen Fällen, wo die Betroffenen bis zu ihm drangen, gerecht und milde gezeigt haben. Aber die Umgebung des Sultans weiß die Mehrzahl der Bittsteller fernzuhalten und selbst die Befehle des Sultans illusorisch zu machen. So sind auch die Gouverneure in den Provinzen und deren Hauptstädten unabhängig in ihrem Verfahren gegen die Juden. Der eine und der andere zeigt sich weniger barbarisch, alle aber suchen sie auszubeuten. Nicht zu übersehen ist, daß, wo die Gouverneure sich human benehmen, dies auch die arabische Bevölkerung thut. Dabei kann man auch hier der Juden nicht entbehren, welche allein den Handel der Producenten mit den Gebirgsvölkern vermitteln, und so für beide den höchsten Nutzen schaffen. Spanien. Ceuta, im October. Alles, was Spanien und resp. die daselbst geübte Duldung Andersgläubiger betrifft, wird uns stets interessiren. In der obigen spanischen Besitzung (Afrika) duldete der Gouverneur vor der Revolution von 1868, d. i. vor der Vertreibung Jsabella's vom Throne, keine Juden. Seitdem haben sich hier ungefähr 20 Familien niedergelassen, und da Ceuta der Transitort ist zwischen Gibraltar und Tetuan, halten sich daselbst immer etwa 30 Israeliten ohne Familie, theils bleibend, theils vorübergehend auf. Sie haben bereits ein kleines Bethaus. Der gegenwärtige Gouverneur hat auch bereits die Gemeinde als solche anerkannt; denn bei seiner Ankunft nahm er eine Deputation derselben an und versprach ihr Schutz und Hülfe. Bon einem spanischen Gouverneur will das schon viel sagen. ' Türkei. Konstantinopel, 3. Nov. (Nach den Arch. isr.) Der zum Mitgliede des Staatsrathes ernannte Behor Efchhenazi Effendi war bis jetzt Mitglied des Appellhofes, welche Function er seit längerer Zeit zu großer Zufriedenheit der Muselmänner und Christen bekleidet. Er ist noch jung, in der türkischen Sprache außerordentlich gewandt und als unantastbarer Charakter anerkannt. Außer ihm fungirt auch David Effendi als Cabinets- Chef im Uebersetzungsbureau des auswärtigen Ministeriums. — Die neue israelitische Wohlthätigkeilsgesellschaft hat von Seiten des Barons v. Hirsch einen Beitrag erhalten, zum Unterhalte von zehn Armenkindern mehr; bis jetzt unterhielt sie 22 Kinder und hat soeben 200 Kinder, welche die Elementarschule besuchen, mit Winterkleidern versehen. Rußland. Warschau, im November. Nach der jüngsten Volkszählung leben in Warschau 98,698 Juden, und bilden so ungefähr den dritten Theil der ganzen Bevölkerung der Stadt. I e u i l Dr. Abraham Neuruanu. Eine Lebensskizze. (Fortsetzung.) Günzburg kam im Sommer wieder nach Petersburg. Offen bekundete er dem Rabbiner seinen Dank für alle Leistungen. Er zweifelte nie an der Zukunft der Gemeinde, aber er lieferte Allen den besten Beweis seiner festen Ueberzeugung, indem er zweimalhunderttausend Rubel zum Bau einer Synagoge opferte. Mit verdoppelter Kraft schritten Rabbiner und Günzburg zum Aufbau der Gemeinde. — Statuten wurden abgesaßt, viele neuen Einrichtungen getroffen und eine officielle Wahl eines Vorstandes veranlaßt. Bon Seiten der Kahanisten erfolgte das feierliche Versprechen, Ordnung und Frieden auftecht zu erhalten, nur sollte die Verwaltung der Gemeinde in ihren Händen bleiben. Beruhigt verließ Günzburg im Spätsommer Petersburg, auch N. glaubte eine kurze Zeit an eine herannahende Ruhe — aber schon in den großen Feiertagen mußte er sich überzeugen, daß l e 1 o n. er bei allen Berathungen umgangen wurde, daß man ihm immer nur mit fertigen Beschlüffen entgegenkomme, so daß er nie seine Meinung geltend machen durfte, und dennoch lag auf ihm allein die ganze Verantwortung für Alles, was in der Gemeinde vorging. Diesen ganzen Winter ertrug er mehr denn je; seine ganze Spannkraft schien nachgelaffen zu haben, auch materielle Sorgen blieben nicht aus, denn wieder wurde sein Gehalt vorenthalten. Der Sommer kam und wieder suchte Günzburg nach einem modus vivendi mit den Kahanisten, er mühte sich wieder zwei volle Monate ab, aber vergebens. Da faßte Günzburg den Entschluß, von den Kahanisten sich zu trennen, die Bessergesinnten sollten sich vereinen und gleichsam eine Gemeinde aber eine besondere Gemeinde bilden. Er bittet den nächsten Freund N.'s zu sich und setzte diesem seine Ansicht auseinander. Der Freund kannte die Gesinnung des Rabbiners über diesen Punkt zu gut. Wurde ja schon so oft ftüher der Gedanke der Trennung angeregt, aber N. wollte niemals auf diesen Gedanken eingehen. ' „Ich bin nicht Rabbiner einer Partei, durch mich darf keine 48*