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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-11-21 · Heft 47 (21.11.1876) · p. Seite 756

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 47 (21.11.1876)
Date
1876-11-21
Page
Seite 756 (sequence 6)
Language
German
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756 Wiesbaden, 8. November. ES war vorauszufehen, daß Austritte aus den Gemeinden, namentlich zahlreichere, sich zunächst an den Orten abspielen werden, welche mit Separatisten- Gesellschaften beglückt waren, da von diesen letzteren das ganze Gesetz durch Herrn Lasker erwirkt worden. Ans Frankfurt am Main mußte daher zunächst Wiesbaden an die Reche kommen, und von hier aus meldet das „Frankfurter Journal": „Die in Folge des Gesetzes vom 28. Juli über den Austritt aus einer Synagogengemeinde dahier vor Gericht erfolgten Austrittserklärung vou beiläufig 50 israelit. Familien, welche der orthodoxen Richtung angehören, aus der hiesigen Synagogengemeinde , welche der freieren Richtung huldigt, sind erst erfolgt, nachdem der Borstand der orthodoxen Religiousgefellschaft einen Erlaß der hiesigen Polizeidirection vahia erwirkt hatte, daß, so lange sie einen eigenen Friedhof nicht erworben, etwaige Leichen orthodoxer Juden nöthigenfalls zwangsweise auf dem der Reformgemeinde gehörigen Friedhof provisorisch beigesetzt werden sollten. Dieser Erlaß gründet sich auf die beigebrachten übereinstimmenden Gutachten der Rabbiner vou Berlin, Darmstadt, Frankfurt a. M., Heidelberg, Lübeck, Mainz, Weilburg rc.. wonach es die Religionsgesetze der Juden strengstens verbieten, südische Leichen auf Communalfriedhöfen zu beerdigen. Hiermit stimmt auch ein Vorgang überein, der auf Betreiben des hiesigen ResormrabbinerS, vr. Süßkind, vor mehreren Jahre» sich abspielte, wo ein auf dem christlichen Friedhof von Hofheim am Taunus begrabenes jüdisches Kind wieder ausgegrabcn und auf dem nächstgelegenen jüdischen Friedhof beerdigt werden mußte. Der Vorstand der Reformgemeinde beabsichtigt, gegen den ewahuten Erlaß der k. Polizeidirectiou bei der Vorgesetzten Oberbehörde Recurs;u ergreifen, während die orthodoxen Juden ihre Bemühungen zur Erlangung eines eigenen Friedhofs eifrigst fortsetzen." Literarischer Wochenbericht. Bonn, 8. November. Unter den eigenthümlichen, ja seltsamen Erscheinungen, welche die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts die wachsende Berührung mit dem allgemeinen Culturleben in der Mitte der Juden hervorbrachte, nimmt Salomon Maimon eine sehr bedeutende Stellung ein. Er schwang sich unter den unmittelbaren Schülern und Nachfolgern Kanl's zu großer Anerkennung auf, und wird noch von den neuesten Geschichtsschreibern der Philosophie, wie von Kuno Fscher, als ein wichtiges Glied von Kant zu den folgenden Systemen der Philosophie betrachtetet. Deu rechten Hintergrund zu diesem philosophischen Verdienste Maimon's giebt besten Leben ab, das er in seiner 1792 herausgegebeuen Selbstbiographie beschrieben hat. Denn zu Rieszwic in Litlhauen 1754 ,nach Anderen 1753) geboren und unter den armseligsten Verhältnissen und den dunkelsten, Schatten der Unwissenheit erzogen, nur zufällig von den ersten Strahlen der Aufklärung beleuchtet, entwickelte er in ich einen unwiderstehlichen Wissensdrang und noch mehr ein außergewöhnliches Denkvermögen. Dies trieb ihn endlich nach Deutschland, wo er lange Zeit ein dürftiges Wanderleben führte, bis er — er starb 1800 — die letzten zehn Jahre seines Lebens in Ruhe und großer literarischer Thatigkeit verbrachte. Ist eS immerhin von Werth, daß Maimon einen solchen Lebensgang, die Zustände, aus denen er sich herauszureißen, die Schwierigkeiten, die er noch außerhalb seines Vaterlandes zu überwinden hatte, die Lückenhaftigkeit seiner Bildung, die er gänzlich auszufüllen niemals vermochte, geschildert hat: so würden alle diese Vorgänge denjenigen nicht überraschen, welcher weiß, daß aus jenen östlichen Ländern, weil sie noch heute zu einem großen Theile unter demselben Banue der Uncultur leben, seit Maimon bis auf unsre Tage viele junge Männer mit ganz ähnlichen Schicksalen zu uns kamen und kommen, wenn auch nur wenige bis zu der Geisteshöhe Maimon's gelangen. Maimon hat somit in seiner Biographie einen Typus gezeichnet. Wir wissen aber auch, daß aus solchem Ursprung, wir möchten sagen solchen verzerrten Verhältnissen, aus solchen Widerwärtigkeiten, in denen der Flug des Geistes mit der traurigsten Noth des Lebens ringt, aus solchen Kämpfen mit dem eigenen Geiste und mit den schiefen Ansichten der Menschen nur überaus selten ein edler, sittenreiner Charatter hervorzugehen vermag. Gerade darum werden wir aber die geistigen Errungenschaften eines solchen Mannes um so höher schätzen unv für seine Charakterschwachen um so mehr Nachsicht haben. Dies wird sich auch an Salomon Maimon bewahren. Wir werden in ihm einen Mann ehren, der aus der dunkelsten Umgebung in die Reihe der deutschen Philosophen eingedrungen ist und sich unter ihnen einen Platz, wenn auch nur in zweiter Linie erworben hat, wenn wir auch, selbst sofern wir seiner Selbstbiographie vollen Glauben schenken, ihn von mancherlei sittlichen Schwächen und Verirrungen nicht fteisprechen können. Eine eben erschienene Schrift: „Salomon Maimon. Die merkwürdigen Schicksale und die wissenschaftliche Bedeutung eines jüdischen Denkers aus der Kantischen Schule von vr. I. H. Wirre, Docenren der Philosophie an der Universität Bon». Berlin, Mecklenburg, 1876," hat sich die Aufgabe gestellt, mit einer Skizzirung der philosophischen Ansichten Maimon's eine Darstellung seines Lebens zu geben, welche, seine Beverttung als Denker und philosophischer Schriftsteller hervorhebend, aus seinen. Schicksalen heraus feinen sittlichen Werth und Charakter zn rechtfettigen sich bemüht. Zu diesem Ende giebt der Verfasser einen Auszug aus der Selbstbiographie. Allerdings gewinnt die Darstellung des Lebens selbst hierdurch insofern, als die viele« und langen Betrachtungen, welche Maimon einschiebt, und die deu Gang der Erzählung sehr unterbrechen, Wegfällen, dahingegen bleiben sehr viele für die damaligen Verhältnisse und für Maimon selbst charakteristischen Züge unerwähnt, und nicht selten solche,

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