Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 40 (1876)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1876)
- Date
- 1876-11-14
- Page
- Seite 745 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227069-3227116--34907-3304826- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
745 den Bergen oder an den Küsten weilen, um frisches Material aus den freigebigen Quellen der Natur zu schöpfen. Die jetzt beendete und zur Einschiffung nach Amerika bereite Gruppe wurde, wie bekannt, im Aufträge der jüdischen Loge Bnai-Berith gearbeitet, welche sie der Regierung der Bereinigten Staaten übergeben will, zur Feier der hundertjährigen Befreiung vom Drucke, welche ihr Volk unter unserer Regierung genoffen hat. Ihre Hauptfigur ist eine weibliche, beinah elf Fuß hoch, sie stellt Amerika dar, in einfaches und klassisches Gewand gekleidet, auf der Brust ein Schild mit Sternen und Streifen im Relief. Ihre linke Hand ruht auf einem Bündel eng zusammengefügter Stäbe, ein Symbol für die Vereinigten Staaten, auf den Gesetzrollen der Constitution und einem Lorbeerzweig. Der rechte Arm ist in abwehrender Bewegung ausgestreckr, als wenn sie Alles fern halten wollte, was die Freiheit ihres Volkes beeinträchtigen könnte. Zur Rechten und theilweise von Amerika beschattet, steht ein nackter Knabe, den Glauben darstellend, den Kopf und die eine Hand bittend zum Himmel gerichtet, während die andere eine Schale trägt, in welcher die ewige Flamme der Religion brennt. Auf der anderen Seite, zu Füßen der Hauptfigur ist ein Adler, die Krallen tief eingegraben in den Nacken einer ungeheuren Schlange, der Intoleranz, deren Körper sich theilweise um das Bündel Stäbe windet, und deren Kops aus dem stiegenben Gewände der Amerika hervorzüngelt. Die Ausführung dieser Gruppe hat fast zwei Jahre in Anspruch genommen, und sie ist außer Frage eine der meisterhaftesten Arbeiten in der Skulptur, welche bis jetzt aus den Händen eines Amerikaners hervorgegangen sind. Breit und einfach in ihrer Behandlung, wie sie im Verhältniß zu ihrer Größe und der Stellung sein muß, die ihre Bestimmung ist, und doch kein Detail auslaffend, das zur Treue des Ausdrucks gehört, erfüllt sie das erste Haupterforderniß wahrer Majestät in der Kunst — nämlich das, so vollkommen in seinem Ausdruck und seiner Symbolik zu sein, daß nichts hinzugefügl oder hinweggenommen werden könnte, ohne die Einheit des Gedankens zu stören. Der Gesichrsausdruck ist sehr paffend, der der Amerika ruhig und selbstvertrauend, und das Gefühl und die Handlung ist in jeder der Figuren, ohne übertrieben zu sein, bis zu den Fingerspitzen ausgearbeitet, ein Verdienst, welches leider nicht häufig in der Skulptur zu finden ist. Die Gestalt des Knaben ist kühn und kräftig modellirt, seine Nacktheit ist das Symbol der Wehrlosigkeit, während die Wahl der aufrechten Haltung für einen betenden Ausdruck ein männliches Vertrauen in die göttliche Fügung zu erkennen giebt, und dies ist ein Fortschritt im Vergleich zu den zahlreichen liegenden und demürhigen Stellungen religiöser Figuren, mit welchen Italien überfluthet wird. Die Ausstellung des Werkes in Rom hatte einen glänzenden Erfolg, sowohl in Hinsicht auf die Zahl wie die Urtheilsfähigkeit der Besuchenden, obgleich sie etwas unscheinbar m einem einzigen Journal angezeigt worden. Das Atelier des überraschten Künstlers war von früh Morgens bis spät in die Nacht überfüllt, und dies bei einer römischen Sonnenhitze, was nicht nur beweist, daß das unbestreitbare Verdienst des Herrn Ezekiel ihm hohe Achtung gewonnen hat, sondern auch, daß selbst Rom, deffen Geschichte bei jedem Schritte voll der Glaubenstyrannei ist, doch endlich an Religionsfreiheit glaubt. Die Presse der Stadt ist einstimmig in ihrem Lobe; jüngst haben Artikel in der Jtalia, dem Popolo Romano, der Opinione und dem Dirino darüber gestanden, letzteres ist eine anerkannte Autorität. Das Kunstwerk geht sofort nach Livorno zur Uebersahrt, ein schon an sich kühnes Unternehmen, da das Gewicht beinah fünfzehn Tonnen beträgt. Es soll in Philadelphia in der Ausstellung seinen Platz finden, wonach es dann auf einem der Squares der Hauptstadt stehen soll. Es trifft sich sehr paffend, daß diese Darstellung der Freiheit in Gedanken und Wort unter dem Schutze unserer Fahne, von Einem aus dem Volke ausgesührt worden, va? das Geschenk darbietet, und ebenso bedeutungsvoll ist die Thatsache, daß es auf römischem Boden erwuchs, cem Orte, wo vor allen anderen das jüdische Volk Jahrhunrerte hindurch die Qualen der Verachtung und Demüthigung erduldete. Wenn es seine letzte Bestimmung wohlbehalten erreicht haben wird, besitzt Washington auch einen Block cararischen Marmors, deffen Amerika sich nicht zu schämen braucht. Das Zsraeliten-Sadehospital zu Teplitz. Unter den edlen und humanen Anstalten der Neuzeit, die geschaffen worden, um der leidenden Menschheit eine Stätte der Heilung zu sichern, verdient das Jsraeliten-Badehospital zu Teplitz eine ganz besondere Beachtung und Berücksichtigung. Diese Anstalt wurde vor vierzig Jahren, und zwar 1836, von dem hochherzigen Nastali Katz aus Teplitz unter dem Namen „Jsraeliten- Badehospital für in- und ausländische arme Kranken" gegründet, um den vielen, zum Theil hochachtbaren Kranken, die nicht mit genügenden Mitteln gesegnet, die Möglichkeit zu verschaffen, die heilwirkenden Thermen in Teplitz gebrauchen zu können. Die Anstalt entsprach einem langgefühlten Bedürfniß, und erfreute sich des besondern Wohlwollens vieler edler und humaner Männer, die durch Stiftung von Legaten sich in der Anstalt und in den Herzen der armen Kranken ein bleibendes Andenken gegründet haben. Mit besonderer Hochachtung verdienen Männer, wie die Herren: Commerzienrath Josef Liebermann zu Berlin, Mathias Rosen zu Warschau und dergleichen edle Herzen mehr, als Muster für Humanität und Wohlthätizkeit der Mit- und 'Nachwelt genannt zu werden. Auch einige Gemeinden Oesterreichs und Deutschlands begrüßten die Anstalt mit Freuden und spendeten Beiträge, um das wahrhaft gute Werk nach Gebühr auszustatten. 46*