Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1876)
- Date
- 1876-11-14
- Page
- Seite 747 (sequence 13)
- Language
- German
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747 politischen und socialiftischen Strudel vor und während 1848 eingelaffen, wird man bemeffen, wenn man weiß, daß diese Frau die bulletins de la republique verfaßte, welche Ledru Rollin Unterzeichnete und die nicht wenig zu der Katastrophe beitrugen, welche in dem Junikampf von 1848 ihren unseligen Ausgang fand. Dennoch ist nichts sicherer, als daß George Sand während ihres ganzen Lebens und in allen Wandelungen, die sie in ihrem wechselvollen Leben durchmachte, die aufrichtigste Anbeterin Gottes und die volle Anhängerin des Unsterblichkeitsglaubens gewesen ist. Wie weit sie sich auch in ihrer ersten schriftstellerischen Periode in sittlichen und socialen Anschauungen verirrte, am Gottglauben, an der Ueberzeugung der göttlichen Wellordnung, der Vorsehung und Vergeltung zweifelte und rüttelte sie niemals. — Was den als Historiker und Physiolog berühmten Michelet betrifft, so sagt sein jüngster Biograph Othenin d'Hauffonville, der im Grunde für M. nicht sehr eingenommen ist und namentlich das Auftreten M's. gegen das Christenthum hart tadelt, am Schluffe seiner Abhandlung in der Revue des deux rnondes oom 1. Juni cur.: „Trotz dieser Gefühle gegen das Christenthum blieb Michelet dennoch im Herzen Deist. Er glaubte nicht allein an einen vagen und abstrakten Gott, an einen für unsre Geschicke und Leiden gleichgültigen Gott, sondern an einen persönlichen handelnden, barmherzigen Gott, deffen Liebe und Schutz er fast mit Mysticismus anflehete. Er hatte einen kräftigen Glauben an die Unsterblichkeit der Seele. Seine lebhafte Persönlichkeit stieß den Gedanken der Auflösung von sich. Das Vertrauen zu dieser tröstlichen Gewißheit spricht vielfach ans seinen Schriften. In den letzten Jahren seines Lebens scheint er sich darin noch gekräftigt zu haben. „Ich kenne nur eine Welt (schrieb er am 1. März 1873) und indem ich überall das Gleichgewicht, die Gerechtigkeit in den physischen Dingen erblicke, zweifle ich nicht, daß gleichfalls ein Gleichgewicht und eine Gerechtigkeit in den moralischen Dingen besieht, wenn nicht hier, wenigstens jenseits in den Welten und den Existenzen, die uns Vorbehalten sind, zu durchschreiten .... Ich sehe, daß in allen Dingen der Fortschritt den fortwährenden Gang dieser Lebenskraft ausmacht, die stets vom Guten zum Beffern schreitet, und ich bewahre die Hoffnung, wie ein muihiger Arbeiter, daß ich von meinen unvollkommenen Arbeiten zu befferen gelangen werde." Fester und rührender noch ist die Hoffnung, die die letzte Zeile seines Testaments ausdrückt: „Gebe Gott, daß ich die Meinigen und Die, welche ich geliebt, wiedersehe! Daß Er meine Seele voll Dankes für so viel Gutes, so viele Jahre des Fleißes, so viele Wohlthalen und so vieler Freundschaft bei sich aufnehme!" — Dem Herrn Correspondenten aus Chemnitz danken wir, uns auf das Schristchen des Herrn Plötlner aufmerksam gemacht zu haben; beachten können wir es jedoch nicht. Unsrer Meinung nach hat Schopenhauer philosophirt, war aber kein Philosoph, und seine Anschauung zu einem philosophischen Systeme nicht angethan. Dazu ging er allzusehr von willkürlichen Voraussetzungen aus, die aus einer gallichten Stimmung hervcrgingen. Am wenigsten halten wir es für angemeffen, die Ansichten Schopenhauers zu popularisiren und in das Volk zu bringen, wie Plöttner es beabsichtigt. Das hieße nichts Anderes als den Socialisien eine reiche Nahrung zusühren. Wenn übrigens Plöttner, seinem Meister folgend, auf das Judenthum und die Juden losschlägt, so können wir dies nicht anders von Leuten erwarten, welche Gott, Welt und Menschen so arg mißhandeln. Das Judenthum ist nun einmal der Gegensatz des extremen Pessimismus und daß die Antipoden ihre Gegenfüßler recht klein und verkümmert machen wollen, kann nicht überraschen. Man schreibt uns aus Brandenburg a. d. H.: Sonntag, den 29. October, waren es 50 Jahre, daß die Firma W. Gumpert u. Sohn hierorts als Bankgeschäft besteht. Zur Feier des Tages erschienen am Vormittag in der Wohnung des jetzigen Inhabers der Firma, Herrn L. Gumpert, Deputationen der städtischen Behörden, der Synagogengemeinde, des kaufmännischen Vereins und der Gesellschaft „Verein", um dem Jubilar, der sich um die Stadt und ihre Corporationen wohl verdient gemacht hat, unter dankbarer Anerkennung seines verdienstlichen Strebens und Ueberreichung werthvoller Geschenke, ihren Glückwunsch auszusprechen. Der Herr Oberbürgermeister der Stadt überreichte das von Sr. Majestät dem Kaiser aus Anlaß des Jubiläums verliehenen Diplom der Ernennung zum Königlichen Commerzienrath. Man kennt noch die barocke und geschmacklose Weise, in welcher die Maggidim im vorigen und an den für sie noch paffenden Orten auch in diesem Jahrhundert ihre Vorträge hielten. Wir selbst haben einmal im „Jüdischen Volksblatt" einen der hervorragenden Glieder dieser Gilde schildern und eine Reihe seiner, oft witzigen Einfälle anführen lassen. Man irrt sich jedoch, wenn man diese so beschaffenen Kanzelredner als ein Eigenlhum der Synagoge ansieht. In Nr. 21 ff. der „Grenzboten" schildert M. Busch „die Kanzel in der guten alten Zeit", und führt eine Menge katholischer und protestantischer Kanzelredner ruf, die mit den Maggidim vollständig rivalisirten. Eines jedoch haben die letzteren voraus, daß sie sich niemals der Obscenitäten bedienten und bedienen durften, wie es namentlich die früheren katholischen Prediger thaten und noch jetzt bei den sogenannten Missionen nicht ganz vermeiden sollen.