Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1876)
- Date
- 1876-11-14
- Page
- Seite 746 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227116--34908-3304827- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
746 An der Spitze der Verwaltung stehen der Direcwr und der dirigirende Arzt, die unentgeltlich ihre besten Kräfte stets daran gesetzt, die Anstalt zu heben und zu fördern. Diese Anstalt besitzt ihr eigenes Haus mit anschließendem Garten, und gewahrt während der vier Sommermonate vom 15. Mai bis zum 15. September mehr denn 120 armen Kranken unentgeltlich — Wohnung, Verpflegung, Bäder und ärztliche Behandlung. Nach Tausenden zählt schon die Zahl, die dieser Anstalt ihre Wiedergenesung von allerhand Leiden verdanken, und die edlen Stifter und Leiter sehen hierin den reichsten Lohn für ihr humanes Wirken und Streben. Die beiden ehemaligen Directoren, die Herren Nagler und Bauer, haben sich in ihrer mehrjährigen Thäligkeit segensvoll um die Anstalt bemüht, und wird ihr Name, so wie der des früheren Oberarztes Dr. Gottfried Schmelkes, fei. Angedenkens, der die Anstalt wie seinen Augapfel gehütet, wohl nie vergesien werden. Dem sel. Dr. Schmelkes verdankt die Anstalt gar viel, da er ohne Rasten nur darauf bedacht gewesen, sie zu einem Musterinstitur zu erheben. In diesem Jahre wurde der langjährige Controleur der Anstalt, der bekannte hochherzige Herr Moritz Steiner, Kaufmann zu Teplitz, zum Director gewählt und sofort installirt. Diese Wahl hat in den betheiligten Kreisen volle Zufriedenheit hervorgerufen und wird allenthalben als eine wirklich glückliche bezeichnet, weil die Vergangenheit dieses Biedermannes, der mir ganzer Hingebung der Anstalt und allen guten Zwecken gelebt, die wahrhaft beruhigende Hoffnung für die Zukunft gewahrt, Laß sein Wirken fürrer zum Heil und Segen der Anstalt und der leidenden Menschheit sein werde. Der derzeitige Primararzt, Herr Dr. I. Hirsch, der als Arzt weit und breit bekannt, widmet den armen Kranken seine ganz besondere Theilnahme und Fürsorge und ist mir Hintansetzung seiner anderweitigen Praxis stets bemüht, das Wohl derselben zu fördern. Gleich einem liebenden Vater weiß er sich das Herz der Kranken zu erschließen, und seine ihm angeborene Humanität ist es, die allen Leidenden Trost und Hülse, gar zu oft aus eigenen Mittteln, in reichster Fülle spendet. Große Ziele verfolgt die Anstalt mit nur wenigen Mitteln und die ihr spärlich zugemesienen Capitalien genügen oft kaum die bescheidensten Ansprüche zu befriedigen. Zu schwach ist die Theilnahme der Begüterten für diese Anstalt, die allen Kranken Israels aus Rah und Fern die Aufnahme gewährt, so weit es rer Raum gestattet. Mögen diese Zeilen ein regeres Interesse für dieses gute Werk allerwärts anregen. Am Iahrzeirstage eines jeden verblichenen Spenders findet in der Anstalt ein würdiger Gottesdienst statt, wobei der Name des Dahingeschiedenen in einem besonderen Gebet in dankbarster Erinnerung erwähnt wird. Auf besonderen Ehrentafeln sind die Wohlthäter alle ausgezeichnet und stehen den armen Kranken stets vor Augen, die ihre Namen dann mit innigem Dank aus sprechen. Gedenket der Anstalt! Gedenket der leidenden Menschheit! Mögen sowohl der Einzelne als auch ganze Gemeinden in Israel das gute Werk unterstützen und für desien Fortbestehen Sorge tragen. Berlin, im October 187 6.- H. Ksinskh, Schuldirector. Vermischtes. Die religiöse Ueberzeugung, welcher Art sie auch sei, schließt die Neigung zur Umgestaltung der bestehenden Verhältnisse, ja zum Revolutionären nicht aus. Der römische Katholicismus, wenn er dem Papste die Macht verleiht, die Unterthanen eines Staates ihres Gelübdes der Treue gegen ihren Herrscher zu entbinden, sanctionirt die Revolution, und der Klerus hat oft genug factisch den Souverän zu stürzen versucht, der ihm mißfiel. Der Protestantismus stellte eine Zeitlang die unbedingte Pflicht des passiven Gehorsams aus, stellte jedoch dieselbe in Abrede, als es sich z. B. um die Absetzung der Stuarts in England (1688) handelte. Auch das mosaische Gesetz (5 B. M. 17, 14 ff.) gab dem vereinigten Volke das Recht, seine Verfassung zu ändern, die Republik in eine Monarchie zu verwandeln knüpfte die letztere aber an Bedingungen, deren Erfüllung allein ihren Bestand sichere (B. 20). Deshalb kann man umgekehrt behaupten, daß die Neigung zu Neuerungen, ja zum Revolutionären die innerste und feste religiöse Ueberzeugung nicht ausschließt. Es ist diese, auf Wahrheit beruhende Bemerkung in' unsrer Zeit darum von Wichtigkeit, weil die „Frommen" aller Consessionen stets alle diejenigen für gottlos erklären, welche sich ihrem Willen nicht unterwerfen, ja welche dem Fanatismus entgegentreten. — Wir haben hierfür in jüngster Zeit zwei Beispiele anzuführen, welche den Zeloten zu großem Aergernisse dienten. Frankreich hat in jüngster Zeit zwei feiner bedeutendsten Schriftsteller durch den Tod verloren, und zwar solche, welche nicht bloß durch ihr schriftstellerisches Genie, sondern auch durch die große Verbreitung ihrer Werke einen mächrigen Einfluß, zum Theil weit über die Grenzen ihres Vaterlandes ausüblen: Jules Michelet und George Sand. Von dem ersteren, der auch eine Geschichte der französischen Revolution geschrieben, weiß Jeder, der von seinen Schriften gelesen, wie übermäßig demokratisch er gesinnt war, und wie er wohl mitgewirkt, die berüchtigte Pariser Commune herbeizusühren, die ihm freilich auch sein Haus zu Paris verbrannte. Seine Tendenz kostete ihm unter Ludwig Philipp seinen Lehrstuhl an der Universität zu Paris, aber selbst die republikanische Regierung von 1848 verweigerte, ihm denselen zuruckzugeben. Wie tief sich George Sand in die 1) Daß die talmudische Interpretation aus dieser Berechtigung eine Verpflichtung machte, kann hier nicht berücksichtigt werden.