Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-11-21 · Heft 47 (21.11.1876) · p. Seite 759

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 47 (21.11.1876)
Date
1876-11-21
Page
Seite 759 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227069-3227117--34922-3304842
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

759 und das Wesen des unsterblichen Dichters, was bereits in so zahllosen Schriften und Vorträgen geschehen ist, sich des Breiteren auszulasien, und dadurch die eigentliche Handlung über Gebühr aufzuhalten. Frankl hatte auch die Freude, sein Verdienst anerkannt zu sehen. Der Kaiser äußerte sich zu ihm, daß er (Dr. Frankl) auf den heutigen Tag stolz sein könne, der für ihn und die Mitglieder des Schillercomitös jahrelange Bemühungen zum Abfchlusie bringe; und der Bürgermeister von Wien, L>r. Felder, sagte am Schluffe seines Dankschreibens an das Comitö: „Wolle mir das hochgeehrte Präsidium zugleich gestatten, daß ich dem Manne, welcher durch seine vieljährige aufopfernde Hingebung sich um das Zustandekommen des Denkmals so hochverdient gemacht, dem Präsidenten-Stellvertreter des Comitös, Herrn Dr. Ludwig August Frankl, meine besondere Anerkennung ausspreche." Brüx, 7. November. (Privatmitth.) Die in den letzten Nummern angeregte Nationalitätenfrage der Juden in Böhmen, ist durchaus nicht so einfach als der Stockczeche Fisch! und der anonyme ultradeutsche Gewährsmann es darstellen. Weder sind die Juden in Böhmen alle deutsch, noch waren sie es Alle von jeher, wie der Corresp. in Nr. 45 behauptet. Auch ist das Rischus durchaus kein Monopolartikel der Czechen, das wissen Sie im Reiche draußen aus eigener Erfahrung. Historisch ist die Correspondenz in Nr. 45 vollständig im Jrrthume. Die Juden in Böhmen waren bis zur Schlacht am weißen Berge im Allgemeinen ebenso gut czechisch als die übrige Landbevölkerung. Wer je in landstädtischen Archiven geforscht hat und die Unzahl czechischer Schuldverschreibungen und Urkunden von und an Juden gelesen hat, weiß das. Ja die Namen der Juden um diese Zeit zeigen, daß auch im Familienleben die böhmische Sprache herrschte. Nach der Schlacht am weißen Berge wurde Böhmen germanisirt, und ich bin der letzte, der dies bedauert. Die Juden, die durch zahlreiche Verfolgungen außer Landes gedrängt, in günstigen Momenten von Deutschland Zuzüge erhielten, germanisirten sich, wie fast der gesammte Bürgerstand, der trotz der Behauptung des oberflächlichen Herrn Karl Braun dem ganz nach deutschem Muster organisirten und hierin vollständig von den übrigen slavischen Ländern abweichenden Böhmen nie gefehlt hat, sehr schnell. Fast nur der Bauer und der Plebs war fortan durch mehr als zwei Jahrhunderte Vertreter des Ccechenthums. Daß sich das slavische Element mit dem Erwachen der Freiheit schnell wiederholte und unter Deutschen Fortschritte machte und macht, ist der Vorliebe der Deutschen für fremde Nationalitatenspielerei zuzuschreiben. Denn die gesammten Matadoren des Ccechenthums sind deutschgebildete und deutscherzogene Männer. Wenn in Nr. 45 behauptet wird, daß die Juden im vorigen 1) Wir glauben unseren Lesern einen Gefallen zu thun, wenn wir diese Ansprache Frankl's in unserem Feuilleton mittheilen. Redactivn. Jahrhundert durch Verfolgungen von czechischer Seite zu den Deutschen hiuübergedrängt wurden, so brauche ich nur die deutschböhmischen Namen Eger, Saaz u. s. w. zu nennen, um an die gräßlichsten Judenverfolgungen Böhmens zu erinnern. Auch heute noch giebt es auf dem flachen Lande Böhmens, namentlich in gemischten Bezirken nur eine Stimme darüber, daß trotz bedauerlicher Ausschreitungen, die hin und wieder noch in den letzten Jahrzehnten vorkamen, die aber arg übertrieben wurden, der Jude in czechischen Städten viel geachteter und anerkannter lebt als in deutsch-böhmischen. Während jüdische Bürgermeister in czechischen Städten keine Seltenheit sind, kenne ich selbst einen Stadlrath jüd. Confession in keiner deutsch-böhmischen Stadt. J,ch bin erbölig all' das da Gesagte mit den ausführlichsten Daten zu belegen, doch glaubte ich in einer Sache von minderem allgemeinen Interesse kurz sein zu müssen. Natürlich gebe ich Herrn Fischl mit seiner Aufforderung, die deutschen Juden sollen Czechen werden, Unrecht. Man zieht eine Nationalität nicht wie einen Rock aus, selbst wenn man von einer anderen Nation Bortheile zu erwarten hat. Ebenso unbillig wäre es von czechischen Juden zu verlangen, daß sie deutsch würden. Als ich von der czechischen Ansprache las, mit welcher die Einweihung des klattauer Tempels vor wenigen Wochen eröffnet wurde, fand ich das durchaus nicht Unrecht, vorausgesetzt, daß die Herren wirklich Czechen sind, und nicht, wie dies leider häufig ist, deutsche Juden, die um der obengenannten Bortheile halber in's slavische Lager übergegangen sind. Dr. A. K. Auö Galizien, 27. October. (Privatmitth.) Der Sieg der polnischen Feudalen bei den diesmaligen Landtagswahlen ist ein so entschiedener, daß der Jubel darüber in ihrem Lager außerordentlich ist. Die Folgen werden nicht ausbleiben. Sie haben diesmal erfahren, daß, je rücksichtsloser sie Vorgehen, je weniger Scheu in den Mitteln sie zeigen, desto sicherer ihr Erfolg ist. So etwas kann allerdings nur in unsrem Lande geschehen, wo die polnische Feudalwirthschast erst vor kurzer Zeit einen verfassungsmäßigen Eintrag erlitten und seine Spuren noch auf's Schärfste eingedrückt hat. Die Abhängigkeit von den Feudalen ist noch zu groß und der Geist der Selbstständigkeit im Volke noch zu schwach, um ihnen eine Schranke setzen zu können, wenn sie selbst keine ertragen wollen. Dies haben auch die Juden in Krakau erfahren. Bei früheren Wahlen war die Abkunft getroffen worden, daß die Juden, eine nicht unbedeutende Wahlerclasse daselbst, für die vom städtischen Wahlcomitö aufgestellten Candidaten stimmen sollten, wofür ein Jude in den Landtag gewählt werden sollte. Hierüber hat sich jenes, ohne auch nur ein Wort zu verlieren, hinweggesetzt, und die Juden erhielten keinen Vertrete». Es ist dies auch für die Zukunft und für die Pläne der Feudalen überhaupt bezeichnend. Ob die Juden 47

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.