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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-11-28 · Heft 48 (28.11.1876) · p. Seite 771

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 48 (28.11.1876)
Date
1876-11-28
Page
Seite 771 (sequence 5)
Language
German
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771 „In Ermangelung der Prophezeiungen, die offenbar zweischneidige Schwerter waren, konnte Jesus sich auf seine merkwürdigen Wunder berufen. Er und seine Schüler hielten sie offenbar für Beweise einer göttlichen Sendung. Aber erstens ist es klar, daß die Evidenz der wunderbarsten derselben nur auf Gerüchten, die unter unwiffenden Bauernumliefen, beruhten, welche der unterrichtetere Theil der Nation mit Recht nicht beachtete. Ihre Forderung eines Zeichens beweist, daß ihnen diese Gerüchte unter dem Volke, wenn sie sie überhaupt vernommen hatten, nicht genügten. Zweitens waren die bester bezeugten Wunder nicht beweiskräftig, weil Andere sie ebenfalls vollbringen konnten. Jesus, als man ihn bezüchtigt, die Teufel durch Belzebub, den obersten der Teufel auszutreiben, giebt den Pharisäern mit Geschick die Frage zurück, durch wen denn ihre Söhne ihn austrieben? Aber so gab er zu, daß er in dieser Thärigkeit nicht allein stünde. Kurz, Wunder wurden von den Juden nicht als Beweis des Messiasberufs angesehen. Ihre eignen Propheten hatten sie vollbracht, ihre eignen Schüler vollbrachten sie noch jetzt; andere konnten sie möglicher Weise durch teuflische Beihülfe vollbringen. Die egyptischen Magier waren sehr schlau in ihrem Wettkampf mit Moses gewesen, obgleich Moses sie überwunden und viel erstaunlichere Wunder als Jesus bewirkt hatte, so weit diese letzteren den Pharisäern bekannt waren." „Da Wunder nun etwas zu Gewöhnliches waren, um dem Wunderthäter einen besonderen Anspruch auf Ehrfurcht zu gewähren, blieb nur die Lehre und der persönliche Charakter, nach denen man ihn beurtheilen konnte. Man muß im Sinne behalten, daß der Eindruck, den diese auf seine Gegner machen konnten, allein von seinem Benehmen in seinem Verhältniß zu ihnen abhängen mußte. Er mochte in Galiläa die reinste Moral predigen oder seinen Begleitern in Judäa ein Musterbild der Vortrefflichkeit bieten, so würde dies ihn noch nicht zur Aufnahme als Messias berechtigen oder ein ungünstiges Voruriheil fcefei tigen, welches durch sein Benehmen gegen solche, die seine Grundsätze noch nicht angenommen hatten, geschaffen war. Betrachten wir demgemäß, welche Wirkungen ungefähr auf Pharisäer und Schriftgelehrte die Elemente in seinen Meinungen und in seinem Benehmen haben müssen, durch welche sie mehr oder minder un mittelbar asficirt wurden. Es bestand bei den Juden, wie noch heute bei uns, eine Einrichtung, die unter ihnen, wie bei uns, wenn auch vielleicht etwas weniger, hoch in Ehren gehalten wurde. Die Einrichtung war die eines Ruhetages, der Gott einmal alle sieben Tage geheiligt wurde. Diese Sitte glaubten sie von der höchsten Autorität begründet und von Moses den zehn Geboten, die er auf Sinai empfing, einverleibt. Nichts konnte in den Augen eines rechtgläubigen Juden heiliger sein als eine solche Observanz, die von seinem Gotte angeordnet, von dem größten Gesetzgeber seines Stammes gegründet und durch lleberlieferung geheiligt war. Nun I wurden die gewöhnlichen Regeln betreffs dessen, was an diesem' I Tage gesetzlich und gegen das Gesetz war, von Jesus gänzlich vernachlässigt. Nicht nur machten seine Jünger am Sabbath einen Pfad durch ein Kornfeld, sondern Jesus heilte an ihm auch öffentliche Krankheiten, d. h. er verfolgte seine gewöhnliche Beschäftigung an diesem allerheiligsten Festtag.'-') Als diese Verletzungen des Geziemenden (wie es ihnen erschien) zuerst zur Kenntniß der Pharisäer kamen, thaten sie anfänglich nur Einspruch bei Jesus und suchten ihn zu bewegen, daß er dem Frevel einer Jünger steuere. Nicht nur lehnte er es ab, dies zu thun, sondern er rechtfertigte sogar ihr Verfahren durch das Beispiel Davids und der Priester, die nach seiner Art zu folgern den Sabbath im Tempel entweihen, indem sie das, wozu sie ihr Amt gesetzlich verpflichtet, verrichten. Eine derartige Beweisführung konnte die Pharisäer nicht überzeugen, aber sie mußten über die Maßen verletzt sein, als er sich selbst für größer als der Tempel proclamirte und seine Herrschaft selbst über den Sabbath behauptete. Sie ftagten ihn dann, — eine vollkommen berechtigte Frage — ob es erlaubt sei, am Sabbath zu heilen, worauf er erwiderte, daß, wenn eins ihrer Schafe in den Brunnen gefallen wäre, sie es herausholen würdenf Zur Bestätigung seiner Theorie durch die Praxis heilte er sofort einen Mann mit einer gelähmten Hand. Es ist bemerkenswerth, daß alle drei Evangelisten das Verlangen der Pharisäer, Jesus einem Strafverfahren zu unterziehen, von diesem Zwischenfall her datiren, so daß die Feindseligkeit gegen ihn mir Sicherheit als zum großen Theil durch seine sabbathseindlichen Principien veranlaßt scheint." „Nun ist es für mich fast überflüssig zu bemerken, daß in dieser Frage meine Sympathien durchaus aus Seiten Jesu sind. Obgleich ich in seinem Betragen durchaus keine weitgehende Absicht gegen den Sabbath bemerke, so ist es genug, daß er dessen Härte zu mildern suchte. Hierfür ist ihm die Welt Dank schuldig. Aber sicher kann es in diesem so sabbatheifrigem Lande (England) nicht schwer sein, den Abscheu der Pharisäer vor seiner anscheinenden Geringschätzung zu begreifen. In Betracht, daß es noch nicht so sehr lange her ist, daß die vermeintliche Entheiligung des Sonntags den Thäter der Behandlung als gewöhnlichen Verbrechens unterzog, in Betracht daß selbst jetzt noch die Arbeitsenthaltung an diesem Tage für viele Beschäftigungsarten durch das Staatsgesetz erzwungen wird; in Betracht, daß eine dem Gesetz an Stärke fast gleiche Sitte für diesen Tag eine große Zahl von gewöhnlichen Unterhaltungen verbietet — so können wir kaum sehr überrascht sein, daß die Sabbalhanhanger in Judäa mit Eifer an der Heiligkeit ihres wöchentlichen Ruhetages festhielten. Die Thatsache, daß sehr gewissenhafte und ehrenwerthe Personen eine ähnliche Ansicht vom Sonntag hegen, ist uns Allen vertraut. Wir wissen, daß ein Jeder, der die gebräuchliche Sitte vernachlässigen, der z. B. ein Cricket spielen 9) Marcus 2, 23—3, 7. Matth. 12, 1—14. Lucas 6, -11. 13, 10—17. 14, 1—6.

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