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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1876-11-21 · Heft 47 (21.11.1876) · p. Seite 753

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
40 (1876)
Issue
Heft 47 (21.11.1876)
Date
1876-11-21
Page
Seite 753 (sequence 3)
Language
German
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753 Die hervorragendsten Aerzte, Mathematiker und Astronomen, sowie die jüdischen Reisenden werden aufgeführt, dabei hervorgehoben, wie viele Juden gegen den astrologischen Aberglauben gekämpft haben. Er fährt fort: „Das Gesagte genügt schon, um nachzuweisen, daß die Juden bis zum 12. Jahrhundert in geistiger Beziehung wie in jeder für das Leben wichtigen Wiffenschaft ihren christlichen Zeitgenossen unendlich überlegen waren. Der praktische Erfolg dieses Verhältnisses für das Leben zeigt aber unwiderleglich, daß diese Ueberlegenheit auch von ihren Zeitgenossen anerkannt wurde. Sie waren nicht nur als Leibärzte Herren des Lebens aller geistlichen und weltlichen Größen, sondern sie leiteten auch überwiegend häufig theils durch ihren Einfluß, theils durch die ihnen wirklich verliehene amtliche Stellung die Staaten, denen sie angehörten. Ihre moralische Ehrenhaftigkeit, ihre geistige Gewandtheit und ihre reichen Kenntnisse führten sie sehr häufig bei Heiden, Mohammedanern und Christen au die Spitze der Staatsgeschäfte." Die lange Reihe jüdischer Staatsmänner, besonders auch Finanzminister von den Ptolemäern an. bei den Persern, Arabern und Spaniern bis zu Arbarbanel, bleibt nicht unerwähnt, wenn allerdings hier noch viele Namen zu nennen und Lücken auszufüllen wären. — Der Verfasser wirft dann einen Blick auf die Geschichtsschreibung und die Poesie, deren reiche Schätze bei den Juden in eingehender Weise gewürdigt werden, besonders auch bezüglich der nichtreligiösen Dichtkunst. Auch der Musik wird gedacht. Denn „im 11. Jahrhundert wird Jacob ben Jeker als Schriftsteller über Musik genannt, und im 15. Jahrhundert schrieb Arkevolte ein geistreiches Buch über denselben Gegenstand, das in seinen Anschauungen vielfach und lebhaft an Thiebaut's „Reinheit der Tonkunst" erinnert." Er fährt fort: „Ich habe bisher nachgewiesen, wie durch das ganze Mittelalter, während alle europäischen Nationen stillstanden und zurückgingen, oder wie die germanischen Völker kaum noch einen Schritt vorwärts gethan hatten, die Juden rüstig auf der Bahn der geistigen Entwicklung vorwärts strebten und jede Seite des wissenschaftlichen Lebens ausbildeten und wie viel von ihren Errungenschaften am Ende des Mittelalters auf die ein neues Geistesleben beginnenden Völker überging. Aber sie haben noch ein anderes unendlich großes Verdienst. Als die abendländischen Volker anfingen, sehnsüchtig die Hände nach den köstlichen Früchten alter Geistescultur auszustrecken, mußten die Juden hinzutteten und sie ihnen zugänglich machen, denn die Christen in ihrer entsetzlichen Unwissenheit verstanden nicht die Sprache, in denen der Geist der Alten sich mittheilte. Wenn die Juden nicht als Ueberfetzer gearbeitet hätten, so würden wir wohl noch lange im finstersten Mittelalter stecken geblieben sein. Das erste Volk, welches nach der Nacht der Völkerwanderung und ihren wüsten Orgien neues geistiges Leben entwickelte, waren die maurischen Araber, und ihnen machten nur Juden die griechischen Werke zugänglich." Ein kurzer Ueberblick zeigt, was die Juden auf dem Felde der Ueberfetzuug geleistet. Schleiden resumirt schließlich: „Blicken wir nun noch einmal zurück, so finden wir, daß die Juden während des finsteren, geistig öden und faulen Mittelalters die Erhalter eines rationellen Landbaues, aller größeren Gewerbe, des Seidenbaues, der Färbereien, der Webereien, die Träger und Förderer des den Wohlstand der Nationen bedingenden Welthandels sind. Wir haben gesehen, daß sie in ununterbrochener Geistesarbeit jedes Gebiet der Wissenschaften anbauen, fortbilden und den am Ende des Mittelalters endlich erwachenden Nationen überliefern. Sie sind die Begründer wissenschaftlicher Sprachkunde, sie sind der Bornirtheit und Unwissenheit des christlichen Klerus gegenüber die Einzigen, welche eine eindringende und allein fruchtbare Kenntniß der heiligen Schriften erhalten und fördern, weil sie für viele Jahrhunderte die Einzigen sind, welche die Kenntniß der morgenländischen (zum Theil selbst der griechischen) und der abendländischen Sprachen in sich vereinigen; sie waren die Einzigen, bei welchen die freie Entwicklung der Gedankenarbeit in Philosophie und besonders Religionsphilosophie Raum findet; welche die Ethik in einer Weise ausbauen wie kein anderes Volk. Sie sind es insbesondere, bei denen ganz ausschließlich eine wissenschaftliche Bearbeitung und Fortbildung der Medicin stattfindet; l 2) sie betheiligen sich fruchtbar am Fortschritt der Astronomie, sie gründeten die berühmten Schulen von Montpellier und Salerno und trugen wesentlich zum Aufblühen von Padua bei. Wenige Jahre nach Erfindung des Böcherdruckes hatten sie schon in vielen Städten vorzügliche Druckereien. Mit Recht sagt Ribeyra de Santos: „Wir verdanken den Juden grkßtentheils die ersten Kenntnisse der Philosophie, der Botanik, der Medicin, der Astronomie und Kosmographie, sowie die Elemente der Grammatik und der heiligen Sprachen, sowie fast alle Studien der biblischen Literatur." -) Wer diese Analyse und die angeführten Stellen liest, wird sich überzeugt haben, daß diese Abhandlung aus dem spontansten wissenschaftlichen Geiste, aus dem Eifer für wahrheitsgetteue Erkeuntniß der Geschichte geflossen und mit unermüdlichem Fleiße durchgeführt ist. Es sind hier keine Behauptungen aufgestellt, ohne daß die zahlreichsten Belege dafür dargeboten werden, und die Schlußfolgerungen sind stets das Resultat emsiger und unparteiischer Forschung. Wer mir diesem weitschichtigen Gegenstände nicht selbst vertraut ist, wird doch schon aus den Anführungen 1) Wenn der Herr Professor Billroth in seinem Buche „Lehren und Lernen der medicinischen Eigenschaften" sich darin gefällt, seine alten Borurtheile auszukramen (Auerbach har ihn in P. Lindan's Gegenwart 1876, S. 17 f., wie mir scheint, noch lange nicht derb genug zurechtgcwiesen), so ist das seine Sache; aber wie kann ein öffentlicher Lehrer darin zugleich eine so bodenlose Unwissenheit in der Geschichte seiner eigenen Wissenschaft zur Schau tragen'? Er kennt offenbar die ungeheure Bedeutung der Juden für die Medicin nicht und hat daher nicht bedacht, das; es ohne die Juden vielleicht nie einen Prosessor Billroth gegeben haben würde. Schleiden. 2) liibezra de Sau tos, Memurias de Ulteralure portogucsa. Tom. II. Lissabon, 1792. 47

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