Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1876)
- Date
- 1876-11-21
- Page
- Seite 752 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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752 Glaubeuszwang aufzulehnen. Auch iu der Philosophie darf man sagen: ohne Judeuthum keine Scholastik und kein Fortschritt, also keine Fortbildung der Philosophie." Er fährt fort: „Ich wende mich jetzt zu einem &fbnt>eten Zweige der Philosophie, der Echik, die im Judenthum schon deshalb eine hohe Stellung eivnahm, weil seit der Zerstörung des Tempeldienstes in Jerusalem den Juden nur noch diese Form des Gottesdienstes, die sie schon von jeher gepflegt, übrig blieb. Zunächst erwähne ich dabei eines Punktes, der die Ethik mit der Religionsphilofophie verknüpft, nämlich die Toleranz. Die echte Toleranz ist die Bethätigung des eigenen Seelenadels, der den Menschen überall ohne Rücksicht auf seinen Glauben menschlich und mit Güte behandelt. Daß in dieser Hinsicht die Christen bis aus den heutigen Tag nicht sehr lobenswerth dastehen, ist bekannt genug, und das widerlegt allein schon die Behauptung, daß das Gebot allgemeiner Menschenliebe dem Christenthum eigen sei. Bei den Juden finden wir das gerade Gegentheil. Sie waren nie bekehrungssüchtig und erschwerten Anderen möglichst den Uebertritt. Ja ein gelehrter Rabbiner stellte den Satz auf: „Mißtraue jedem Proselyten bis zur zehnten Generation." Es war R. Abuja Nachmanni im 4. Jahrhundert, desien Wahlspruch war: „Halte Frieden mit Brüdern und Verwandten, mit aller Welt, selbst mit den Heiden draußen;" und seit ihm erkannten eigentlich die Juden keinen Unterschied mehr an zwischen Recht- und Andersgläubigen, unv nur die Rabbiner einzelner Schulen versuchten zu Zeiten ihre Reingläubigkeit, z. B. gegen Maimouides, durch einen längst machtlos gewordenen Bann zu beweisen. Die Juden scheuten keineswegs die Mischung mit Heiden und Christen, noch Len geselligen Verkehr mit ihnen, z. B. bei gemeinschaftlichen Gastmählern, bis das Alles von Len christlichen Priestern verboten wurde. Im 10. Jahrhundert erschien ein anonymes Werk von einem Juden, worin Wohlwollen, Milde und Gerechtigkeit gegen Andersgläubige unter Androhung der Verdammung gelehrt wird, und gerade zu der Zeit, als in Spanien, Frankreich und Deutschland die nichtswürdigste Versolgungssucht gegen die Juden wuthete, schrieb ein französischer Jude, JeIuda Sir Leon ben Jsaac (Ha Chasid, „der Fromme", gywMtt), eine Anweisung für höheres religiöses Leben, worin er lehrt: „Wie gegen den Glaubensgenosien sc.st du auch redlich gegen den Christen handeln; hat dieser sich zu seinem Nachtheil geirrt, so sollst du ihn darauf aufmerksam machen; ist der Jude Zolleinnehmer, so soll er dem Christen nicht mehr abfordern al^ dem Juden; der Jude soll weder gegen Juden noch gegen Christen sich eines lügenhaften Vorwandes bedienen und nicht einmal einem unsicheren Borger sagen, man habe kein Geld; man soll dem Christen nichts entwmden, denn Gott steht allen Bedrängten bei rc." /L Ich dächte, das wäqMbon genug, um eine Menge gehässiger Vorurtheile gegen bie^Kden lächerlich zu machen. Gehen wir nun bestimmt auf die Echik ein, so bemerke ich zuerst, daß die Befolgung des Sitteugesetzes erste und fast einzige Pflicht gegen Gott, eigentlicher Gottesdienst war, und wenn wir von der wandelbaren Meinung Einzelner abseheu, ist den Juden das Princip des Sittengesetzes nur das dem Menschen angeborene Streben nach Vollkommenheit, dem man genügen müsse, also gewiß der reinste, selbstloseste Beweggrund. Da die Sittlichkeit den Juden religiöse Pflicht war, so kan» es eigenttich keinen Lehrer bei ihnen geben, der nicht die Fragen der Echik berührt und mehr oder weniger eingehend behandelt hat. Es genügt mir daher hier, einige ausgezeichnete Namen zu nennen, deren Träger einen weiter verbreiteten und länger dauernden Einfluß auf das Judenthum ausüblen." — Die Einzelheiten, aus der Geschichte der jüdischen Ethik geben dem Verfasser noch zu mancherlei erfreulichen Bemerkungen Veranlassung, namentlich über die Stellung, welche die Juden zu den Landesgesetzen grundsätzlich einnahmeo, und worin sie nichts zu wünschen übrig ließen. Unbedeutend ist, was Schleiden über die jüdische Geistesarbeit in der Rechtswissenschaft bemerkt. Hier befindet sich eine wesentliche Lücke in seiner Darstellung. Bekanntlich hat sich der jüdische Geist gerade in der Rechtswissenschaft bei den Talmudiste» und Rabbiuen bis zu unsrer Zeit in außerordentlichem Maße bethätigt und eine umfängliche Literatur geschaffen, selbst auch iu den Zweigen, welche für ihn die praktische Bedeutung verloren hatten. Um so sicherer suhlt der Verfasser sich wieder auf dem Boden der Medicin und Naturwissenschaften. Er sagt: „Auch die Gesundheitspflege, sowohl die Erhaltung der normalen Beschaffenheit des eigenen Körpers durch zweckmäßige Diät als auch die Pflege der Wiederherstellung der Kranken, wird bei den Juden als sittliche Pflicht angesehen. Daher finden wir die meisten Lehrer auch in der Arzneikunde gebildet und dem ärztlichen Berufe sich hingebend. Wie gewissenhaft dieser Beruf aufgefaßt wurde, kann das uns erhaltene schöne Gebet des Maimonides für einen Arzt, der einen Kranken besuchen will, darthun. Mau darf sagen, daß bis zum Aufblühen der wesentlich durch Juden gestifteten Schulen. von Montpellier und Salerao die Juden fast die einzigen Aerzte auf der ganzen damals bekannten Erde waren, denen sich erst später in Spanien die Araber anschloffen, bis diese aus Spanien vertrieben wurden, worauf die Juden wieder die alleinigen Vertreter der medicinifchen Wissenschaften wurden. Die bodenlos unwissenden und rohen Christen der damaligen Zeit kamen sogar zu dem absurden Aberglauben, daß die Juden von Natur die alleinige Anlage zur Arzneikunde hätten; Fürsten und Geistliche, die auf die schändlichste Weise die Juden plünderten und vertrieben, weigerten sich doch, wie z. B. Franz I. von Frankreich, hartnäckig, einen Christen, ja nur einen getauften Juden als Leibarzt avzunehmen. Es gab eine Zeit, iu der die Juden als Leibärzte das Leben sämmtlicher Fürsten und Prälaten in ihrer Gewalt hatten. Noch im 16. Jahrhundert waren die berühmtesten Aerzte zu überwiegend großem Theil Juden."