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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-11-28 · Heft 48 (28.11.1876) · p. Seite 768

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 48 (28.11.1876)
Date
1876-11-28
Page
Seite 768 (sequence 2)
Language
German
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768 für ihn behaupteten — daß er von Davids Stamm sei. Ganz im Gegentheil. Er verficht gegen die Pharisäer, daß der MesfiaS überhaupt kein Abkomme Davids sein solle. Das Zwiegespräch, wie es bei Matthäus gegeben wird, lautet folgendermaßen: „Was ist Eure Meinung von Christus? Westen Sohn ist er?" Sie sagen zu ihm, „David's". Er spricht zu ihnen: „Warum denn nennt ihn David im Geiste Herr, indem er spricht, der Herr sagte zu meinem Herrn, sitze zu meiner Rechten, bis ich Deine Feinde unter Deine Füße bringe. Wenn aber David ihn Herr nennt, wie ist er sein Sohn?" Keine Antwort wurde von den Pharisäern gegeben, noch wurde ihnen von Jesus je eine Erklärung des Widerspruchs erlheilt. 2) In Ermangelung jeder anderen Beleuchtung, können wir seiner Beweisführung nur eine Auslegung geben. Es war offenbar beabsichtigt zu zeigen, daß der Messias nicht allein nicht aus David's Haus sein müsse, sondern nicht einmal sein könne. David würde ihn in diesem Falle nicht Herr genannt haben. Die Starke der Beweisführung mag auf die Pharisäer vielleicht wenig Eindruck gemacht haben, aber über eine Sache konnten sie kaum einen Zweifel ferner hegen. Jesus wünschte, daß man ihn für den Messias halte. Er wünschte weiter, daß man annehme, der Messias sei nicht ein Sohn David's: folglich war er sicherlich kein Sohn David's. Wenn aber die Unkenntniß — eine solche angenommen — der 2) Wenn diese Erzählung des Matthäus (22, 41—46) richtig wäre, und wie er V. 46 sagt. Niemand darauf antworten konnte und man seitdem Jesus zu befragen nicht mehr wagte, so mußten diese Pharisäer sehr wenig von ihrem Geschäfte verstehen, daß sie sich von einer so unbedeutenden Buchstabendeutelei fangen ließen. Konnten sie sich doch einfach auf die Weißsagung des Jesajas 11, 1 berufen, wo die Abstammung des Messias aus dem Hause David's auf's Bestimmteste ausgesprochen ist, was denn auch die Evangelisten bewog, eine genealogische Tabelle in diesem Sinne aufzustellen. Diese wäre aber ein entschiedener Widerspruch gegen die obige Auslegung Jesu selbst. Aus dem ''dirrd Ps. 110, 1 zu schließen, daß der Messias nicht aus dem Hause David's sein könnte, während "p2 3" die allergewöhnlichste Formel im Gespräche war, konnte nach unserer Meinung einem wirklichen Palästinenser gar nicht einfallen. Allerdings hat noch Sadias den Psalm 110 auf den Messias bezogen, wohingegen die Talmudisten und ihnen folgend Raschi ihn an Abraham gerichtet glaubten. Für die messianische Deutung zu Jesu Zeit haben wir nur Matthäus als Zeugen. Dieselbe suchte noch Hengstenberg mit großem Wortschwall zu vertheidigen, während die modernen christlichen wie jüdischen Exegeten (schon Aben- Esra, sie gänzlich haben fallen lasten. Unsre Ansicht haben wir ausführlich in dem Commentar zu diesem Psalm in unsrem Bibelwerke dargelegt und begründet. Der Ausdruck 'rr a»3, der außer hier in den Hagiographen gar nicht wieder vorkommt, leitet überall einen Prophetenspruch ein und mit einem solchen beginnt eben der Psalm 110: „Der Ewige spricht zu meinem Herrn" (-:nsr^ 'r-, arr:), wo :nrr den König bedeutet. „Sitze zu meiner Rechten, bis ich Deine Feinde deinen Füßen zum Schemel machen werde" — harre ruhig, fest auf meine (Gottes) Hülfe vertrauend, aus bis ich ff." Man vergleiche nur B. 5, sowie B. 21 des vorherg. Ps. 109. Redaction. jüdischen Leiter betreffs des Geburtsortes und der Familie Jesu noch einer Entschuldigung bedürfte, so finden wir sie mehr als überflüssig in einem Werke eines seiner eignen Anhänger — des vierten Evangelisten. Nicht daß man diesen Schriftsteller als Autorität hinsichtlich der Thatsachen annehmen könnte, aber er ist eine Autorität für die Ansichten, die wenigstens unter einem Theil seiner eignen Seele obwalteten und für das, was er^selbst, da er lange Zeit nach Christi Tod schrieb, durch Ueberlieferung empfangen hatte. Nun beschreibt er im Anfang seines Evangeliums, wie der Jünger Philipp zu Nathanael geht und sprickt: „Wir haben den gefunden, von dem Moses im Gesetze und von dem die Propheten schrieben, Jesus den Sohn Joseph's aus Nazareth." Hierauf ftagt Nathanael skeptisch, „kann etwas Gutes kommen von Nazareth?" Und Philipp erwidert, „Komm und sieh." Nach diesem Bericht glaubte» also selbst die Jünger Jesu an seine Geburt zu Nazareth und ebenso beiläufig an seine Erzeugung durch einen menschlichen Vater. Und dies ist nicht das alleinige Beweismaterial. In einem anderen Capitel wird eine eifrige Erörterung unter den Juden geschildert, ob Jesus der Christ sei oder nicht. Die Meinungen gingen auseinander. Am hervorragendsten unter den Beweismitteln für die Verneinung war die Berufung auf die Erklärung der Schrift, daß der Christ aus Davids Stamm sein und ans dem Dorfe Bethlehem hervorgehen müsse. Hierauf wird von den Anhängern Jesu keine Antwort ertheilt noch irgend eine von dem Evangelisten dafür gegeben. Aus diesem Stillschweigen läßt sich nur eine vernünftige Folgerung ziehn. Er hatte die Geschichte von Christi Geburt in Bethlehem unv besten genealogischer Verbindung mit David entweder nicht gehört oder ignorirte sie absichtlich. Seine Anschauung war, wenn er überhaupt je Jude gewesen, von jüdischen Beschränkungen ftei, und mit seinen sehr verfeinerten Anschauungen vom Logos glaubte er nicht an die- Nothwendigkeit dieser materiellen Bedingungen. Ihm galt es nichts, daß sie nicht erfüllt waren. Orthodoxeren Anhängern der Prophezeiungen des alten Testaments kann verziehen werden, wenn sie sie nicht so leicht bei Seite setzten. Was aber soll man von dem Benehmen Jesu sagen? War er wirklich ein Abkomme Davids und in Bethlehem geboren und fälschlich für einen Nazarener gehalten, können wir ihn dann von einer nicht zu entschuldigenden Täuschung den Juden gegenüber freisprechen, indem er diese Thatsachen nicht zu ihrer Kenntniß brachte? Sicherlich nicht. Wenn er mit ihnen zurückhielt, trotzdem er wußte, und er wußte es, welches Gewicht sie in der öffentlichen Meinung haben würden; wenn er, trotzdem er wußte, daß sie einige der wichtigsten Einwürfe gegen seinen Anspruch beseitigen würden, sie nicht zur Entgegnung vorsührte; wenn er gegen den Schluß seines Lebens wußte, daß er der urgehörigen Anmaßung einer Autorität beschuldigt sei und sie nicht als einen Theil wenigstens seiner Beglaubigung vorbrachte — so spielte er eine Rolle, die man kaum so streng bezeichnen kann, als sie eS verdient. Er glaubte, daß seine Aufnahme durch seine

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