Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1876)
- Date
- 1876-11-21
- Page
- Seite 757 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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757 die für Maimon's Seeleuzustäude von Wichtigkeit find. Wir hatten daher gewünscht, die Selbstbiographie wäre ohne alle jene störenden Betrachtungen wieder abgedruckt worden. Die vorliegende Fassung hat deshalb etwas Nüchternes, und verräth zu sehr die Absicht des Verfassers, wozu nun noch ein oft sehr ungelenker Styl und eine schlechte Correctur des Druckes kommt. Diese Mängel halten uns jedoch nicht ab, die Arbeit des Herrn Witte willkommen zu heißen, weil sie Maimon in das allgemeine Gedachtniß zurückrust. Wir unsrerseits begrüßen überhaupt mit Freude die seit einiger Zeit hervortretende Tendenz, die Kant'sche Philosophie von Neuem zu beleben, geltend zu machen und an sie wieder anzukuüpfen. Es scheint uns dies der richtige Weg, um dem Verfalle der deutschen Philosophie entgegenzutreten. Im Verlaufe dieses Srrebens konnte die Erinnerung an Maimon nicht fehlen. In der S. 45 gegebenen Aufzahlung der Schriften Maimon's fehlen der hebräische ausführliche Commentar zum ersten Theile des More Nebuchim rmnn nr-a mit einem Abriß der Geschichte der Philosophie, Berlin, 1791, in Wien nachgedruckt und in Sulzbach 1828 noch einmal herausgegebeu: Anfangsgründe der Newton'schen Philosophie von D. Pemberton aus dem Englischen, Berlin, 1793 und Anmerkungen zu Bartoldy's Uebersetzung von Bacon's neuem Organon ll Theile, Berlin, 1793. Die Fruchtbarkeit Maimon's wird man erst recht gewahr, wenn man feine Aufsätze in verschiedenen Zeitschriften überschaut. Eine Aufzählung derselben findet man in Fürst viblioüieea judaica, Th. 11, S. 288 f. Erfreulich war es uns, daß der Verfasser auch die Ansichten Maimon's über die jüdische Religion (S. 65 ff.) mittheilt und werden wir Gelegenheit nehmen, darauf zurückzukommeu. 1) Wir können eine Acußernng des Berfaffers in seinem Vorworte hier nicht ganz mit Stillschweigen übergehen. Die Schrift war zuerst ein Bortrag» und er sagt nun (S. 4): Es sind mir gegenüber bald nach Haltung jenes Vortrages Aeußerungen gethan worden, denen zufolge in gewissen jüdischen Sphären über Maimon eine diesem ungünstige Tradition zu bestehen scheint. — Selbst bei weiteren Erkundigungen in ähnlichen Kreisen habe ich nichts Begründetes dafür anführen Horen; auch von jener Seite, die sich zuerst und aus eigenem Antriebe so vernehmen ließ, ist auf den Gegenstand nicht zurückgekommen worden. Das Leben Maimon's macht jedoch, gerade so weit cs in der -iselbstbiographie enthalten ist, eine mißgünstige Ucberlieferung in engherzig jüdischen Kreisen nur allzu begreiflich. Andererseits wird dasselbe dem Leser ebenso sehr wie mir die Ehrenhaftigkeit des vielgeprüften Denkers verbürgen." Diese Bemerkung des Bersasscrs frappirte uns. Ist es nicht elgenthnmüch: wenn die Inden einen ausgezeichneten Mann aus ihrer Mitte rühmen, so sagt man von christlicher Seite, die Inden sind anmaßend und hoffahrtig; wenn sie an einem solchen etwas tadeln, so heißt es, sie find engherzig! Der Bersasser sagt selbst, daß er von einer solchen „ungünstigen Tradition" in jüdischen Kreisen doch nichts habe auffinden können, sie also nur eine Voraussetzung war, dennoch nimmt er sie sogar als eine Bürgschaft für die Ehrenhaftigkeit Maimon's an! Herr Witte hatte also nur von Juden ein ungünstiges Nrtheil über Maimon's moralischen Charakter vernommen. Führte er aber nicht selbst ein gleiches Urtheil von Kuno Fischer iS. 35) an? Ist dieser auch „engherzig" und sein Urtheil eine Bürgschaft für das Gegentheil? Er selbst sagt in der Einleiwng S. 7: „Zwar werden wir in Maimon keinen Tugendhelden kennen lernen, ja es durchziehen sein gesammtes Wirken von frühester Zeit bis in die letzten Jahre seiner irdischen Laufbahn Charakter-Mängel, die uns bisweilen geradezu von der Persönlichkeit dieses Denkers abstoßen." Konnte Jemand dem Peil, 22. Oct. Die so reiche Literatur über Palästina ist vor einigen Woche» durch eine neue Schrift in hebr. Sprache: rvn-ns Zion und Jerusalem. Eine Typographie von Jerusalem und seinen Umgebungen samutt Ansichten von A. M. Luncz. 1. Th. (Jerusalem, 176) vermehrt worden. Ist es schon an und für sich ein erfreuliches Zeichen, daß ein Manu in Jerusalem sich einer solchen Arbeit unterzieht, so muß es Herrn Luncz noch besonders hoch ungerechnet werden, daß er sich bei Denen, welche vor ihm über Jerusalem geschrieben, Raths erholte. Er benutzte nicht nur das bekannte bibliographische Werk Titus Tobler's, das er in dem zweiten Theile feiner Schrift durch viele, Tobler unbekannt gebliebenen Schriften zu ergänzen verspricht, sondern berücksichtigt auch die Reiseberichte von Wolff, Schulz, Robinson und sogar Ludwig A. Frankl. In dem vorliegenden 1. Theile behandelt der Verfaffer die Lage und das Klima Jerusalem's, die Thore, Straßen und Platze, die Berge, Hügel unv Thäler u. dgl. m. Wir wünschen, daß Herr Luncz in den Stand gesetzt werde, den 2. Theil seiner lesenswerthen Schrift, deren Druck vieles zu wünschen übrig läßt, bald folgen zu lasieu.- Einen schätzenswerthen Beitrag zur Geschichte der Bibelexegese begrüßen wir in der Schrift „Abraham Jbn Esra's Einleitung zum Pentateuch-Commentar, beleuchtet von vr. Wilhelm Bacher (Wien, 1876,. Wie Jbn Esra's Einleitung an und für sich schon ein Umriß der Geschichte der Bibelexegese ist, so liefert Herr Dr. Bacher in dieser gut geserbenen Abhandlung an der Hand der Einleitung, deren Text-rtnd Uebersetzung wir ungern vermissen, mit sorgfältiger Benutzung der einschlägigen Literatur, Uebersetzungen über die Exegeten der gaonäischen Zeit, insbesondere Saadia's, über die karäische und allegorisirende Exegese, unv die Anwendung des Derasch in der Bibelerklärung. Jbn Esra war vermöge seines freien Geistes unv seines ausgebreiteten Wissens wie kein Anderer geeignet. Großes auch auf dem Gebiete der Exegese zu liefern. Dieses wieder nachgewiesen zu haben, ist ras Verdienst der Bacher'schen Abhandlung, welchen allen Bibelforschern eine willkommene Gabe sein wird. Von dem 1. Theile der „Geschichte der Israeliten von den urältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, zum Gebrauche für Schule und Haus" von Daniel Ehr mann, emerit. Rabb. rc., ist jüngst die 3. Auflage erschienen (Brünn, 1877). Der Umstand, baß von diesem Buche, das auch bereits in's Italienische übersetzt ist, nach wenigen Jahren eine dritte Auflage nöthig wurde, spricht hinlänglich für seine Bortrefflichkert. Herr Jacob Fischer, Lehrer und autor. Rabbiner in Baja (Ungarn), übersetzte unter dem Titel msrtbn eine Maimon Schlimmeres nachsagen? Ist also Herr Witte nicht selbst „engherzig" und muß sich selbst eiu Zeugniß für das Gegentheil, für die Ehrenhaftigkeit Maimon's bieten? Herr Witte mußte in seinem Vorwort vergessen haben, was er in seiner Einleitung geschrieben. Dies ist allerdings nicht sehr philosophisch. In weitere Details wollen wir hier nicht eiugeheu.